78 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
ſpäte Entwicklung geſtattet hatte, begegnete ſie nur fremd⸗ ſanften Wort und mir iſt, als könnt' ich jetzt mein Haupt
artigen Erſcheinungen, flüchtigen Beziehungen, gleich⸗ giltigen Perſönlichkeiten, kein liebes Heimatgefühl feſſelte ſie an einen beſtimmten Ort, an eine Menſchenſeele; die Mitgift eines bedeutenden Talentes war das große Ka⸗ pital, aus welchem ſie Geiſt und Herz erzog und das ſie
alsbald aus dem bunt bewegten Treiben einer Künſtler⸗
laufbahn in den ſicheren Hafen eines ſtrengen, aber kunſtfreundlichen Fürſtenhofes geleitete, der es ihr eben nicht erſparen konnte, innerlichſt allein zu ſtehen.
Ruſtika brachte es nicht übers Herz, den ſchwa⸗ chen Greis durch weitere Fragen zu quälen, doch er faßte ihre Hand und fuhr fort:
„Seht Ihr, Fürſtin, für dieſe Beiden muß ich die Erdſcholle bewahren, die ich ſonſt Euch, wie gerne, abge⸗ treten hätte— zu meinem eigenen beſten Vortheil. Doch gab ich mein Wort dem ſterbenden Weibe— und ich willss halten; wenn auch die Kinder ſpät oder gar nicht mehr kommen, darnach zu fragen. Doch ſie werden. Ich aber büße eine Schuld, der ich mich nur ohne Wei⸗ teres anklagen muß, das verhält ſich ſo: Ein gar edler Herr vom Hofe des verſtorbenen Fürſten— Gott hab' ihn ſelig— ſah einſt die beiden Kinder im Walde ſpielen— ſie gefielen ihm ausnehmend. Er meinte, ſie ſollten ein beſſeres Los verdienen, als hier in der Ein⸗ ſamkeit verblühen, er meinte ferner, ich thäte nicht wohl, ihnen die Welt zu verſchließen, die er ihnen ſo gerne offen halten wolle. Ich möge ihm die Kinder anvertrauen, unbeſchadet meiner unveräußerlichen Rechte auf ſie, wolle er ihnen Vater ſein, ihr Los an das ſeinige knü⸗ pfen. Ich war ſchwach— oder ſtark genug, den Kindern die Ausſicht in eine ſchönere Exiſtenz als die unſere hier im Walde, nicht verſchütten zu wollen; die Kinder waren noch zu jung, um uns den Kampf mit ihrer Liebe zu erſchweren, ſie ſchieden leicht aus der niederen Hütte— und haben es wohl nie bereut. Aber um ſo tiefer und ſchmerzlicher war die Reue der Eltern und mein Weib ſtarb nicht lange darnach aus Gram und Gewiſſensfolter.
„Und warum,“ unterbrach ihn die Fürſtin,„warum das, Ihr Guten? Sind die Kinder nicht glücklich ge⸗ worden? Hat man Euch getäuſcht?“
„Nichts von dem Allen. Ich weiß, daß es ihnen wohl ging, daß ſie glücklich ſind— aber mein Herz iſt vereinſamt, ich habe kein Kind mehr, keine Menſchen⸗ ſeele, die mich liebt. Sie haben mich vergeſſen und mit Recht; die Fremde gab ihnen Liebe und Lebensunter⸗ halt, der Vater hat, um den Preis freilich, ihr Los zu verſchönern, auf ihr Herz Verzicht geleiſtet!“
„Und Ihr habt ſie niemals wieder geſehen?“
„Wohl ſah ich ſie, doch ſie kennen mich nicht und ſollen es auch nicht erfahren, daß es einen Vater gegeben, der ihre Liebe verſchenkt hat, das ſei meine Strafe. Oh, Fürſtin, gebt mir Eure Hand und ſaget doch, könntet Ihr, wenn Ihr einen ſolchen Vater hättet, könntet Ihr ihm je vergeben?“
„Was kommt Euch an, guter Thomas? Wie könnt Ihr zweifeln?“
„Ja? Vergeben möchtet Ihr? Tauſend Dank, theure Frau, o, Ihr habt mir Himmelstroſt gegeben mit Eurem
ruhig hinlegen— doch Euer Begleiter draußen wird frieren, wir wollen ihn mit hereinrufen— ja, das iſt der Architekt, ein braver geſcheiter Mann, einer der Wenigen, die es redlich meinen mit Euch, Durchlaucht!“
Er öffnete die Pforte und winkte den Harrenden herbei und zog ihn freundlich zu ſich herein—„mein niederes Dach hat noch Raum für ein Paar gute Men⸗ ſchen—“ mit dieſen Worten begrüßte er Flott, be⸗ trachtete den hübſchen Mann mit einem unſäglichen Ausdruck des Wohlgefallens und hielt ſeine Hand in der vor Freude zitternden ſeinen.
Flott erzählte ihm nun den Unfall der Fürſtin und wie er beſorgt ſei, ob ſie nicht doch irgendwie ge⸗ ſchädigt und daß ihr wohl Ruhe nöthig. 4
Thomas war beſtürzt und voll liebender Un⸗ geduld ſich des Heimweges zu verſichern, erbot er ſich, den„Herrſchaften“ einen bequemeren Pfad zu zeigen.
5. Das Aleranderſchwert. Unter dieſem Titel fand man auf der Billardtafel
des Kaſinoſaales folgende Verſe von unbekannter Hand angeichrichen.
Obſchon die Tragweite dieſes Epfß üher die Grenzen des Dorfes mächtig genug hinaus⸗ ging, ſo fühlte man ſich hier und dort reichlich getroffen und die Mißſtimmung wurde allmälig zur Gährung. Flott wurde allgemein für den Verfaſſer gehalten, einmal weil man Niemand ſonſt ſo viel Geiſt, wenn auch mehr Bosheit zutraute, um ſich durch literariſche Spitz⸗ kugeln auszuſprechen, andererſeits, weil er durch ſeine Ernennung zum Haus⸗ und Hofmeiſter der Fürſtin ohne⸗ dies alle Neider und überwundenen Konkurrenten wider ſich hatte. Es waren jetzt alle Elemente der Geſellſchaft derart zerſetzt und zum Theil„am Dorfe“ zu Grunde gegangen, daß nur ein Gegenſtand des gemeinſchaftlichen Haſſes einigermaßen ein loſes Zuſammenfügen erlaubte, und dieſer Gegenſtand war zumal der„ſpitzige“ Herr Flott, dem man ſchon die auszeichnende Gunſt der Fürſtin nicht vergab und ſich ſogar vermaß, die Reinheit dieſes Verhältniſſes in bedenklichen Zweifel zu ziehen. Geraume Zeit waren die Familien völlig entfremdet an einander vorbeigegangen, einige ſchickten ſogar ihre Kinder nicht mehr zur Schule, theils aus Verdruß gegen den amtmänniſch geſinnten Schulmeiſter, theils um nicht
indirekt mit rathen. Nam⸗
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