Heft 
(1861) 3 03
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Winden umhergeſchleudert wird, bahn⸗ und ziellos, hier iſt's alterferniger Schnee, welcher den Winter über an und auf den Abhängen lag, ſich verdichtete, Firn wurde, alſo eine viel kompakteßs, örperfeſtere Geſtalt annahm.

Nicht der Wind, der den Schnee wolkendick empor⸗ wirbelt, nicht die kleinen Urſachen, welche unbedeutende Parcellen in Gang ſetzen, nicht bloße Luft⸗Erſchütterung allein, vermögen die Grund⸗Lauine zum Fall zu brin gen; ihren furchtbaren Sturz bereiten dielauen Lüfte, die einziehende Wärme vor. Dieſe durchdringen die kleinen hohlen Räumchen in den unabſehbar großen Schneehängen, löſen leckend Kryſtällchen, die dem Raſen, dem Felſen, zunächſt aufliegen, in flüſſiges Waſſer auf, das den Boden ſchlüpfrig macht und den unmittelbaren Zuſammenhang beider vernichtet. Alſo langſam vorbe⸗ reitet, der natürlichen Stütze oder Unterlage theilweiſe beraubt, vermag die Kohäſion der einzelnen Schnee⸗ partikelchen das ganze, große, untenher gehöhlte Schnee⸗ feld nicht mehr zu halten; das Geſetz der nach Unten ſtrebenden Schwere macht ſeine Rechte geltend, die Maſſe löſt ſich ab und rutſcht, je nach der mehr oder minder ſtarken Neigung des Berges, von Sekunde zu

Sekunde an Beſchleunigung gewinnend, der Tiefe zu. Alles, was ihr im Wege liegt oder ſteht, wird in die

Berderben drohende Sturzmaſſe hineingewickelt und zu Thal geführt. Die Oberländer nennen ſie Schmelz⸗Lauinen. Gegen den Anbruch dieſer Grund⸗Lauinen zu wirken, ſind zunächſt die Bann⸗ wälder beſtimmt. Aber noch kleinere Pflanzenkörper vermögen viel, um den Schnee beſſer an den Boden zu feſſeln, gleichſam mit ihm zu verflechten und das Abſtürzen zu verhindern, namentlich die auf den Planggen und ſteil abſchüſſigen Hochhalden wachſenden Wildgräſer und Kräuter, das Material, aus dem der arme Wildheuer ſeine Kuh oder ſeine Ziegen mit Winterfutter verſorgt. Dort, wo es im Sommer abge⸗ mäht wird, zeigen ſich im folgenden Frühjahr faſt überall Rutſch⸗ und Schlag⸗Lauinen, während die ſtehengeblie⸗ benen, im Herbſt abgeſtorbenen Grashalme ein natür⸗ liches, zähes Bindemittel zwiſchen dem Boden und dem Schnee bilden.

Die meiſten Grund⸗Lauinen haben ihre regel⸗ mäßigen Paſſagen, ihre ausgefegten, von Weitem kennt⸗ lichen Schurfrinnen,Lauinenzüge genannt, durch welche ſie allfrühjährlich herniederraſen. Sie ſtehen in einiger Verwandtſchaft mit den Betten der Rüfen, nur ſind ſie minder trümmererfüllt, ſondern zeigen mehr glatt ausgehobelte breite Felſenrinnen(bis 100 Fuß Durchmeſſer), in denen allerdings immer etwas Gebirgs⸗ ſchutt zurückbleibt. Die Bewohner des Tavetſch ſchneiden im Spätſommer droben in den Regionen, wo der ſtamm⸗ förmige Baumwuchs bereits aufgehört hat, das Buſch⸗ werk der Alpen⸗Erle an minder geneigten Halden ab, binden Faſchinen daraus und legen dieſe in die Lauinen⸗ um die Fallkraft der zum Sturz geneigten Schnee⸗ maſſen in ihrem zerſtörenden Effekt zu ſchwächen. Die iſe von der Lauine mit zu Thal hinabge⸗ iſſenen Bündel braucht der Aelpler nicht herabzutragen

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oder zu ſchlitten; er nimmt ſie, wenn der Sturzſchnee im Hochſommer vollends drunten zergangen iſt, als Brennreiſig aus dem wüſten Schutthaufen,

. Vo gehüllt in graue Laken Schlafend die Lauinen liegen,

heraus, und weiß dergeſtalt ſogar die ihm feindliche Kraft⸗Aeußerung ſich dienſtbar zu machen. Eine Sturz⸗ bahn der Lauine durch Menſchenhand vorzeichnen zu wollen, würde ein ohnmächtiges Beſtreben ſein.

Eben ſo irrthümlich wie vielſeitig das Entſtehen der Lauinen aufgefaßt wird, eben ſo unrichtig iſt oft das Bild, welches die Phantaſie ſich von der äußeren Er⸗ ſcheinung des Phänomens während des Sturzes ent⸗ wirft. Es iſt kein kugelnder Ballen, wie man wohl glaubt, der oben in der Bildungsheimat klein wie ein Kohlkopf, nun durchs Herabrollen und durch das maſſenhafte An⸗ hängen der Schneetheilchen immer größer wird, und endlich einem Globus von koloſſalem Durchmeſſer gleicht, der unten erſt, wie eine Bombe zerplatzend, ſeine Schnee⸗ ladungen ausſtreut; ein ſolch' progreſſives, ſphäriſches Formen, wie man es vor Eintritt des Thauwetters im Tieflandswinter wohl ſpielweiſe von Knaben aus⸗ führen ſieht, wenn ſie einen Schneemann bauen wollen, würde mindeſtens eine gleichmäßig geneigte, von keinen Felſentreppen und Fluhwänden unterbrochene, alſo der Hügelformation ähnliche Abdachung eines Berges vorausſetzen. Der Sturz einer Lauine, jeder Gattung, gleicht faſt immer dem Bilde eines in völligſten Schaum aufgelöſten Waſſerfalles. Gewöhnlich hört man den Sturz früher, als man ihn ſieht. Durch den don⸗ nernden Schall plötzlich aufgeſchreckt, richtet der Blick des mit der außerordentlichen Erſcheinung nicht vertrau⸗ ten Fremdlings ſich gewöhnlich in die Höhe und ſucht am Firmamente die Gewitterwolken, welche die gewaltig tönenden Schwingungen hervorrufen; aber droben im tieſen blauen Aether lagert lichte Ruhe, kein Wölk⸗ chen ſchwimmt im Luft⸗Oceane. Schon rollt das Getöſe nachhallend durch die Thäler und erneuert jetzt aber⸗ mals, ſtärker anſchwellend, die erſchütternden Tonwellen, als das Auge niederſinkend drüben am Silber⸗Mantel des Berges rauchendes, von den Lüften verwehtes, ſtäubendes Gewölk und unmittelb runter eine glei⸗ tende, niederwallende Bewegung ag den kaum zuvor noch in ſtarrer Todesruhe daliegenden Firnhängen wahr⸗ nimmt. Scheinbar langſam, im ſtolzen getragenen Zeit⸗ maß, ſchwebt die Schnee⸗Kaskade wie breite Atlasbänder über die Felſenwände herab, ſtaucht tiefer an hervor⸗ tretenden Fluhſätzen auf, zerſtiebt in wollig⸗runde Schaumbogen und zerflatternde Wolken⸗Wimpel, wie die Intervallen eines Strom⸗Kataraktes, oder verliert ſich ſekundenlang in verborgene Schluchten und ſinkt, das Schauſpiel von Stufe zu Stufe wiederholend, hinunter, bis ſie auf flach auslaufenden Alpmatten oder im tiefen Trümmer⸗Becken zur Ruhe kommt. Mit dem Verſchwinden des vermeintlichen Stromes, verhallen auch die, den Fall begleitenden, grollenden Donner, und der Wanderer überzeugt ſich ſtaunend, daß beide Thätig⸗ keiten in unmittelbarer Wechſelbeziehung zu einander