Heft 
(1861) 3 03
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72 Erinnerungen.

Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

ihren Arm. Der Vorfall hatte weiter keine ernſtlichen Folgen; aber ich glaubte, die nöthige Genugthuung müſſe dieſelbe Flinte leiſten, die den Schaden angerich⸗ tet, und ſo ſchickte ich Herrn Meunier das Ergeb⸗ niß der Jagd: einen Haſen und zwei Rebhühner. Und ſiehe! Nun erhielt ich eine Einladung, heute zu Mittag als Gaſt zu erſcheinen.

Warum haſt Du das angenommen?

Wenn ich es ausgeſchlagen, ſo wäre meine vor⸗ gebliche Genugthuung nichts als eine Unfeinheit, ja Grobheit geweſen. Was Teufel! Das iſt doch wohl das Geringſte, was man thun kann, wenn man vor Leuten den Hut abzieht und ihnen die Hand reicht, die man ſchon mit einer Ladung Schrotkörner begrüßte!

Und wer iſt denn dieſe Nichte des Herrn Meu⸗ nier?

Der junge Graf, der noch mehr nach dem Inſtinkt als nach reiflicher Ueberlegung zu handeln pflegte, merkte ſofort, daß die Unterhaltung kritiſch geworden war und daß es mehr oder minder von ſeiner Antwort abhänge, ob die Gräfin für oder gegen Louiſe Partei ergreifen würde. Er antwortete alſo in ſachtem Tone:

Sie iſt ſehr hübſch und eben ſo graciös; aber ſie iſt eine Lehrerin, ein armes Mädchen, welches einen recht wohlhabenden Mann bekommen müßte.

Gut, ſagte die Gräfin mit tiefer düſterer Stimme;mein Sohn wird keine Dummheit begehen

und auf ſeiner Hut ſein. (Fortſetzung folgt.)

Die Lauine*).

(Hiezu die Bilderbeilage.)

1 ie Lauine iſt die Milchſchweſter der Rüfe, gleich⸗

ſam das winterliche Ebenbild dieſes im Sommer

ſo ungeberdig tobend aus den Höhen hereinbre⸗

G) chenden Unholdes. Wie bei jener iſt es ein Ab⸗

ſchüttelungs⸗Proceß des Uebermaßes deſſen, was

die Höhen nicht zu bergen vermögen, wie

jene, tritt auch die Lauine ſchreckenerregend in dräuen⸗

der Wildheit, donnernd und weithin durch die Thäler

wiederhallend einher, wie jene, hat ſie ihre trümmer⸗

bedeckten Sturzbahnen, über welche ſie furchtbar her⸗

niederrauſcht, wie jene, richtet ſie im bewohnten

Kulturlande alljährlich viel Unheil an und iſt der ge⸗ fürchtetſte Gaſt jedes Alpthales.

Aber ſie iſt ungleich mannigfaltiger als die Rüfe, weil ſie viel öfter und faſt allenthalben im Hochgebirge wiederkehrt. Kaum mag es einen bedeutenden Ge⸗ birgszug geben, der nicht ſeine alljährlich regelmäßigen Lauinenſtürze hat. Hier hängt's dann begreiflich von der F. ration der Berge und Felſenwände, von ihrer

*) Aus denAlpen in Natur⸗ und Lebensbildern von H. A. Berlepſch, Leipzig 1861, mit beſonderer Er laubniß des Verlegers Herrn Hermann Coſtenoble.

mehr oder minder dem Schneefall, der Schneeanhäufung ausgeſetzten Lage ab, wie groß, ſtark und heftig die Lauine wird und je nach ihrem früheren oder ſpäteren Auftreten, der Dichtheit ihres Materials, der Urſache

ihrer Entſtehung und dem Effekt ihrer Wirkung unter⸗

ſcheidet der Aelpler verſchiedene Arten.

Es iſt eine, im Nicht⸗Alpenlande beinahe ſtereotyp gewordene Meinung, daß irgend eine unbedeutende, äußere Veranlaſſung, z. B. das Schneekörnchen, welches der Fittigſchlag eines Vogels in rollende Bewegung ſetzt, die Lufterſchütterung, welche durch Geräuſch, durch das Knallen einer Peitſche, das Klingeln einer Saumroß⸗ Glocke, ja ſelbſt durch Huſten und Sprechen entſtehe, hinreichend oder vielmehr nöthig ſei, um den Sturz einer Lauine herbeizuführen. So wenig es ſich in Ab⸗ rede ſtellen läßt, daß ſolche Veranlaſſungen unter Um⸗ ſtänden allerdings Urſache von Schneeſtürzen werden können, ebenſowenig ſind ſie jedoch Bedingung der⸗ ſelben; im Gegentheil die maſſenhafteſten, furchtbarſten, gefährlichſten und regelmäßigſten Lauinen werden durch ganz andere Faktoren hervorgerufen.

Man kann ſie zunächſt füglich in Winter⸗ und Sommer⸗Lauinen eintheilen. Den erſteren gehören die ſchrecklichen, gefürchteten, unregelmäßig hereinbrechenden Staub⸗Lauinen an. Sie ſind gewiſſermaßen die ſtärkſte Form der Schneeſtürme. Entweder packt ein um die Gipfel brauſender Hochſturm unberechenbare Laſten jenes feinen, ſandähnlichen, kurz vorher gefallenen Schnees, hebt denſelben auf und läßt ihn als undurch⸗ dringliche Staubwolke da fallen, wo plötzlich die tragende Kraft des Windes gebrochen wird, oder es iſt neuer Schnee, der auf ſehr glatter Unterlage alten, obenher vereiſten Firnes liegt, durch einen Windſtoß ins Gleiten geräth, durch wachſende Maſſe auch an Gewicht, Druck und Schnelligkeit der Bewegung wächſt, und ſo über irgend eine Wand herabfährt. Die hierdurch herbeige⸗ führte Wirkung iſt eine doppelte. Einerſeits hüllt der niederſtürzende Schnee⸗Ocean in ſekundenkurzer, Zeit Gegenden, Häuſer, Perſonen, Vieh ſo vollſtändig ein, daß in vielen Fällen dieſelben tief, tief vergraben liegen und nur eiligſte Hilfe Rettung ermöglicht, anderer⸗ ſeits aber iſt die, durch den raſchen Sturz veranlaßte Kompreſſion der Luft ſo gewaltig, daß, wie bei Explo⸗ ſionen von Pulverthürmen, lediglich durch den Luft⸗ druck, große Felſenblöcke, Häuſer, Viehſtälle, kurzum Ge⸗ genſtände jeder Art, welche die Lauine mit ihrem Schnee⸗ kitt nicht einmal erreichte, zur Seite geſchoben, empor⸗ geſchnellt, über Abgründe durch die Luft getragen, kurz und gut in kapriciöſeſter Weiſe dislocirt werden. Weil der Wind zunächſt Urſache des Entſtehens derſelben iſt, ſo werden ſie auch Wind⸗Lauinen genannt; indeſſen können gexade bei dieſen fliegenden Schnee⸗Schmetter⸗ wolken auch andere Hebel Bewegung hervorrufend wir⸗ ken. Bei dieſem auf geneigter glatter Fläche ruhenden Staubſchnee genügt irgend ein gegebener Anſtoß, um viele Juchart große Schneefelder in's Rutſchen zu brin⸗ gen, und hier iſt die Entſtehung der vulgären, in den Sprachgebrauch übergegangenen paraboliſchen Redens⸗ art von dem:Lawinen ähnlichen Anwachſen zu ſuchen.

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