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Ludwig Foglar: Der gordiſche Knoten. 77
arbeit, Politik, Schachſpiel, Naturwiſſenſchaften, Tanz⸗ reien überlaſſen blieb, war die Fürſtin bei der Hütte
kunſt, Whiſt und Malerei— aus ſolchem Dilettantism entſteht jenes Salonbengelthum, das erſt zur Langweile, zur Unbefriedigtheit, dann zu Ungenießbarkeit und Lebensüberdruß hinführt. Der Egoismus der Leiden⸗ ſchaften bleibt dabei nicht ſtehen, jeder Einzelne utiliſirt die Schwäche des Andern, die ihm aus dem Naheleben ſo bekannt iſt, wie ſeine eigene, nur ſelten und beutet den Vortheil aus, den ihm Geburt oder Zufall noch außerdem in den Schoß legten, die Geſellſchaft im Kleinen entwickelt ſich weit anders als unter großen Dimenſionen, wenn auch die einzelnen Erſcheinungen, ſonderlich die Krankheitsſymptome dieſelben ſind; allein was im gähnenden Gewoge der Maſſen ſich ergänzt, erſetzt, verwindet, das treibt im Mikrokosmus unſeres Dorflebens ſich zu ſelbſtändig berechtigter Exiſtenz empor, will ſich ausbreiten und entwickeln, ohne Rückſicht auf Raum und Zeit— es wird eine Gartenwildniß voll Unkraut und ſich drängender und durchkreuzender Wucher⸗ pflanzen.“
„Und das, meinen Sie, ſei das Schickſal auch meiner Schöpfung?“ fragte die Fürſtin mit einem Tone, der ſich aus den Tiefen einer ſchmerzvollon Enttäuſchung losrang. yn Flott wollte ſoeben antworten, euurige
röthen zu ſehen. Ruſtika ſchlug die Augen auf, holt: tief Athem und blickte befremdet um ſich. Noch verſagter ihr die Stimme; ſie wollte ſprechen, ſich erheben, ſie
vermochte es nicht, aber lange und tief beredt ruhte ihr großes ſchönes Auge auf dem Antlitz ihres Beſchützers,
er faßte ihre Hand und hauchte auf die erſtarrte mit banger Sorgfalt, ein leiſer Druck machte die ſeine er⸗ beben, über das ganze Weſen des ſchönen Weibes war der Ausdruck liebvoller Dankbarkeit ausgegoſſen, ſi flüſterte kaum hörbar ein Wort, er beugte ſich tiefer hernieder zu den ſchwellenden Lippen, es war ihm, als kniete er vor einer glühenden Roſe, ihr duftig warmer Hauch berührte ſeine Stirn, es ſchien, als müßte er in dieſem Kelch des ſchönſten Lebens verſinken. Da faßte die Fürſtin plötzlich erſtarkt ſeinen Arm, erhob ſich mit Blitzesſchnelle, dankte mit noch ſchwacher gerührter Stimme, und ehe Flott es ſich verſah, hatte ſie ihren, Zelter beſtiegen und trabte munter der nahen Köhler⸗ hütte zu, ihrem Begleiter aus der Ferne winkend, ſie zu erwarten.
Während nun Flott ſeinen einſamen Träume⸗
des Köhlers Thomas angelangt, band das Pferd an einen Pfahl und trat ein. Die leiſe geöffnete Thür lies ihr den Einblick in ein ärmliches, doch durch Reinlichkeit und Ordnung wohnliches Stübchen. Thomas, am Fenſter ſitzend, las in der Bibel. Sein Greiſenhaupt, ſein patriarchaliſches Antlitz gaben der Erſcheinung etwas ehrwürdig Vertrauen Erweckendes. Als ſie die Hand auf ſeine Schulter legte, blickte er auf, legte die Beille auf das Buch und verſuchte ſich zu erheben, in⸗ ſoweit Ueberraſchung und Erſtaunen das zulaſſen woll⸗ ten. Ruſti ka nahm einen Stuhl und ſetzte ſich zu ihm.
„Bleibt ungeſtört, lieber Thomas,“ ſagte ſie, „mein Beſuch ſoll Euch nicht zu lange beläſtigen.“
„Durchlaucht, dieſe Chre,“ ſtammelte Thomas.
„Ihr mögt wohl ungefähr ahnen, ehrwürdiger Vater!“
Bei dieſen letzteren Worten der Fürſtin überkam den Greis eine ſeltſame Bewegtheit, deren er kaum Herr werden konnte, und es ſchien, als ob er gewaltſam eine Thräne unterdrückte. Ruſtika bemerkte das fein⸗ fühlend und beſchloß, ihr Anliegen um ſo ſchonender vorzubringen, denn nur auf— Rechnung dieſes ſchien ihr die Stimmung des Alten erklärbar.
„Ich komme, Euch zu fragen, ob Ihr Euch nun wirklich und beſtimmt entſchloſſen habt, das bewußte Grundſtück, wofür ich Euch ſo bedeutende Anträge machen ließ, zu behalten?“
„Ich muß es behalten, Durchlaucht, ich bin das meinen Kin— ich bin das meinem ſeligen Weibe ſchuldig;“ erwiederte Chomas etwas zerſtreut.“
„Nun, dann ſei es fern von mir, Euch irgend wie Zwang anthun zu wollen und ob mir auch ſehr daran gelegen, ſo ehre ich doch Eure fromme Abſicht— doch ſagt weſſen ſind jene beiden Bilder dort an⸗ der Wand über Eurem Bette?“
Thomas zögerte eine Weile mit der Antwort dann ſchien er ein Bedenken zu überwinden, ſtand auf und trat mit der Fürſtin vor die Bilder— ein Knabe und ein Mädchen dann ſprach er bewegt:
„Ja, Durchlaucht, das ſind,— das waren meine Kinder!“
„Ihr habt ſie alſo verloren?“
„Ich, ja ich wohl— aber Gott erhalte ſie noch lange und glücklich.“
„Sie leben alſo; wie ſoll ich das verſtehen?“
„Meine gute Fürſtin! Die Welt hat ſie, ich habe ſie nicht.“
Thränen erſtickten ſeine Stimme und eine ſchmerz⸗ liche Pauſe folgte, während welcher Ruſtika mit ge⸗ ſteigertem Intereſſe bald die Bilder bald den tiefbeweg⸗ ten Greis betrachtete. Sie ſtand— ſo fühlte ſie— hier vor einem jener Räthſel der Geſellſchaft, deren Auf⸗ löſung wir nicht ohne Zagen verſuchen. War doch in ihrem eigenen Jugendleben ſo Vieles dunkel und un⸗ enthüllt, daß ſie nur mit Bangen in die Welt der Ge⸗ heimniſſe blickte, deren Schleier zu lüften ſie niemals gewagt hatte. So weit ihre Erinnerung zurückreichte in der Schule des Lebens, die ihr eine glänzende, aber nur


