Heft 
(1861) 3 03
Seite
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76 Erinnerungen.

Säumer früherer Zeiten, als es noch keine Schutzgalerien gab, die Schellen am Halſe der Thiere umwickelte, wenn er die engen Defilé's der Schöllenen am Gotthard, der Cardinell am Splügen und ähnliche Schluchten paſſirte, und dieſe ſind's, auf welche Schiller in ſeinem Berg⸗ liede hindeudet: Und willſt du die ſchlafende Löwin nicht wecken, So wandle ſtill durch die Straße der Schrecken. Solche ſtürzende Windſchirme verdecken, gleich den Grundlauinen, oft die Bergſtraßen mit haushohen Schneeſchanzen, ſo daß die Rutner mit dem bloßen Ausſchaufeln nicht würden Bahn ſchaffen können, ſondern Galerieen durch dieſelben brechen müſſen. Dies war ganz beſonders auf den Graubündner Hochpäſſen in dem ſchneereichen Winter 1859 auf 1860 der Fall. Die Anwohner ſolcher Paſſagen erzählen wunder⸗ bare Geſchichten von dem inſtinktiven Vorgefühl mancher Thiere, die den Sturz von Lauinen gleichſam ahnen oder man möchte faſt ſagen prophezeien. So iſt es notoriſch, daß an jenen Abhängen, die in irgend einer Weiſe von regelmäßigen Lauinenzügen berührt werden, ſelten oder faſt nie Spuren von Gemſen im Schnee zu finden ſind. Die Bewohner der Bergwirthshäuſer und Hospitien verſichern, daß kurz vor dem Eintritt von Staublauinen und vor dem Sturz von Windſchilden die Bergdohlen aus der Höhe herabkommen, ſich gleich⸗ ſam zu den menſchlichen Wohnungen flüchtend und dieſe kreiſchend umflattern. Abgerichtete, zum Auf⸗ ſuchen Verunglückter beſtimmte Berghunde ſollen eben⸗ falls kurz vor dem Anbrechen von Lauinen und Guxeten eine ſichtbare Unruhe verrathen, und auf dem Simplon hat's deren gegeben, die laut heulten und hinaus ver⸗ langten, um ihrer Beſtimmung gemäß zu ſuchen. Die auffallendſte Witterung jedoch zeigen die Pferde. Wir haben ſchon bei Darſtellung des Schneeſturmes geſehen, daß das Pferd vor dem Losbruch des Unwetters unaufgefordert ſeine äußerſten Kräfte anſtrengt, um raſcher vorwärts zu kommen und wenn möglich das ſchützende Haus noch zu erreichen. Ueber den Scaletta⸗ Paß ſoll früher ein Roß lange Jahre den Säumerdienſt mitgemacht haben, welches regelmäßig durch Sträu⸗ ben und Stetigwerden den bevorſtehenden Sturz von Lauinen anzeigte, während es ſonſt das geduldigſte und leitſamſte Thier von der Welt war. Die Säumer, welche es deßhalb hoch achteten, verließen ſich bei zweifelhaftem Wetter faſt ganz auf dieſes Pferd. Einſt hatte es auch im Winter Paſſagiere mittelſt Schlitten zu befördern und an einer Stelle unweit der Paßhöhe angelangt, wollte es durchaus nicht von der Stelle. Die Reiſenden, unverſtändig genug und der Führer zu nachgiebig, trie⸗ ben mit den äußerſten Mitteln das Roß zum Weiter⸗ gehen an. Endlich, nachdem es durch lautes Wiehern ſeinen Unwillen über die Unvernunft der Menſchen zu

Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

erkennen gegeben, zog es aufs Neue mit äußerſtem Aufwande aller Kräfte an und ſuchte durch ein faſt ver⸗ zweifeltes Vorwärtseilen der drohenden Gefahr zu ent⸗ fliehen. Wenige Sekunden weiter, plötzlich Krach und Wurf! Die Lauine hatte die Reiſenden ſammt dem

treuen, klugen Roß begraben

Die Gebirgsbewohner können durch befühlende Handprobe und durch Beſichtigung des Schnees denſel⸗ ben ziemlich richtig taxiren, wie weit er für Lauinen reif ſei, und danach richten ſie ihre Ueberberg⸗Reiſen ein. Gewöhnlich werden dieſe, wenn ſie über lange und wilde Päſſe gehen, geſellſchaftlich unternommen, dann aber doch immer ſektionsweiſe, ſo daß die einzelnen Schlitten ſtets in einiger Entfernung von einander laufen; ſollte ſich dann irgendwo ein Schneefall ereignen, ſo werden doch nicht Alle zugleich davon ergriffen, und die ver⸗ ſchont Gebliebenen können ihren verſchütteten Gefährten zu Hilfe kommen.

Der gordiſche Knoten. Kleindeutſches Kulturbild von Ludwig Foglar. (Schluß.)

has iſt noch nicht Alles, edle Frau, was den Verſuchen zur Humaniſirung entgegenſteht man muß ſich verhärten und eines Theils ſeiner g5 Allgüte begeben; denn beſten Falls iſt doch jede Veredlung Zwang zum Glücke, der ſich aber mit verbindlichen Formen nicht ausführen läßt. Wo immer eine Kraft ſich äußert, da will ſie herrſchen; der mächtigſte Beherrſcher aber iſt der Geiſt; theilt er ſeine Gewalten, ſo ſpaltet er die Erfolge er muß kalt herrſchen und ungeſchmälert. Wir leben hier unter kleinen Verhältniſſen, aber auch dieſe Klein⸗ heit ſchließt den Rattenkönig der Geſellſchaft nicht aus, hilft im Gegentheil ihn auszuhecken und ſo wachſen Gegenſätze und Widerſprüche über alles Maß hinaus. Unabweislich iſt der Drang der Geiſter nach Arbeit, nach Beſchäftigung, nach Thaten, und da ſie an be⸗ deutſamen Dingen nicht reif geworden, ſo verſchwenden ſie ſich an den Erdenjammer. So erſcheinen in den kleinen Verhältniſſen große Leidenſchaften, kleine Lei⸗ ſtungen bei großen Anſprüchen, daraus die Ribvalität der Beziehungen, die geſellige Kontrole, die Eiferſucht im Nichtigen, die Intrigue, bis ins Herz der Familie getragen, die Beſchränktheit im Denken und Fühlen. Ich habe ſelbſt dabei eine halb ironiſche Rolle geſpielt um zu lernen. Alle großen Abſichten ſcheitern an der Kleinlichkeit der Privatintereſſen, an der perſönlichen Rückſicht, an dem ſchweren Herbſtnebel, der den Geſichts⸗ kreis unfertiger Menſchen bedrückt. Das Individuum zerſplittert ſich hier ganz nutzlos, während in der großen Welt die Opferung ſeiner Theile doch nicht ſo ganz verloren iſt. Aber auch dort ſitzt das Uebel tief genug. Der Drang nach Univerſalität der Kenntniſſe hebt das perſönliche Gedeihen auf. Die Alten warfen alle Kraft in Eine Strömung, Jeder nach ſeiner Weiſe war doch in Einem groß und ſei es blos im Zinngießen oder gar Stehlen. Wir encyklopädiſchen Menſchen aber treiben Jeder Jedes und jederzeit. Wir kultiviren Muſik und Aſtronomie, Sprachen und Turnen, Geſchichte und Gärtnerei, Philoſophie und Schwimmen, Poeſie, Papp⸗