Louiſe Meunier. 67
„Ja! ich komme aus dem Badeorte, wohin ich meine Mutter begleitete. Kommen Sie mit zu meiner Mutter,“ bat er zum zweitenmale inſtändigſt.
„Nein, nein,“ erwiederte ſie,„ich kehre jetzt zu meinem Onkel zurück; dem Herrn Meunier,“ ſetzte ſie mit ganz leiſer Stimme hinzu.
„Nicht doch, Sie erlauben mir, daß ich Sie zurück⸗ begleite?“
Mit dieſen Worten nahm er den Arm der jungen Dame in den ſeinigen und ſo ſchlugen ſie denſelben Weg ein, den dieſelbe eine Stunde zuvor genommen. Sie gingen bis zu den erſten Häuſern des Dorfes, welches man von dem Gitter des Parks aus bemerkte; da blieb ſie plötzlich ſtehen.
„Gehen wir nicht weiter,“ ſagte ſie,„ich will beim Herrn Doktor Renoult einſprechen; ich bin ein wenig leidend, ich will ihm meinen Unfall mittheilen.“
„Ich kenn' auch den Herrn Doktor, darf ich mit Ihnen gehen?“.
„Sie werden mich ſehr verbinden, wenn Sie das nicht thun.“
„Aber ich werde wenigſtens morgen mich Ihrem Herrn Onkel vorſtellen dürfen, um Ihnen meine Auf⸗ wartung zu machen und mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen?“
„Sie werden mich vielleicht wunderlich nennen; aber ich wünſche nicht, daß der kleine Unfall, der mich heute getroffen, der Anfang von näheren Beziehungen zwiſchen uns werde.“
Dieſe Worte trugen ſo ſehr den Stempel der Aufrichtigkeit und Natürlichkeit, daß man darin unmög⸗ lich eine Sprödigkeit oder Prüderie finden konnte. Der junge Mann machte eine achtungsvolle kalte Verbeugung und empfahl ſich; ſie aber ging in das Haus des Herrn Doktors hinein.
Zwei Tage ſpäter ſaß ſie zu Hauſe vor einem kleinen Schreibpulte, welches alle ihre Geheimniſſe ent⸗ hielt und ſchrieb folgenden Brief:
„Liebes Klärchen!
„Ich habe in der That Luſt, die Freundſchaft zu läſtern, mich über ſie luſtig zu machen; man überſchätzt ſie, wenn man ſie gar ſo hoch preiſt. Ich bin überzeugt, daß im Allgemeinen nur Egoismus dahinter ſteckt. Man macht Freundſchaften, weil ſie zu Wenigem ver⸗ pflichten und Vieles erſetzen; weil man ſie ſich leicht wieder abthun kann und Niemand ernſt an die Pflichten denkt, die ſie auferlegt. Ich weiß nicht, welcher Art die Tröſtungen ſind, die ſie dem Alter bringen; aber der Jugend bilden ſie die liebenswürdigſten Noth⸗ behelfe, Lückenbüßer. Da haſt Du in kurzen Worten die Wahrheit.
„Du wirſt mich verſtehen, aber mich der Lüge zeihen; denn es gibt in der That nichts Ungenirteres, nichts Keckeres als Dein Leichtſinn. Das Ganze läuft darauf hinaus, daß Du ſeit vierzehn Tage fort biſt und Dich amüſirſt, während ich mich langweile. Warum aber mich ſo ganz mir ſelber überlaſſen? Eine Hochzeit, eine Taufe und das Vergnügen mit ſeinen Vettern, Halbvettern, Viertelsvettern ꝛc. zu tanzen.—
„Was ſage ich, Vergnügen? Arge Täuſchung. Das iſt höhere Diplomatie; eine beſondere Art von Jagd auf Männer! Gut Glück!
„Ich ſehne mich nach unſeren langen Plaudereien, darum beantworte ich Deinen Brief von dieſem Morgen. Du fragſt, warum ich Herrn René nicht geſtattet habe, mich zu ſeiner Mutter zu führen, warum ich mich ferner geweigert, ihn mit in's Haus meines Onkels zu nehmen und ob dieſe Weigerung ernſtlich gemeint war?
„Dieſe Frage ſetzte mich in der That in Erſtaunen; Du kennſt mich doch ſo gut. Wenn ich mich entſchließe, einige Monate in dieſem Dorfe zu wohnen, wo ich ohne Dich wie in einſamer Verbannung lebe, wo nicht ein Weſen meine Sprache kennt, geſchieht das nicht, um für meinen Körper und meine Seele Ruhe und Erholung zu ſuchen? Und woher kommt dieſe Ermü⸗ dung, dieſe Mattigkeit, die mir alle Gliedmaſſen, ich möchte ſagen, zerſchlagen hat? Du weißt es, es iſt der Druck, der von Oben auf mich ſyſtematiſch geübt wird. Auf dem Lande wird jede zufällige Begegnung zu einem Liebesverhältniß. Frau von Bourgueville hätte mich nächſtens für eine jener Perſonen gehalten, die ſich der Erheiterung eines Cirkels widmen, für ſo eine Geſellſchaftsdame oder gar eine Hofmeiſterin. Sie hätte mich vermuthlich aufgefordert, ſie zu beſuchen. Aber in ihrer Gegenwart wäre ich noch beherrſcht geweſen von der unwiderſtehlichen Gewalt des Namens, der Geburt, des Glückes und des Alters. Ich hätte mich wieder all' jenen Unarten der Gefallſucht, der zärtlichen Schonung, des delikaten Benehmens, des Heuchelns und Schmei⸗ chelns in die Arme werfen müſſen, durch die mein Stolz und mein Muth ſchließlich ſo ermüdet würden, daß ſie die ganze Kraft meiner Jugend mit in ihren Abgrund riſſen.
„Was René betrifft, ſo geſchieht es nicht aus ähnlichen Gründen, wenn ich ihm ausweiche. Ich werde mir nimmer vor einem Manne etwas vergeben, mich nie niedriger dünken als er ſteht. Aber kommſt Du dazu; ich ſoll den ſo eleganten ariſtokratiſchen jungen Grafen zu meinem Onkel in’s Haus kommen laſſen. Du kennſt unſere Reſidenz, den Luxus unſeres Empfang⸗ ſaales: eine Granittapete ſo grob wie grobe Leinwand, das Tafelwerk aus Tannenholz ohne Firnißanſtrich, mit ungeheuren Knoten im Holze, ein Tiſch aus Nuß⸗ baum, Stühle aus Kirſchbaum, die Sitze aus Stroh geflochten, Blumen in Muſchelſchalen unter einer Glocke, und eine Pendeluhr von vergoldetem Kupfer. Ein hüb⸗ ſches Gemiſch das! Aber alles das wäre noch erträglich! Was mich aber geradezu anekelt, was ich unausſtehlich finde, das ſind die geſchmackloſen dummen Kupferſtiche in ihren ehedem einmal vergoldeten Rahmen, lauter Epiſoden aus der Geſchichte der großen Armee dar⸗ ſtellend, z. B. der Tod des Marſchalls Lannes, der Tag von Auſterlitz, die Zuſammenkunft Napoleons mit Alexander an den Ufern des Niemen. So entſetzliches Alltagszeug! das doch nur die berühmte Epoche des Kaiſerreichs ſchändet, ſtatt ſie zu verherrlichen. Da ſind mir, weiß Gott, die ſimplen Bildchen lieber, die hier die Strohhütten der Bauern zieren.
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