Heft 
(1861) 3 03
Seite
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80 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

um die Inangriffnehmung einer Flügelbahn und Er⸗ richtung einer Station für Schleuſingen. Die Verhand⸗ lungen wurden raſch zu Ende geführt, es folgten den Männern der CTheorie alsbald die Männer der voll⸗ ziehenden Praxis, im Dorfe und ſeiner Umgebung begann es zu wimmeln von Arbeitern, ein neuer Lebens⸗ puls durchwogte die ganze Bevölkerung und das nun ſofort offenkundig werdende Geheimniß ſchien für die faſt zerfallende Geſellſchaft einen neuen Kitt der Er⸗ haltung abzugeben. Man näherte ſich wieder, man ver⸗ gaß Experimente und Taufgeſchichte, neue Ausſichten verdrängten die alte Eiferſucht, neuer Ehrgeiz nach unbekannten Stufen entwerthete die bekannten Würden und Beſitzthümer, man begann über die Grenzen der kleinen Mark hinauszudenken und kam ſich größer vor in der plötzlich verkümmerten Würdigung der kleinen Verhältniſſe.

Allein die vertagteTragantverſchwörung, wie man ſie ſpäter nannte, war darum nicht aufgegeben, im Gegentheil ſchien man jetzt alle Urſache zu haben, ihre Inſceneſetzung zu beſchleunigen, denn mit der ſtets wachſenden Arbeiterkolonie war eine nicht zu verachtende Gegenmacht erſtanden, die möglicher Weiſe als Wehr und Waffe gebraucht werden konnte, denn nur mit Neid und Unmuth ſah die Bauerſchaft dieſe neue ge⸗ deihliche Anſiedelung.

Und ſo war es auch. Die Eiſenbahn⸗Ingenieure hatten durch einen im Trunke vorlauten Mitverſchwornen Kenntniß von den ominöſen Plänen erhalten, die ihr Friedenswerk zu ſtören drohten, und im Einverſtändniß mit den Gemeindevorſtänden beſetzten ſie in der Nacht der Gefahr die alte Burg mit einer Abtheilung Arbeiter, alle mit Werkzeugen wohl gerüſtet, auch wohl geborgen. Unter dem Schutze der mondloſen Nacht rückten die Bauern heran, geführt von Thomas, der durch Flott von den Vorbereitungen Kunde hatte und um ſo ſicherer hoffen durfte, daß ein unvermutheter Ueberfall ſeine Schar entmuthigen und zum beſchämenden Auseinander⸗ gehen zwingen werde. Nachdem der Feind bis zum äußerſten Mauerrand der Ruine herangekommen war, brach die Beſatzung mit wildem Geſchrei aus ihren Verſtecken hervor und zeigte in ihrer wohlgewählten Poſtirung den drohendſten Widerſtand. Die Bauern waren verblüfft, ſchrien Verrath und wichen einen Augen⸗ blick zurück.

Thomas ergriff dieſen Moment, um ihnen das fruchtloſe ihres Unternehmens darzulegen und ihnen zum unblutigen Rückzuge zu rathen. Allein indeß Einige ihre Werkzeuge wegwarfen und die Flucht ergriffen, beſtanden die Andern auf dem Angriff und zwangen Thomas, ſie zu führen, widrigenfalls ſie ihn als Verräther beſtrafen wollten. Thomas mußte weichen und ſchritt voran, jedoch kaum der Mauer wieder nahe gekommen, löſten ſich die oberſten Stücke des Ge⸗ ſteins und kollerten auf die andringende Schar. Ein ſchweres Mauerſtück traf Thomas, er ſank nieder und mit ihm aller Muth der Uebrigen. Sie ließen den tödtlich Verwundeten im Stiche und ergriffen Alle die Flucht.

Somit war die ganze Verſchwörung für immer abgethan und die Haupträdelsführer büßten mit Ge⸗ fängniß. Thomas war auf ſein Verlangen nach dem Schloſſe gebracht worden, wo ihm die Fürſtin die liebe⸗ vollſte Pflege angedeihen ließ, jedoch vergebens, ſeine Tage waren gezählt, er fühlte den Tod nahen. Niemand durfte bei ihm bleiben als die Fürſtin und ihr Haus⸗ hofmeiſter Flott.

Ein unſagbares Etwas feſſelte die Beiden an das Lager des Sterbenden. Sein brechendes Auge verweilte mit ſtiller Wehmuth auf ihnen:Wenn ich nicht mehr bin, ſprach er mit matter Stimme,dann öffnet ein verſiegelt Papier in meinem Oberkleide jenes Grund⸗ ſtück iſt nun Euer ich ſegne ſegne Euch meine Kinder! Er ſank zurück und war verſchieden.

Ruſtika und Leberecht ſtanden ſich gegen⸗ über im lebhaften Kampfe mit ungeahnten Empfin⸗ dungen, hell ward plötzlich die geheimnißvolle Nacht ihres Lebens, ein unbekanntes Glück dämmerte ihnen empor aus dem Grabe des Vaters.

Mit zitternden Händen und in Thränen ſchwim⸗ menden Augen erbrach Leberecht das Siegel des vorgefundenen Schriftſtückes es waren die Tauf⸗ ſcheine für Leberecht und Ruſtika und die Schen⸗ kungsurkunde des Thomas für die beidenlieben, verlorenen und wiedergefundenen Kinder. In ſprach⸗ loſer Rührung fielen ſich die Geſchwiſter in die Arme, und wieder an das Lager des theuren Vaters ſtürzten ſie hin und bedeckten ſeine erkaltenden Hände mit Küſſen, als wollten ſie noch einmal ihn wecken, daß er ſchauen möge die ſchöne Trauergruppe ihrer Vereinigung an ſeinem Schlummerkiſſen. Schmerz und Freude theilten ſich in den Beſitz ihrer Seelen.

Mit dem gewaltigen Umſchwunge, den die Schöpfer⸗ hand der Induſtrie in das ſtille Thal gebracht hatte, waren auch alle die verrotteten Verhältniſſe und Be⸗ ziehungen erweitet, geklärt, umgewandelt. Die alte Ge⸗ ſellſchaft war gleichſam ganz am Dorfe zur Grunde gegangen, neue Menſchen kamen und mit ihnen die Segnungen neuer Anſchauungen, und was ſich damit nicht befreunden konnte, zerſtob in alle Winde, der Fort⸗ ſchritt der ſchaffenden Zeit war auch hier das Alexander⸗ ſchwert geworden, das den gordiſchen Knoten einer ſtagnirenden Generation zerhieb; freilich mit ihm auch den ſchönen Traum vernichtete, der im Herzen einer großgeſinnten Frau magiſch dämmerte. Allein Ruſtika war dafür durch einen Gewinn neuer großer Erfahrun⸗ gen reichlich entſchädigt; und keineswegs entmuthigt, beſchränkte ſie mit dem herrlichſten Erfolge ihre Men⸗ ſchenadelungs⸗Verſuche auf den kleinen Kreis des Hauſes, des Herdes dem Leberecht als würdiger Genoſſe treu blieb denn ſie durften ſich nun lieben, an⸗ gehören konnten ſie nur der Menſchheit.

Das Grabmahl des ſelbſtſühnenden Köhlers

Thomas zierte die Inſchrift:

Bring' immer friſche Kränze Auf Deiner Lieben Grab, Im Feſttagſchmuck erglänze Dir Hut und Wanderſtab.