Heft 
(1861) 3 03
Seite
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68 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humotr.

Und Du glaubſt, ich würde mich dazu verſtehen, mich in Mitten einer ſolchen Umgebung zu zeigen? Welche Dame würde Selbſtverläugnung genug beſitzen, einzugeſtehen, daß ſie ſich in ſolcher Umgebung heimiſch fühle? Ich weiß, Du wirſt mir wieder Uebertreibung vorwerfen. Den Vorwurf aber weiſe ich auf' entſchie⸗ denſte von mir: unſer Charakter und unſere ſociale Stellung oder vielmehr unſere Perſönlichkeiten und das, was unſer Leben ausmacht, ſind grundverſchieden.

Dieſer Brief iſt ziemlich lang ausgefallen; beant⸗ worte ihn nicht und komme recht bald lieber zu mir. Ich bin Deine alte Freundin, Du biſt das einzige Weſen, durch welches ich liebe und lebe. Leb' wohl.

Louiſe Meunier.

Am folgenden Tage ergriff Louiſe abermals die Feder und ſchrieb bei ſo ſchwachem Lampenlicht, wie es eben nur für die Augen der Jugend ausreicht.

Was ſind wir doch für ſchwache erbärmliche Geſchöpfe, liebes Klärchen! Wenn wenigſtens Du es wärſt mit Deiner ſchneeweißen Haut, Deinen roſenrothen Wangen, blauen Augen, goldenen Locken, mit Deinem niedlichen Geſichtchen, mit Deinen allerliebſten Händchen und Deinen auswattirten Schultern, wenn Du es wärſt, ſo ein feines zartes Weſen, würde man eine Aenderung in den einmal gefaßten Beſchlüſſen begreiflich finden; man würde Dir einen Wechſel in Deinen Grundſätzen verzeihen. Aber wie iſt es erklärlich, daß ich, die ich durch die Kälte und den Ernſt meines Benehmens oft alles, was ſich mir nähert, abſtoße daß ich mich von einem Blicke magnetiſiren, von einem ſtummen Winke leiten laſſe!

Jal er kam trotz meines Verbotes; ging unter dem Fenſter unſeres Hauſes auf und ab einmal auch ein zweites Mal. Ich ſaß auf dem Plätzchen, wel⸗ ches Du ſehr gut kennſt, das Geſicht gegen das Fenſter gewendet und ſtickte wie gewöhnlich; ich glaube ihn an ſeinem Schatten erkannt zu haben, aber, das iſt gewiß, hinausgeſchaut hatte ich bis dahin nicht. Beim dritten Male aber trafen ſich unſere Blicke. Er ſchritt darauf auf die Thür zu und es klingelte; ich erhob mich, ohne es zu wiſſen und öffnete ihm die Thür; ich war, ich verſichere Dich, nicht nur vor Staunen, ſondern auch vor Unwillen außer mir.

Ganz ungezwungen und lächelnd trat er ein. Er war durchaus nicht mehr der Alte; von der Zartheit und Demuth des erſten Tages keine Spur! Nachdem er ſich, nach den Regeln des ſogenannten Anſtandes, nach meinem Befinden erkundigt und mich ſeiner leb⸗ haften Theilnahme an meinem Unfalle verſichert, fing er an, um ſich zu ſchauen, erſt verſtohlen, dann dreiſter; die famoſen Kupferſtiche bezauberten ihn; er fing an, ſie ſorgfältig zu prüfen. Eine Reihe witzelnder Bemer⸗ kungen war die nächſte Folge; ich weiß ſehr wohl, daß er mich damit nicht beleidigen wollte, aber nichtsdeſto⸗ weniger verdüſterten ſie etwas mein bis dahin heiteres Geſicht. Ich mußte in der That mein Melpomene⸗Geſicht annehmen, welches Dich in der Regel ſo abſtößt.

Nun ſetzte er ſeine Unterhaltung mit mir fort, und er war ſo geiſtreich und ſo intereſſant, ſo heiter

und jovial, und ſchaute mich dabei ſo treu, ſo gut⸗ müthig an, daß ich ſchließlich meine kleine Gereiztheit vergaß. Eine Menge Fragen, die er an mich richtete, beantwortete ich und nach Ablauf einer halben Stunde waren wir die beſten Freunde der Welt.

Einige Tage ſpäter waren die beiden jungen Damen in demſelben Saale, deſſen unanſehnliche ge⸗ ſchmackloſe Möblirung den Geſchmack und die Anſprüche Louiſens ſo ſehr verletzten. In einem ironiſchen Tone, der ihren ernſten Mund ziemlich ſehr verzog, hub die eine an:

Endlich, endlich biſt Du einmal wieder da. Ich bin Dir ſehr dankbar, daß Du meinetwegen von Deinen Heiratsgedanken abgekommen!

Höre, erwiederte das blonde Klärchen mit heiterer Ruhe, die bewies, das der leiſe Vorwurf ihrer Freundin ihr Gewiſſen nicht berührte;höre, das iſt meine ganze Zukunft, dieſe günſtige Gelegenheit, einen Mann zu finden: da heißt es ſein oder nicht ſein!

Sein oder nicht ſein, ſagſt Du? Alſo die Frau eines Bauers zu werden, mag er nun Eigenthümer oder Pächter ſein, das nennſt Du eine höhere Fügung?!

Gewiß, ich würde mich ſehr gut da hinein zu finden wiſſen. Ich bin in einen Pachthof und die ihn belebenden Weſen ganz verliebt; was für ein Vergnügen würde es für mich ſein, meine Hühner, meine Küch⸗ lein, meine jungen Enten, meine girrenden Turteltauben zu hegen und zu pflegen, mit ihnen meine Melancholie zu theilen. Ich würde glücklich ſein, hörte ich das Brüllen der Kühe und Ochſen, das Wiehern der Pferde; da hätte ich ein Lieblingskälbchen und eine Lieblings⸗ ziege zum Abweiden des Graſes im Garten und eine prachtvolle mit Schimmeln echt arabiſcher Rage be⸗ ſpannte Carriole würde mich täglich ſpazieren fahren. Zu Hauſe hätte ich ein Paar allerliebſte Kinderchen, mit denen ich, das eine auf dem Arm, das andere an der Hand, dem geliebten von einem benachbarten Jahr⸗ markt heimkehrenden Vater entgegeneilte, während die Dienerſchaft nachtmahlte. Ich würde ſtets die friſche Luft in vollen Zügen ſchlürfen und Abends im trauten Mondenſcheine die ſüßeſten Träume träumen.

Hör auf! rief Lo uiſe gebieteriſch;das ſind lauter kindiſche Albernheiten, die Du mir da aufzählſt, während Du mir das Herz zerreißeſt. Vielleicht iſt's ein Glück, deſſen Du mich beraubſt; ich bin gewiß, daß ich ihn lieben würde, ich, Deinen Vetter.

Klärchens Geſicht überflog ein ſanftes Lächeln.

Das iſt einmal wieder eine Idee! ſagte ſie. Du, in Jerome verliebt, das möchte ich ſehen; das müßte in der That zu drollig ſein; denn Du biſt viel zu noble, als daß Du einen einfachen Bauer, wie er es iſt, lieben könnteſt.

Iſt denn Dein Jerome ein Kretin?

O nein! Er iſt unermüdlich thätig, ein trefflicher Jäger, ein unerſchrockener Reiter und er tanzt vorzüglich. An großen Gedanken und Ideen iſt er freilich arm; das iſt ſeine ſchwache Seite; er kennt nur die Idee des Guten und an ihr hält er feſt. Im Uebrigen iſt ſein Geiſt bildſam und würde für alle Eindrücke ſich empfänglich zeigen.