84 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
Frühſtück. Mittags ſpeiſten nach damaliger Sitte die Officiere und Junker an dem Tiſche des Rittmeiſters. Der hatte aber eine alte geizige Schweſter und die Biſſen waren ſchmal zugetheilt. Suppe, Gemüſe und ausgekochtes Fleiſch in kleinen Portionen, dazu Dünn⸗ bier bildeten das Mahl. Wer eine Minute zu ſpät kam oder ein Fleckchen auf das Tiſchtuch machte erhielt Arreſt. Wer gefragt wurde, durfte ſprechen, anders nicht.
Der Rittmeiſter war ſtreng und brummig. Beim Exercieren waren:„Verfluchte Lümmel, infames Racker⸗ zeug, krummbeinige Schneidergeſellen“ ſeine mildeſten Worte; dabei hieb er mit ſeiner langen und ſchweren Reitpeitſche über Pferde und Reiter, unbekümmert, wo⸗ hin die Hiebe fielen. Da gab es manche dicke und rothe Schwielen. Des Rittmeiſters Entſchuldigungsworte, da ein Junker weder geſchimpf noch gar geſchlagen werden durfte, waren:„Junker, Sie ſind bei Allem nicht mit dabei gemeint.“ Aber die Hiebe hatte der Junker weg.
Bei alledem übten die Junker die tollſten und lu⸗ ſtigſten Streiche aus, unbekümmert um Arreſt und die Donnerwetter des Rittmeiſters. Dem Bürgermeiſter des Städtchens wurde während der Nacht die Hausthür zu⸗ genagelt. Hunde, Katzen, Hühner und Gänſe wurden eingefangen oder Nachts aus den Ställen geholt und mit allen möglichen Farben bunt angemalt wieder ent⸗ laſſen. Als Geſpenſter verkleidet erſchreckten die über⸗ müthigen Junker Abends die ehrſamen Bürger, und der gemeinſamen Feindin Aller, des Rittmeiſters Schwe⸗ ſter, warfen ſie einen großen Wollſack über den Kopf, trugen ſie darin fort und hingen ſie oben an den Aſt einer hohen Linde.
Dieſer Spaß war dem Rittmeiſter zu arg. Es gab harten Arreſt und die Junker wurden in andere Schwa⸗ dronen verſetzt. 3
Im Herbſt 1804 kam der wilde„Huſarenjunge“ nach Münſter, wo er zum erſten Male den alten Blücher ſah. Im Sommer 1805 wurde er Kornet, alſo Officier.
Die Huſaren hatten damals viel Dienſt an der Grenze und kamen mit den dort ſtehenden franzöſiſchen Officieren häufig in Berührung. Jede Streitigkeit mit ihnen war ſtreng verboten, dennoch fehlte es an Rei⸗
bereien unter den Officieren nicht, und es währte nicht
lange, ſo hatte Fritz mit einem franzöſiſchen Dragoner⸗ officier ein Duell und zwar zu Pferde.
Preußiſche und franzöſiſche Officiere waren in einem hart an der preußiſchen Grenze gelegenen ländlichen Wirthshauſe, in dem es trefflichen Rheinwein gab. Die Franzoſen führten übermüthige ſtichelnde Redensarten, namentlich hatte es ein großer franzöſiſcher Dragoner⸗ officier auf den jungen Kornet abgeſehen und prahlte, daß er mit ſeinem normänniſchen Hengſte den Kornet mit ſeinem Windhunde von Pferd über den Haufen reiten werde.
Der Kornet ſprang auf, nannte ihn einen unver⸗ ſchämten Prahler und verlangte Genugthuung.
„Hoho, Sie kleines Huſarchen,“ rief der Franzoſe lachend,„mit mir, dem Kapitän Dugommier, wollen Sie ſchon fechten; wahrhaftig, die Keckheit iſt ſo groß, daß ſie mich ſogar beluſtigt,“ und fügte hinzu, daß er
Das war genug. Die Herausforderung war ange⸗ nommen und zu Pferde ſollte das Duell ausgefochten werden. Eine geräumige, von einer Hecke umſchloſſene Feldkoppel in der Nähe des Wirthshauſes diente zum Kampfplatze.
Mit muthigem Gefühl beſtieg der junge Kornet ſeinen behenden Ukrainer Falben. Das Pferd war ſchnell und gewandt, aber etwas ſcheu und leicht umdrehend und paßte deßhalb wenig zu ſolchem Kampfe. Der nor⸗ männiſche Hengſt des Franzoſen war ruhig und ſicher zugeritten. Der Franzoſe war in voller Uniform, den Helm mit lang herunterhängendem Roßſchweif auf dem Kopfe, während der kleine Huſaren⸗Kornet nur den Dollman und eine leichte Mütze trug und einen krum⸗ men Huſarenſäbel hatte. Laſſen wir ihn auch dieſen Kampf ſelbſt erzählen.
„Auf dem Felde angekommen, wurden wir fünf⸗ undzwanzig Schritte von einander gegenübergeſtellt und mußten blank ziehen, während ſich die Gruppen der zu⸗ ſehenden preußiſchen und franzöſiſchen Officiere in ge⸗
„nügender Entfernung, um uns beim Kampfe ſelbſt nicht
zu hindern, aufſtellten.
„En avant, Messieurs!“ rief nun ein franzö⸗ ſiſcher Major, der als einziger anweſender Stabsofficier das Kommando übernommen hatte, und das Duell be⸗ gann. In langſamer Gangart ritt mein Gegner einige Schritte vor, blieb dann halten und legte ſeinen langen Pallaſch weit zum Stoß vor, mich ſo erwartend. Ein ungemein höhniſcher Ausdruck, der in ſeinen gemeinen Zügen lag, reizte mich noch mehr zum Zorn. Ich gab meinem Falben die Sporen und ſprengte in kurzem Galopp gegen den verhaßten Feind vor, um ihm wo möglich die linke Seite abzugewinnen und dann einen kräftigen Hieb über das läſternde Maul zu geben. Als ich dem Franzoſen auf wenige Schritte nahe gekommen war, ſchwirrte derſelbe einige Male recht ſchnell mit dem Pallaſch in der Luft umher, um mein Pferd ſcheu zu machen. Sein Plan gelang ihm. Mein Falber wollte ſcheu umdrehen, und als ich ihm die Sporen in die Seite hieb, bäumte ſich das Thier hoch mit mir in die Luft. In demſelben Augenblicke ſtieß der Franzoſe zu, allein ſtatt meine Bruſt, wie er gehofft hatte, zu treffen, fuhr ſeine Klinge nur durch die Säbeltaſche und blieb darin ſtecken, ſo daß er mir ſolche beim Zurückziehen mit entriß. Mein Falber war jetzt noch ſcheuer geworden, drehte kurz auf dem Hintertheil um und machte einige gewaltige Sätze zurück, bevor ich ihn wieder bändigen konnte. Wie glühende Stiche traf mich das höhniſche Gelächter und einige ſpöttiſche Worte, welche der ruhig auf ſeinem Platz halten gebliebene Franzoſe mir nach⸗ ſandte, und auch einige der zuſchauenden franzöſiſchen Officiere waren taktlos genug, um in ein Lachen auszu⸗ brechen. Ich bearbeitete mein Roß mit den Sporen, daß ihm das Blut aus den Flanken lief, warf es dann wieder herum und ſprengte auf' Neue gegen den in Stichparade ausliegenden Franzoſen an. Derſelbe wollte abermals dasſelbe Manoeuvre, mein Pferd ſcheu zu
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