Heft 
(1861) 3 03
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Die Lauine.

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Das bedeutendſte Staub⸗Lauinen⸗Unglück aus neuerer Zeit iſt jenes, welches 1827 das Walliſer Dorf Biel ereilte und 40 Menſchen als Opfer verſchlang. Indeſſen ſind außerordentlich viele Beiſpiele von wunder⸗ baren, ja ſogar komiſchen Rettungen bekannt. So z. B. wurde im December 1836 im Averſer⸗Thale(in Grau⸗ bünden) ein Haus, in welchem 12 ſpielende Kinder verſammelt waren, von einer Lauine ergriffen, horizontal fortgeſchoben und total mit feinem Schnee zugedeckt, ſo daß ſelbſt der Firſt nicht hervorſchaute. Die Eltern der Kleinen, gelähmt vom Schrecken, eilten mit Schaufeln und Spaten jener Gegend zu, in welcher ſie das Haus verſchüttet glaubten; aber noch ehe ſie beginnen konnten ernſtlich zu arbeiten, kamen die Kinder, eins nach dem andern, wohlbehalten aus dem Schnee hervorgekrochen. Noch drolliger iſt jener Vorfall, welchen Bilibaldus Pirckheimerus in ſeinem Bellum Helveticum Maxi- miliani I. aus der Zeit des Schwabenkrieges von 1498 erzählt; damals waren im Engadin 400 kaſſeliche Landsknechte von einer Staub⸗Lauine verſchlungen und über eine Anhöhe hinabgeworfen worden; aber o Wunder! bald lebte die ganze Schneemaſſe wie ein Ameiſen⸗Haufen, und unter dem ſchallendſten Gelächter ihrer unberührt gebliebenen Kriegskameraden, krochen Alle ohne Ausnahme wieder hervor, Einige wohl be⸗ ſchädigt, aber Keiner tödtlich verletzt.

Von der Schnellkraft des erzeugten Luftdruckes kann man, ohne Beiſpiele, ſich kaum eine richtige Vor⸗ ſtellung machen. Im Graubündner St. Antönien⸗Thal, (durch welches ein Paßweg aus dem Prätigau über die Rhätikon⸗Kette in's Gargellen⸗ und Montafuner Thal führt) ſah ein Knecht weit droben an der Bergwand, vielleicht 1 ½ Stunde von ſeinem Standpunkte, eine Lauine anbrechen und eilte, einen Stall zu erreichen, der ziemlich geſichert ſtand. Obgleich dieſer etwa nur 14 Schritte entfernt war, ſo vermochte er denſelben doch nicht zu erreichen, ſondern wurde vom vorausjagenden Windſtoß ergriffen, über das Dalfazzer Tobel hinüber⸗ geſchleudert und dort von der mit Blitzesſchnelle nach⸗ folgende Lauine begraben.

In der Regel iſt es der Fall, daß eine angebro⸗ chene Lauine durch die energiſche Luftſtrömung und das donnernde, Luftſchwingungen erzeugende Geräuſch den Fall von anderen ſekundären Lauinen veranlaßt, und hieraus läßt ſich jene Mittheilung wohl erklären, welche aus dem Lauterbrunnen⸗Thale berichtet, daß im vorigen Jahrhundert die Stuffen⸗Laui 24 Stunden lang ge⸗ ſtürzt ſei. Ein Fall aus allerjüngſter Zeit beſtätiget Aehnliches. Im Frühjahr 1854 fand ein ſo anhalten⸗ der Lauinen⸗Sturz an der Schattenſeite des Realper Thales ſtatt, daß in der Ausdehnung von mehr als Stunden⸗Länge eine Schneemaſſe nach der anderen durch Luftdruck und Erſchütterung in Bewegung geſetzt wurde. Wege und Straße waren mit feſtem, kompaktem Schnee 25 bis 30 Fuß hoch bedeckt, ſo daß man, um die Kommunikation zu öffnen, Tunnel durch die impro⸗ viſirten Schneefelſen treiben mußte. Lauinen waren an Stellen herniedergekommen, wo ſeit Menſchengedenken keine ſolchen gefallen waren.

Erinnerungen. LXXXII. 1861.

Greif' an mit Gott! Dem Nächſten muß man helfen. Es kann uns Allen Gleiches ja begegnen.

Dieſer Spruch in Schillers Wilhelm Tell iſt eine der Lebenspraxis des Gebirgsvolkes abgelauſchte große Wahrheit. Sie bewährt ſich in ſo hohem Grade kaum irgendwo mehr als in den Alpen. Während Läſſigkeit oder vielmehr ein gewiſſes gemächlichesAnſichkommen⸗ Laſſen einen der unvertilgbaren Grundzüge im Cha⸗ rakter aller Hirtenv ölker bildet, und ihr von Hauſe aus kontemplatives Weſen, ihre im langſamſten Takte vor⸗ ſchreitende Bedächtigkeit jeden raſchen Entſchluß, jede wenig überlegte Handlung zurückhält, ſo iſt die Hilfs⸗ freudigkeit, der aufopfernde Muth und die ans Herku⸗ liſche grenzende Ausdauer bei Unglücksfällen, die durch Naturereigniſſe herbeigeführt wurden, wahrhaft groß⸗ artig und läßt das Rein⸗Menſchliche im herrlichſten Lichte erſcheinen.Der brave Mann denkt an ſich ſelbſt zu⸗ letzt. Es ſind Stunden fieberhaft emſigen Schaffens in bangſter Erwartung, um das Leben lieber Angehöri⸗ gen, Freunde, Gemeinde⸗Genoſſen oder völlig fremder unbekannter Menſchen zu retten. Wo ſind die rechten Stellen, an denen Vergrabene, dem Erſtickungs⸗ oder Erſtarrungs⸗Tode nahe, mit dem gnadenloſen Feinde alles Lebenden kämpfen? Häuft nicht vielleicht jeder Spatenſtich, jede Schaufel voll zur Seite geworfenen Schnees den Grabhügel nur um ſo höher über dem Geſuchten? Denn wunderbarerweiſe hören die droben Arbeitenden in der Regel kaum etwas von dem Hilfe⸗ ruf und dem Angſtgeſchrei der Verſchütteten, während umgekehrt Errettete vielfach und übereinſtimmend er⸗ zählten, jedes Wort der über ihnen Suchenden verſtan⸗ den, ja die Stimmen von Bekannten genau unterſchie⸗ den zu haben. Nun verſetze man ſich in die peinigende, ſchon durch die umgebende Kälte gräßliche Lage armer Lauinen⸗Opfer, und addire das gräßliche Bewußtwerden hinzu, daß Hilfe von Freundeshand wenige Schritte weiter auf falſcher Fährte ſich bis zur Erſchöpfung ab⸗ müht. Da, wo dann Menſchen⸗Weisheit am Ende i*ſt, beginnt der feine Inſtinkt des Thieres, und wie der Prairie⸗Hund ſtundenweit die Fährte ſeines Herrn oder des verirrten Kindes verfolgt und endlich die Geſuchten findet, ſo iſt's auch hier der treue Haus⸗Genoſſe des Aelplers, deſſen feiner Geruch die Lagerſtelle Vergra⸗ bener entdeckt und zur rechten Spur leitet. Der Werth der Hospiz⸗Hunde vom großen St. Bernhard, Simplon und Gotthard iſt zu ſprichwörtlich geworden, und in Tſchudi's herrlichemThierleben der Alpenwelt ſo umfaſſend und treu geſchildert, als daß hier ausführlicher von ihnen die Rede ſein kann.

Außerordentlich verſchieden in Urſache der Entſte⸗ hung, in Charakter und Wirkung, von jenem, aus locker zuſammenhäng endem Schnee beſtehenden, meiſt im Winter fallenden Staub⸗Lauinen, ſind die Schloß⸗, Schlag⸗ oder Grund⸗Lauinen. Dieſe ſind ein Phänomen des Frühjahrs, wenn die Natur ihr Auferſtehungsfeſt feiert, und das Hochgebirge die winterlichen Träume aus den Erinnerungsfalten ſchüttelt. Hier iſt's ſchon

ganz anderes Material, nicht jener ſandähnlich trockene, feine Schnee, der, ein Spiel der Lüfte, von den 10