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Die Lauine. 75
ſtanden. Dort aber, wo der ſcheinbare Staubbach her⸗ niederwallte, zeigt eine ſchmutzige, fahlfarbene Linie in Mitte des blendenden Firnes, daß hier mehr als blos Schnee, daß Erde und Geſteinſchutt mit herabgekommen ſein muß, von denen Spuren zurückblieben.—
Dies iſt das Bild einer ſommerlichen Grund⸗Lauine von entferntem, geſichertem Standpunkte ruhig und ge⸗ mächlich betrachtet. Könnte man mit bedeutend ver⸗ größerndem, ſcharf ſpecialiſirendem Tubus die ſtürzende Lauine dem Auge näher rücken, wie ganz anders würde dieſe ſich geſtalten, wie würde ſie, gleich den ungeahnten Zellgeweben der Organismen unterm Mikroſkop, ſich plötzlich zu unermeßlichen Schneewolken ausweiten, in deren Umhüllung chklopiſche Felſenquadern, wuchtige Eismarren und zerriſſene Raſenfetzen ihren Schmetter⸗ flug pfeifend und heulend zurücklegen. Was dem freien Auge wie harmlos herabſchwebende Schaummaſſe er⸗ ſchien, wird in der Nähe zur tobend jagenden Furie; denn es fehlt uns, wie überall in den Alpen, ſo auch hier für die Entfernung, jeglicher Maßſtab, nach welchem die Höhen zu beurtheilen ſind, an deren unterbrochen vertikaler Fläche die Lauine herabſtürzt. Würde man die ungefähre Höhe jener Stelle, wo die Lauine ſich be⸗ grub, in Zahlen von der Höhe des Punktes, an dem ſie ſich ablöſte, ſubtrahiren und die gewonnene Differenz mit der Summe der Sekunden(ſo lange das Natur⸗ ſpiel währte) dividiren, ſo würde man einen Geſchwin⸗ digkeits⸗Quotienten für die enorme Fall⸗Eile erhalten, der zugleich den donnernden Gang aufklärte.
Eine Frührjahrs⸗Grund⸗Lauine in möglichſter Nähe geſehen iſt Entſetzen erregend, faſt unbeſchreiblich. Alle Worte und Bezeichnungen ſind unzureichend, um dieſes Chaos, dieſe völlige Auflöſung, dieſe gemeinſchaftliche, augenblicklich zugleich ſich entwickelnde Orkan⸗ Erdbe⸗ ben⸗ Bergſturz. und Gewitter⸗Erſcheinungen zu ſchildern. Aufruhr, Flucht, Zerſtörung, Vernichtung, begleitet von raſendem in einander verwobenem Knirſchen des ſich ſelbſt zerpreſſenden Schnees, dem ſtöhnenden Krachen zerſplitternder Bäume, dem ziſchenden Fliegen geſchleu⸗ derter Felsgeſteine und deren krachendem Anprall an die Gebirgswände, ſchnillem Gepraſſel,— genug unde⸗ finirbarem, ohrenberäubendem Getümmel, deſſen Echo aus allen Thalnt ann hundertfältig zurückgeſchleudert auf's Neue ſich in Wieſes Wüthen vermengt, das iſt der Total⸗Eindruck einer Grund⸗Lauine in der Nähe. Ihr Material iſt fetter, dichter, ſchwerer als das luftiger Staub⸗Lauinen; darum keilt es ſich auch mit eiſerner Zähigkeit, dort wo es hineinfällt, feſt. Perſonen und Thiere von einer Schlag⸗Lauine verſchüttet, ſind meiſt unrettbar verloren; ſie bricht ihnen das Genick und Rückgrath, oder legt ſich hermetiſch dicht um den Körper an, ſo daß der Erſtickungstod unvermeidlich erfolgt. Der Schnee dieſer Lauinen wird ſo feſt in einander geſchla⸗ gen, daß Menſchen oder Thiere, nur bis an den. Hals darin ſteckend, ſich unmöglich ohne Hilfe Anderer heraus⸗ arbeiten können. Daher kommts auch, daß man in Thälern, durch welche ein ſcharfſtrömender Gebirgsbach fließt, noch im Hochſommer darüber gewölbte Schnee⸗
brücken findet, welche von einem Lauinenſturze her⸗
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rühren. Dieſe ſind oft ſo kompakt und dauerfeſt, daß man mit Roß und Wagen darüber fahren könnte. Sie entſtehen dahurch, daß der Bergbach von einem Lauinen⸗ ſturz in ſhem Bett behindert, ſich vermöge ſeines größeren Wärmegehaltes durchfrißt und den Bogen allmälig erweitert. Gelingt dies dem Fluſſe nicht, iſt der Schneedamm zu dicht, zu mächtig, zu hoch, ſtaut er das Waſſer zurück, ſo kann großes Unglück die tiefer⸗ liegenden Orte des Thales bedrohen. Denn es ereignet ſich nicht ſelten, daß eine Lauinen⸗Ladung nicht nur die enge Thalſohle bis zu irgend einer Höhe ausfüllt, ſon⸗ dern ſelbſt an der gegenüberliegenden Böſchung noch wieder aufwärts geſchoben wird. Wenn dann die in den Thalengen komprimirte Sonnenwärme den Schneedamm mürbe macht und zerfrißt, ſo bricht das zum See ange⸗ wachſene Bachwaſſer mit ſeiner dynamiſchen furchtbaren Gewalt durch, reißt ringsum Ufergelände ab, entwurzelt Bäume und Sträucher, zertrümmert Stege, Brücken, Mühlen, Häuſer und Ställe, ſchwemmt Nutzhölzer, Säge⸗ blöcke, große Steine, Menſchen und Vieh mit fort, und verwüſtet tiefer gelegene Gegenden weit hinaus. Zwiſchen den beiden beſchriebenen Lauinenformen liegt mitten inne eine dritte, die theils ſelbſtändig als Lauiſturz auftritt, noch mehr aber Veranlaſſung einer jener beiden Sturzformen werden kann; dieſe wird her⸗ beigeführt durch die ſ. g. Windſchirme, Schneeſchilde oder Schneebritte. Das Bildungsprincip dieſer im Ge⸗ birge gefährlichen Accumulationen und die Geſtalt der⸗ ſelben im Kleinen kennt jeder Bewohner des Flachlandes aus Erfahrung. Es ſind jene Schneekappen und ſpannen⸗ hoch, ſenkrecht aufgebauten Schneeleiſten, welche entſtehen, wenn bei verhältnißmäßig milder Temperatur und ſtarkem Schneefall der Wind von einer Seite große fette Flocken an Gebände, Brunnen, Stackete und andere Gegenſtände wirft. Hat das Schneien dann nachgelaſſen, ſo verdichtet ſich die lockere Maſſe immer mehr, beugt ſich nach vorn über, und zuletzt nehmen dieſe durch Ein⸗ wirkung der Sonnenſtrahlen und des Wiedergefrierens oft ſeltſam modellirten Schneeverzierungen eine völlig hängende Geſtalt an. Nun,— was hier im Kleinen ſich zeigt, formt der dichte Schneefall in den felſigen Alpen, deren Wände beinahe ſenkrecht von allerlei Spalten, Bändern, Ueberwölbungen und Fagade⸗Ge⸗ ſimſen unterbrochen werden, im Großen, und zwar ſo koloſſal, daß überhangende, vom Felsgemäuer völlig abgelöſte Schneedächer, auf nur ſchmaler Baſis ruhend, entſtehen, die centnerſchwer, jeden Augenblick niederzu⸗ ſchmettern drohen. Dieſe Damoklesſchwerte hangen feſt, bis ſie unter der Laſt ihrer eigenen Schwere zuſammen⸗ brechen, oder durch laue Luft, Thauwetter, Föhn, oder veränderte Richtung des Windes losreißen. Dieſe ſind's, nach denen der Säumer, der Rutner, überhaupt jeder im Winter das Gebirge durchwandernde Aelpler ängſt⸗ lich meſſende Blicke emporſendet,— dieſe ſind's, die durch den geringfügigſten Umſtand, durch einen Schall, eine Lufterſchütterung ihres kaum vorhandenen Gleich⸗ gewichtes, ihres Zuſammenhanges mit der ſchmalen Felſenbaſis beraubt werden können,— ſie ſind's, wegen derer der Poſtillon mit der Peitſche nicht klatſcht, der
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