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Ludwig Foglar: Der gordiſche Knoten. 79
indirekt mit der feindlichen Partei in Berührung zu ge⸗ bergen. Wirklich hatte Einer öfter Flott auf dem Wege
rathen. Namentlich entwickelten die Frauen einen uner⸗ ſchöpflichen Reichthum und auffallende Rührigkeit in Erfindung von kleinen Neckereien gegen ihn und paſſivem Widerſtand gegen das andere Geſchlecht— ſo daß endlich jede Familie iſolirt daſtand. Es war Schabſel gelungen, ſich zu einer Art von neutralem Zwiſchenträger aufzuwerfen und in ſeiner Weiſe die Situation auszu⸗ beuten, denn für manche Naturen— und ſie ſind nicht die unglücklichen— hat jegliche Stellung der Dinge in der Welt irgend eine zugängliche Seite, ſie finden die Handhabe, woran der Moment zu faſſen, blos darum, weil ſie eben ſich nicht erſt gewiſſenhaft bedenken, wie er zu faſſen. Er befriedigte mit dieſem Schüren der Gluth zugleich eine ganz kleine Racheluſt, weil Flott ihn längſt durchſchaut, aufgegeben und verlaſſen hatte, und ſtimmte der Frau Paſtorin vollkommen bei, welche ſich zu der Bemerkung hinreißen ließ:
„Man ſollte doch mit einem Menſchen, von deſſen Herkunft und Vergangenheit ſo gar nichts Zuverläſſiges bekannt ſei, vorſichtiger zu Werke gehen!“
„Freilich,“ fügte die hinzugetretene Berg⸗ und Hütten⸗Inſpektorin bei,—„freilich, was die Herkunft und Vergangenheit betrifft, darüber iſt ja auch Ihre Durchlaucht die Fürſtin ſelbſt in geheimnißvolles, für uns undurchdringliches Dunkel gehüllt. Daher dieſe Geiſtesverwandtſchaft, dieſe Vertraulichkeit. Wiſſet Ihr's denn? Unlängſt ritten ſie zuſammen in den Wald— da ſollen ſie ſich in einer verborgenen Hütte miteinander heimlich verlobt haben! Ja, es iſt unerhört!“
„Nun, gleich und gleich geſellt ſich,“ warf Schab⸗ ſel dazwiſchen und gab nicht undeutlich zu erkennen,
daß er auch Flott es zuſchreibe, daß die große Unter⸗
nehmung mit„Luft und Licht“ beinahe aufgegeben.
Dieſe ſcheinbar vergeſſene Angelegenheit, welche in den Kreiſen des ſogenannten erſten, zweiten und dritten Standes durch perſönliche Mißhelligkeiten und kleinliche Eiferſüchteleien all ihren verlockenden Nimbus eingebüßt hatte, war aber in den dunklen Schichten des vierten Standes keineswegs abgethan oder bei Seite geſchoben. Im Gegentheil; die Bauern, die zum Theil nicht nur„unterſchrieben“, ſondern auch einge⸗ zahlt hatten, und denen jetzt über ihr ſchönes Geld Niemand Rechenſchaft ſtand und die ebenſowenig An⸗ ſtalt gemacht ſahen, jene Wunder in's Werk zu richten, an denen ſie ſich bei jener erſten Verſammlung im Kaſinoſaale ſo inbrünſtig begeiſtert hatten, thaten ſich bedenklich zuſammen und gruppirten ſich zu Parteien, machten Front nach Oben.
Schabſel hatte auch hier die Hand im Spiele. Obwohl ſeiner Zeit mit am Ruder, konnte er doch, wie damals, auch jetzt wieder den Redner Flottvorſchieben. ſeine eigene Perſon mit ihm decken, und war frech genug, ſich eines allegoriſchen Witzes zu bedienen, indem er ſagte: Unſer Freund und Führer hat das Geheimniß der„Luftballon⸗ und Tarnkappen“⸗Unternehmung in der Tragantburg begraben. Die Bauern nahmen dieſe Ausflucht wörtlich und lebten der feſten Ueberzeugung, jene Ruine müſſe den geheimnißvollen Schatz beher⸗
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nach der maleriſch gelegenen Ruine begegnet und glaubte ſogar bemerkt zu haben, wie er etwas in die dort be⸗ findliche Ciſterne geworfen. Freilich waren dies nur Steine geweſen, allein die gläubige Phantaſie ver⸗ größerte und ſchmückte nachträglich das ganze Bild ſo reichlich, daß Flott das Anſehen eines Schatzräubers gewann und ſeine Ciſternenſteinchen das von verſenkten Perlen. Schabſel war froh, die Aufmerkſamkeit von ſich ab und auf ſeinen abtrünnigen Genoſſen gelenkt zu haben, um ſo mehr, als ihm jegliche Rechenſchaft über die bereits eingezahlten Gelder zu den Experimen⸗ tirfonds in dieſem Augenblicke die aufrichtigſte Verlegen⸗ heit bereitet haben würde.
Es hatte allerdings etwas für ſich, daß der neue Haushofmeiſter der Fürſtin von Verſuchen abgeſtanden ſein mochte, die nach ſeiner eigenen Darſtellung alle Art Beſitz und Geſellſchaft in ihrer dermaligen Form in Frage ſtellen müßte, folglich auch ſein perſönliches Verhältniß zu der vielverehrten Frau. Schabſel hatte ſich nur in Einem verrechnet, nämlich in der Hoffnung auf die Wahl zum Führer dieſer Oppoſition, denn um einen ſolchen mußte nun zunächſt umgeſehen werden. Allein die Bauern hatten recht wohl ſich gemerkt, wie kräftig und männlich der Einzige aus ihrer Mitte da⸗ mals zu widerſprechen gewagt hatte, als eine ganze reiche Verſammlung ſich für eine ſchwindelhafte Unter⸗ nehmung erklärte. Nun galt es nicht nur, dieſes Luft⸗ ſchloß zu retten, ſondern an Jenen Strafe zu üben, welche den Bau hindern zu wollen ſchienen, und neben⸗ bei eine Art ſtiller Rache zu nehmen an jenen„höheren Ständen“, welche ſich nicht entblödeten, den„Mann mit den Schwielenhänden“ ſofort zu ignoriren, ſobald ſie ſeiner nicht mehr bedurften. Wer konnte beſſer zum Führer einer ſolchen Miſſion taugen, als der alte Köhler Thomas, der doch ſo recht Einer aus ihrer Mitte war. Man beſchloß einſtimmig, ihm dieſe Würde anzu⸗ tragen und unter ſeiner Leitung die nächſte Aufgabe, die Demolirung der Ruine, vorzunehmen, um den ver⸗ ſenkten Schatz gewaltſam zu heben.
Thomas hatte die auf ihn gefallene Wahl ſtill⸗ ſchweigend angenommen, aber freilich nur in der Abſicht, das Vorhaben ſtandhaft zu hintertreiben, ſobald er die Vorbereitungen kannte, oder doch im Falle eines Aus⸗ bruches zu retten und zu mildern, wo es nur immer thunlich wäre, denn darauf hatte er ſeine Landsleute hinlänglich kennen gelernt, daß jeder Widerſtand im Beginne die Sache keineswegs hindern, ſondern nur in unberufene Hände geben würde; es war hier nicht anders, als durch eine Art wohlthätigen Verrathes gegen die Unvernunft aufzukommen. An dem zur Aus⸗ führung anberaumten Tage trat glücklicherweiſe ein ganz unberechenbares Hinderniß dazwiſchen. Eine tech⸗ niſche Kommiſſion traf aus der entfernten Hauptſtadt ein. Terrain⸗Vermeſſungen wurden vorgenommen, ge⸗ heime Berathungen auf dem Schloſſe gepflogen, die Gemeinde befand ſich in neugieriger Aufregung und nur ihre oberſten Würdenträger flüſterten ſich geheimniß⸗ voll zu, daß es ſich um Nichts geringeres handelte, als


