Heft 
(1861) 3 03
Seite
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66 Erinnerungen

Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor

Nur ein junges Mädchen belebte durch ihre An⸗ weſenheit die fruchtbare Einöde; ſie ſchritt auf einem breiten Fußpfade auf ein Schloß zu, welches zwar be⸗ ſcheidene Dimenſionen hatte, aber in einem höchſt nobeln wenn auch einfachen Style aufgeführt war.

Vor dieſer herrſchaftlichen Wohnung, welche die junge hübſche Fußgängerin aus der Ferne forſchend betrachtete, dehnte ſich ein ungeheurer Raſenplatz aus, deſſen zahlreichen kahlen Stellen nur zu deutlich ver⸗ riethen, daß hier Treibvieh in großen Scharen und oft und lange herumgewirthſchaftet hatte.

An der äußerſten Südſeite des Schloſſes lief rechts und links ein Blumengarten, deſſen zahlreichen bunten Beete mehr den genialen als den praktiſchen Gärtner verriethen. Um dieſen Garten herum zog ſich ein unge⸗ heurer Park aus dichtem Gehölz, welcher wieder quer durchſchnitten wurde von ſtolzen prachtvollen Fichten⸗, Cypern⸗, Buchen⸗ und Eichen⸗Alleen; ſelbſt aus Akazien und Plantanen waren einige gebildet.

Dieſe Alleen ſtiegen wellenförmig an einem Hügel

empor. Die kreisförmige Perſpektive, das prächtige Licht⸗ ſpiel in den bald dichteren, bald minder dichten Belau⸗ bungen übten einen Zauber auf den Beobachter aus, als hätte er die Gärten der Armida vor ſich gehabt.

Der Raſenplatz war eingeſchloſſen von zwei Reihen hoher, dichter Linden, die trotz ihres hohen Alters noch immer in friſchem, kräftigem Grün prangten, Ein großes eiſernes Gitter, in deſſen Mitte oben ein großes Schild angebracht war, trennte den Platz von der vorbeigehen⸗ den Straße und den umliegenden Feldern. Die ganze ſonſtige Umgebung war vertheidigt durch eine Wolfs⸗ grube.

Als das junge Mädchen ſich dem Gitter näherte, öffnete ſie, ſich ängſtlich nach allen Seiten umſehend,

ob ſie etwa bemerkt würde, eine kleine ziemlich verſteckte

Seitenthür und huſchte, ſo ſchnell ſie konnte, hinter das Gehölz. Als ſie dann eine der Lindenalleen ge⸗ wonnen, fing ſie an langſamer und bequemer ihren Weg fortzuſetzen.

Wer die jugendliche Schönheit ſo in der Einſam⸗ keit beobachten konnte, den mußten trotz der ſchlaffen Haltung die Würde und die Feinheit aller ihrer Bewe⸗ gungen in nicht geringes Erſtaunen ſetzen.

Obgleich es kaum neun Uhr früh war, war ſie doch ſchon in einem echt ländlichen, im Ganzen wie im Detail höchſt geſchmackvollen Negligée. Sie war ſehr hübſch, ja allerliebſt wenn auch nicht gerade eine plaſtiſche Schönheit. Ihre Naſe war echt römiſch, ihre Züge ſehr ſprechend und fein. Lange, dichte, braune Haarflechten faßten eine ſchöne Stirn und ein graziöſes Geſichtchen ein. Nur ihre Augen waren etwas klein;

aber die regelmäßigen ſcharf hervortretenden ſchwarzen

Augenbrauen bewirkten, daß man dieſen etwaigen kleinen Fehler wenig oder gar nicht bemerkte.

Auch von ihrem Munde hätte man beinahe ſagen können, er ſei zu groß; aber auch das ward verdeckt durch die ſtolze Ironie, mit welcher ſich die Lippen um den Mund bogen, ſo zwar, daß er dem kleinſten nied⸗ lichſten Mündchen glich.

Wenn endlich kein jugendliches Feuer aus den matten bleichen Wangen ſprühte, ſo ſprach doch aus ihrem ganzen Geſichte eine tiefe Innerlichkeit, welche dann und wann ſo hell und durchdringend ſtrahlte, daß ſie dem Beobachter tief in die Seele drang.

Sie näherte ſich langſamen gemeſſenen Schrittes einer Holzbank, die ſich im Schatten einer dichten Buche befand. In der Hand hielt ſie ein Buch geöffnet, aber leſen konnte ſie nicht. Die kleine Aufregung, welche ſich in Folge des zurückgelegten Weges auf ihrem Geſichte zeigte, zerſtreute ſich plötzlich; Unruhe, Mißbehagen und eine perſönliche Melancholie zeigten ſich in all ihren Zügen. In Nachdenken verſunken ſtand ſie da.

Plötzlich hörte ſie einen Flintenſchuß; ein Hagel von Schrotkörnern praſſelte quer durch die Buche. Sie ſtieß einen Schrei der Ueberraſchung und des Schmerzes aus, ihr Kopf ſenkte ſich nach hinten, ihre Augen ſchloſſen ſich.

Als ſie dieſelben wieder öffnete, erblickte ſie einen jungen Mann im Jagdkoſtüme, der ſich über ſie bog und ſie ängſtlich beobachtete. Ein neuer Schrecken ſchnürte ihr das Herz zuſammen und abermals verlor ſie die Beſinnung.

Der junge Jäger hob ſogleich den ſchönen ſtummen

Kopf des reizenden Kindes mit der einen Hand und

führte mit der andern ein kleines Fläſchchen, welches er aus ſeiner Taſche zog, zu den Lippen der Unbekannten.

Ich bitte, Fräulein, begann er,trinken Sie einige Tropfen von dieſem Liqueur; der wird Ihnen die Beſinnung wiedergeben; ſind Sie vielleicht gar ver⸗ wundet?

Das Mädchen gehorchte und nahm unter einem leiſen Schauer einen Schluck zu ſich; es war Zuckerwaſſer mit Rum.

Ich glaube, ſagte ſie,daß die Schrotkörner in meinen Arm gedrungen ſind.

In der That war der Aermel des zierlich aufge⸗ putzten Kleides von blaugrünem Mouſſeline an mehreren Stellen durchlöchert.

Der junge Mann wagte es nicht, ſie zu bitten, ihm die Wunden zu zeigen, als deren Urheber er ſich fühlte; er bot ihr an, er wolle ſie in's Schloß bringen.

Meine Mutter wird Ihnen die ſorgſamſte Pflege angedeihen laſſen, ſagte er.

Nein, erwiederte ſie,die Gräfin ſoll nicht wiſſen, daß ich mich heimlich hierhin geſtohlen habe; das war eine Unbedachtſamkeit, der ich mich ſchäme; aber dieſer Ort gefiel mir zu gut zu meiner Morgen⸗ promenade, ich gehe jeden Tag hierhin.

Jeden Tag ich begegnete Ihnen doch noch nie!

Auch ich gewahrte Sie nie!

Mit dieſen Worten wechſelten ſie einen Blick, der Beide überraſchte; ſie laſen darin gegenſeitig einen ſtillen Vorwurf. Warum? 3

Wohnen Sie ſchon längere Zeit in dieſer Ge⸗ gend? fragte der junge Mann.

Seit zwei Monaten.

Dann fuhr ſie fort:

Sie ſind erſt ſeit vierzehn Tagen wieder hier?