Heft 
(1861) 3 03
Seite
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70 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Renoult, der Onkel und Vormund Klärchens war, die längſt auch keine Eltern mehr hatte. Sie be⸗ gaben ſich in die Wohnung des Pächters und hatten dort ſofort Gelegenheit, das häusliche Leben auf dem Lande in ſeinem bunten Treiben eben ſo zu beobachten, wie die Arbeitergruppen, die von ihren Arbeiten mit einer Miene heimkehrten, die es nur zu deutlich aus⸗ ſprach, daß ihr Tagewerk ihnen mehr Freude als Stoß⸗ ſeufzer brachte. Es war dies jedoch nicht die Wohnung des Doktors: dieſer hatte ſich einen hübſchen Blumen⸗ garten angelegt und in demſelben ein Häuschen gebaut, welches ſich an die der Straße entlang laufende Mauer lehnte.

Die Luft war drückend ſchwül wie in den heißeſten Tagen des Sommers; am fernen Horizonte ſah man ungeheure finſtere Wolkenmaſſen emporſteigen, die jedoch ab und zu in einem plötzlichen Lichte erſchienen, ſo daß man ein Gewitter im Anzuge glauben mußte. Der übrige Himmel war rein und von Myriaden hellleuch⸗ tender Sterne und Sternchen beſäet. Koſtbare Wohlge⸗ rüche ſtiegen allenthalben aus den nahen Waldungen und Wieſen empor, und pflanzten ſich mit den Wind⸗ ſtößen fort, um die ganze Gegend zu erfüllen. Eine magnetiſche Kraft war in der ganzen Atmoſphäre thätig und ſchien allüberall einen geheimnißvollen Schrecken, mit ihm aber auch eine ſtille geheime Luſt zu verbreiten.

Was iſt denn das! rief Louiſe aus, indem ſie die balſamiſch duftende milde Luft in vollen Zügen ſchlürfte.Mich befällt ein ahnungsvolles Grauen! Iſt's Glück oder Unglück, was mir bevorſteht?

In derſelben Zeit, im ſelben Augenblicke, wo die beiden Freundinnen das Gitterthor des Pachthofes er⸗ reichten, kam auch ein Mann auf einem kleinen Seiten⸗ wege an, der ein Kornfeld quer durchſchnitt. Ein unge⸗ heurer Apfelbaum, der am Auslauf des Pfades ſtand, machte, daß Louiſe und ihre Freundin nicht bemerk⸗ ten, daß ſich ihnen Jemand näherte. Aber auf einmal hörten ſie eine helltönende jugendliche Stimme rufen:

Guten Abend, meine Damen! Ich mache Ihre kleinen Füßchen aufmerkſam, daß das Gras heute Abend ſehr naß iſt!

Die beiden Freundinnen blieben erſchrocken ſtehen; Klärchen war im Begriffe zu antworten, aber ſie merkte ſofort, daß der Vorübergehende in raſchen Schrit⸗ ten ſeines Weges weiter ging.

Haſt Du ihn erkannt? ſagte ſie zu ihrer Be⸗ gleiterin.Das iſt Graf René. Er erſchien, damit ſich das Sprichwort bewahrheite: Lupus in fabula; er wird mit Beſtimmtheit vorausgeſetzt haben, unſere Unterhaltung hätte ſich um ihn gedreht.

Trotz des luſtig knatternden Feuers, welches den ungeheuren Kamin füllte, und trotz der Zwiegeſpräche, die Klärchen mit den Bewohnern des Hauſes und den zufällig anweſenden Gäſten anknüpfte, blieb Louiſe den ganzen übrigen Abend traurig und in Gedanken verſunken.

Am folgenden Morgen wachte der Graf, dem es ſchon überhaupt nie an einem ſehr lebhaften trefflichen Humor fehlte, in einer in der That ganz ungewöhnlich

frohen Stimmung auf. Er traf Vorbereitungen zur Jagd. Darauf durchſchritt er den das Schloß umge⸗ benden Garten, ſuchte aus allen Blumenbeeten die herr⸗ lichſten, friſcheſten Blumen zuſammen zu einem reizen⸗ den Bouquet, und, dieſes in der Hand, die Flinte unter dem Arm, die Weidtaſche auf der Schulter, den Hund hinter ſich, ſchritt er dem Dorſe zu.

Er hielt ſich vor dem Hauſe Meuniers nicht auf; die Fenſter des nach der Straße zu gelegenen Zimmers waren halb geöffnet; René ſchien im Vor⸗ hinein darauf gerechnet zu haben; er ſteckte ſeinen Arm durch die kleine Oeffnung und legte ſein Blumenbouquet auf Louiſens Pult, zwiſchen eine Stickerei und etliche Papiere.

Während er dieſes ſo wenig neue, aber doch im⸗ mer wieder neue Manoeuvre ausführte, das ſelten ſeinen Zweck verfehlt, beobachtete das Dienſtmädchen Meu⸗ niers, die eben in einem Fenſter des erſten Stockes einen Teppich auszuſchütteln im Begriffe war, den jun⸗ gen Grafen mit einer mehr ſpöttiſchen als böswilligen Aufmerkſamkeit.

Dieſes Mädchen mochte etwa fünfzig Jahre ha⸗ ben: ihre äußere Erſcheinung war häßlich, aber ganz ſauber. Ihr Weſen war zu gleicher Zeit egoiſtiſch und dienſtgefällig, abſtoßend und voller Komplimente. Sie ſchenkte, wo es nöthig war, die ſorgſamſte Pflege, aber Mitleid kannte ſie nie; ſie that ihre Pflicht doppelt, die geringſte Aufforderung, etwas zu thun, kränkte ſie ſchon. Selbſt gehorchend, ſchien ſie zu befehlen: ſo reſpektvoll waren alle Dienſte, die ſie verrichtete, ſo gleichgiltig war ſie gegen alle und jede Anerkennung, ſo herrſchte ſie durch ihre trotzige Sorgloſigkeit über Alle, die auf ihre Dienſte angewieſen waren. Keinem Befehle kam ſie nach, ohne erſt ihr Gewiſſen befragt zu haben, ob ſie es dürfe oder nicht; ſie war überaus fromm, ſo zwar, daß es dem Hausgeſinde oft wenig recht war. Es kam ihr ſtets darauf an, eine recht große Anzahl Meſſen zu hören und eben ſo vielen Litaneien und Segen bei⸗ zuwohnen. Selbſt wenn ſie behufs größerer Einkäufe in die Kreishauptſtadt kam, blieb ſie ihrer Lieblingsge⸗ wohnheit treu. Dabei war ſie jedoch von jeder Proſe⸗ lytenmacherei frei. Wenn ſie Zeuge der Mühen und Leiden war, die es manchen Leuten koſtete, ihre irdiſchen Bedürfniſſe zu befriedigen, begnügte ſie ſich damit, heimlich und verſtohlen zu lachen über die Pein, die es ihnen koſtete, ſich der Verdammniß würdig zu machen. Die ſchmähliche Gleichgiltigkeit erſtreckte ſich auch auf Meunier, ihren Herrn; ſie betrachtete ihn als einen armſeligen Chriſten, deſſen Seele auf der Wagſchale des jüngſten Gerichtes nicht allzu ſchwer wiegen würde. Ihrer Liebe und Dankbarkeit gegen ihren Herrn ver⸗ lieh ſie einen ſehr beſcheidenen Ausdruck ſie betete täg⸗ lich einVater unſer und Ave Maria, daß Gott ihm ein ſeliges Ende verleihen wolle. Wenn ſie aber auf Fräulein Louiſe ſah, die ſie als ganz kleines Kind gehegt und gepflegt, dann fühlte ſie einen centnerſchwe⸗ ren Druck. Louiſe war ohne Unterlaß der Gegenſtand ihrer Wachſamkeit, vor ihrer Neugierde und ihrem Scharf⸗ ſinn mußte die alte Jungfer ſich immer in Acht nehmen.