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Eine Schweſter der Madame Lafarge. 89
„Der König ſtirbt!“ und die Ritter eilten zum Könige hin, neben welchem verzweifelnd De Lorges kniete.
Man brachte den König hinweg. Seine letzten Worte waren:„De Lorges trägt nicht die Schuld, nur ich—“ und der kräftige, lebensfrohe Mann war eine Leiche.
Das war das letzte Tournier in Frankreich, wie zehn Jahre früher, im Jahre 1547, auf eben demſelben Platze das letzte Gottesurtheil abgehalten worden war.
Das Schloß Tournelles, der unglückliche Schau⸗ platz dieſes blutigen Feſtſpieles, wurde niedergeriſſen, und den Ort, wo es damals ſtand, bezeichnet im heuti⸗ gen Paris die Place Royale.
Eine Schweſter der Madame Lafarge.
or mehreren Jahren durchwanderte ich den Rohr⸗ 5M ſtock in der Hand, die Cigarre im Muͤnde, fröh⸗ Be lichen Herzens und leichten Sinnes die grünen 5 Berge von La Coréze. Den Windungen eines Fluſſes folgend, athmete ich den Duft der Veil⸗ chen und wilden Roſen, mit denen ſeine Ufer be⸗ pflanzt waren, als plötzlich ein Ausruf der Freude hinter mir ertönte.
„Er iſt es, unſer Freund!“
Erſtaunt wandte ich mich um und erblickte vor mir zwei Perſonen, an die lange nicht gedacht zu haben ich mir unwillkürlich den Vorwurf machen mußte.
„Sir Anthony, Du hier!“ rief ich aus.
Dann wandte ich mich gegen die junge, ſich nach⸗ läſig auf den Arm ihres Begleiters lehnende Dame und machte ihr eine tiefe Verbeugung.
„Ihre Hand,“ ſagte Pulchérie;„ſind wir nicht alte Freunde?“
Ich ergriff die zartemir dargebotene Hand und drückte ſie an meine Lippen.
„Wo kommſt Ou hierher?“ fragte Sir Anthony, „Du mein alter Kamerad von Oxford, mit dem ich mich ſo oft für meine Nationalehre geboxt? Muß ich Dir erſt Gaſtfreundſchaft anbieten, haſt Du vergeſſen, an meine Thür zu klopfen?“
„Ich wußte nicht, mein guter Sir Anthony, daß Du hier Deinen Wohnſitz aufgeſchlagen. Ich verließ Dich in Paris einen Monat nach jenem glücklichen Tage, der Dich zum Gatten der reizendſten Frau machte.“
Ich blickte, indem ich dieſe Worte ausſprach, Pul⸗ chérie an und war erſtaunt über den Eindruck, den dieſes Kompliment auf ſie hervorgebracht. Sie erblaßte.
„Schweig!“ rief Sir Anthony,„Du kennſt mein Unglück nicht! Der Tod—“
Er vollendete den Satz nicht. Auch ich ſchwieg, un⸗ fähig, mir das räthſelhafte Benehmen der Gatten zu erklären.
In dieſem Augenblicke ſchlug die Uhr des nahe⸗ gelegenen Dorfes zwölf.
„Komm,“ ſagte Sir Anthony,„das Frühſtück erwartet uns. Wir halten im Schloſſe ſtets einige Zimmer LXX XII. 1861.
Erinnerungen.
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für einen Freund in Bereitſchaft, und ich hoffe, Du wirſt dieſelben auf einige Tage bewohnen.“ Dann fügte er leiſe hinzu:„Dieſen Abend, wenn wir allein ſind, ſollſt Du alles erfahren.“
Ich nahm die Einladung an und folgte meinen Freunden auf das Schloß. Trotz der Liebenswürdigkeit der reizenden Pulchérie, trotz der herzlichen Freund⸗ ſchaftsbeweiſe ihres Gatten war ich jedoch weit entfernt, mich in einer behaglichen Stimmung zu fühlen. Sir Anthonys ſeltſamen Aeußerungen bedrückten mich.
Die Mahlzeit ſollte meine Verwirrung noch um vieles vergrößern. Es wurden die auserleſenſten Gerichte aufgetragen, ohne daß Sir Anthonh eins davon be⸗ rührte.
„Wahrhaftig, mein lieber Anthony, Du ſetzeſt mich in Erſtaunen!“ konnte ich mich ihm zu ſagen nicht enthalten.„Du, ſonſt der größte Gourmand unſeres Kreiſes, biſt mäßig geworden wie ein Trappiſt!“
„Ich habe keinen Hunger,“ murmelte er dumpf. Pulchérie ſchlug die Augen nieder.
„Iß doch, meig Freund!“ ſagte endlich die junge Frau mit zitternder Stimme.„Dieſe Paſtete iſt ausge⸗ zeichnet— willſt Du ſie nicht verſuchen?“
„Nein, nein!“ rief Sir Anthony heftig,„ich begnüge mich mit der Milch, welche ich ſelber melke, und einem Roggenbrode, das ich von einem Landmann kaufe.“
„Das iſt eine ſeltſame Laune,“ bemerkte ich.„Willſt Du ein Heiliger, ein Märthrer werden? Hat man je der⸗ gleichen gehört, ein engliſcher Baronet, der die Kühe melkt?“
Ich brach in ein lautes Gelächter aus, Pulchérie ſchien ſich in der größten Verwirrung zu befinden, An⸗ thony aber ſagte:
„Im Namen des Himmels, kein Wort weiter über dieſen Gegenſtand. Heute Abend ſollſt Du alles erfahren.“
Ich ſchwieg natürlich dieſer Weiſung gemäß, erwar⸗ tete aber mit Ungeduld die Stunde, welche mir die Löſung des ſeltſamen Räthſels bringen ſollte. Sie kam endlich.
Kaum hatte ich mich in das mir angewieſene Zim⸗ mer zurückgezogen, ſo klopfte es an die Thür und Sir Anthony treat ein.
Er verſchloß das Zimmer ſorgfältig, um vor jedem Lauſcher ſicher zu ſein, warf ſich dann in meine Arme und fing an zu weinen.
„Anthony, mein Freund!“ rief ich aus,„was iſt Dir? Sprich, vertraue mir Dein Leid.“
„Ich bin der unglücklichſte Menſch!“
„Warum?“
„Höre. Du weißt, wie ich in Paris Pulchérie kennen lernte, ſie liebte, mich mit ihr verheiratete. Sie war eine Waiſe von guter Familie, arm, ſchön, geiſtreich — köſtliche Eigenſchaften, wenn wir ſie in der vereinigt finden, welche wir lieben. Aus vollſter Seele hoffte ich auf Glück, ahnte nicht das furchtbare Geheimniß, welches ſich mir ſpäter zu meinem Schrecken offenbart hat.“
„Ein Geheimniß?“
„Pulchérie, die blonde, ſanfte Pulchérie, iſt in derſelben Penſion erzogen, wo auch Madame La⸗ farge— dieſer Macchigvell in Frauengeſtalt—
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