Heft 
(1861) 3 03
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Louiſe Meunier 71

Kurz, für dieſe Veronika, wie ſie leibte und lebte, war Louiſe die einzige häusliche Freude, die ſie kannte, aber gleichzeitig ihre tägliche Pein und Qual.

Als René verſchwunden war, ging die würdige Dienerin in die Küche hinab, um den Augenblick zu er⸗ ſpähen, wo Louiſe in den Saal treten würde. Sie folgte wie ein Schatten den Bewegungen des jungen Mädchens, bis es endlich das Bouquet gewahrte und es in die Hand nahm und mit erſtaunten Blicken be⸗ trachtete.

Ach! rief Veronika aus,iſt das ein herr⸗ liches Bouquet! Wie herrlich duften die Reſeda, und die prächtigen Maßliebchen! Aber ich möchte wiſſen, warum man rund herum die Stechpalmen angebracht!

Das iſt vielleicht eine Anſpielung auf den pikan⸗ ten Humor deſſen, der den Blumenſtrauß hierhin ge⸗ legt, erwiederte Louiſe mit erzwungener Lebhaf⸗ tigkeit.

Wiſſen Sie denn, wer es iſt? fragte die Alte.

Louiſe, die ſich einen Augenblick verrathen, be⸗ reute es jetzt; ihre Züge veränderten ſich plötzlich.

Es iſt einer, der gar kein Geräuſch gemacht hat, fuhr Veronika fort,denn man hat weder die Thür öffnen, noch klingeln hören. Ich fange an zu glauben, daß es Leute gibt, die durch ein Nadelöhr zu ſchlüpfen wiſſen; aber darum werden ſie noch nicht in den Him⸗ mel kommen.

Schaffe mir das Bouquet aus den Augen, ſagte Louiſe, die Veronika in echt kindlicher Weiſe dutzte,und mache damit, was Du willſt.

Die Alte trug das Bouquet fort; ſetzte es in eine mit Waſſer gefüllte Blumenvaſe und kam dann einige Augenblicke ſpäter zurück und ſtellte beide vor die junge Herrin hin. Louiſe warf nur einen flüchtigen Blick darauf; ſie wollte es nicht merken laſſen, daß Vero⸗ nika ihr damit einen großen Gefallen that; im Grunde aber war ſie gedemüthigt und entzückt und kaum hatte die tückiſche Alte den Rücken gekehrt, als ſie verſtohlen zwei Veilchen abpflückte und ſie in ein eben vor ihr liegendes Dichteralbum verbarg. Dann nahm ſie wieder ihre Stickerei dieſe ewige für phantaſtiſche Frauen ſo verhängnißvolle Stickerei! und eingewiegt durch die regelmäßigen Stiche und die ſtets gleichen Bewe⸗ gungen der Nadel verfiel ſie in eine ihrer gewöhnlichen Träumereien, die mitunter mehrere Stunden dauerten.

Dieſe Träumereien hatten mehr ihren Grund in bitteren als in angenehmen Erfahrungen und Erleb⸗ niſſen. Die arme Louiſe hatte ſeit den erſten Jahren ihrer Kindheit manch heißen Wunſch, war aber nie im Stande, ſeine Erfüllung zu ermöglichen. Alle Frauen, in deren Umgebung ſie lebte, waren, wenn auch nicht in Wirklichkeit, ſo doch dem Scheine nach glücklich: ſie waren elegant, wenn auch nicht ſchön; von Schmeichlern umgeben, wenn auch nicht liebenswürdig; Königinnen, wenn auch nichts weniger als glücklich. Im Hinblick auf alle die Genüſſe, die ihr verſagt waren, hatte Louiſe, ohne je auf das Los derjenigen zu ſchauen, deren Ge⸗ ſchick ſie hätte tröſten können, ſchließlich die Ueberzeu⸗ gung gewonnen, daß ein böſes Mißgeſchick auf ihr laſte

und ſie unaufhörlich verfolge. Dieſe fataliſtiſche Idee, die Louiſe in überſpannter Weiſe und in einer faſt unglaublich abergläubiſchen, an Wahnwitz grenzenden Art hegte, hatte ihr Herz und Verſtand beirrt und ver⸗ wirrt; aber ſie wußte dieſelbe in ein ſo düſteres poeti⸗ ſches Gewand zu kleiden, daß Niemand ſich ihr ohne die größte Theilnahme und Innigkeit näherte. Die Einen machte ſie lüſtern, die Andern kühlte ſie ſehr ab; und ſo war und blieb ſie intereſſant und ein Räthſel.

Die wundervollen Wortſpiele Molidère's enthalten faſt immer eine tiefe Wahrheit; Louiſe hatte den voll⸗ kommenen Beweis für die Richtigkeit jener Worte in dem Sonett an Orontes geliefert:

Verzweiflung wird die Hoffnung, wenn ſie ewig dauert.

Ganz jung hatte ſie gehofft, aber nach langer Täuſchung denn fünf Jahre ſind recht lang in dem Leben der Frau, die nur die Zeit in Rechnung bringt, während welcher ſie Liebe finden kann hatten ſiche ihre Hoffnungen in Befürchtungen verwandelt. In dieſen nachdenkenden Unterhaltungen, die ſie mit ſich ſelbſt führte, gab's keinen Raum für kurze Träume; aber das waren die Rückwirkungen der Beobachtung, daß ihr Geiſt vertrocknet, ihr Herz kraft⸗ und machtlos geworden. Die Kraftloſigkeit erſtreckte ſich ſogar bis auf die Liebe; es ſchien ihr unmöglich, daß ſie je lieben ſollte.

Und doch wenn irgend ein Reiz, eine Ver⸗ lockung winkte, wie z. B. das eben gefundene Bouquet, dann ſchien ſie ſich ſelbſt zu verläugnen und fiel darüber her mit wahrhaft blinder Haſt und einem Ungeſtüm, das nicht wohl größer ſein konnte. Aber ſie that, was faſt alle Damen thun, wenn ſie einmal die gewünſchte Ge⸗ genliebe nicht finden; ſie verbarg ihre Neigung ſelbſt da, wo gerade das Gegentheil am Orte geweſen wäre.

Einige Tage, nachdem ſie das Blumenbouquet be⸗ kommen, ſagte Graf René zu Madame von Bour⸗ gueville:

Entſchuldigen Sie, Mama, wenn ich heute nicht mit zu Mittag ſpeiſe; ich konnte durchaus nicht umhin, eine Einladung anzunehmen.

Bei wem?

Bei Herrn Meunier.

Madame von Bourgueville, vor Ueber⸗ raſchung außer ſich, warf ihrem Sohne einen durchdrin⸗ genden Blick zu, der Erſtaunen und Neugierde zugleich verrieth.

Herr Meunier! ei, ei! ſagte ſie.Iſt das der Beſitzer des Meierhofes, jener Ex⸗Krämer, jenes Großmaul, mit dem Du einige Händel wegen Grenz⸗ ſteinen hatteſt?

Derſelbe, Mama!

Ah ſo! Ihr wollt alſo zuſammen diniren und dadurch die Angelegenheit begleichen? Ich glaubte, die Sache ſei längſt ſchon abgethan.

Beinahe, erwiederte der junge Graf;aber höre, was ſich zutrug: Die Nichte des Herrn Meunier ging eines Morgens im Park ſpazieren; ich war auf der Jagd; ich zielte auf die Mitte eines Dickichts, in dem ſie eben ſaß, und eine Schrotladung traf gerade