deſſen reichen
Die wandernden Erdbeeren.— Der Bote Allah's. 59
zu bereiten. Jetzt, da ſie die köſtlich duftenden, mit dem
rauhen Winter ſo ſeltſam kontraſtirenden Kinder des
Lenzes in Händen hielt, kam es ihr faſt wie ein Unrecht vor, ſie ohne weiteres zu verzehren, und ihrem guten, wohlwollenden Herzen folgend, ſandte ſie dieſelben einer ſchon ſeit mehren Wochen kranken Kollegin.
Die Mutter der Kranken, welche das Geſchenk in Empfang nahm, war eine praktiſche, ſparſame Hausfrau und berechnete ſehr richtig, daß aus dem Erlös der jetzt ſehr koſtbaren Früchte ihrer Tochter gewiß ein größerer Nutzen erwachſen dürfte, als aus dem Genuſſe derſelben. In eigener Perſon begab ſie ſich daher ſogleich zu einem ihr bekannten Fruchthändler, bot dieſem die Erdbeeren zum Verkauf an und erhielt, da derſelbe mehre male in dieſen Tagen um die Herbeiſchaffung von Erdbeeren angegangen, einen ziemlich hohen Preis dafür, da er hoffen durfte, immer noch ein gutes Geſchäft damit zu machen. Er hatte ſich nicht getäuſcht. Graf P.., dem er die Erdbeeren brachte, zahlte voll Freude, ſie jetzt, wo er jede Hoffnung ſie zu erlangen aufgegeben hatte, noch zu bekommen, die dafür geforderte Summe und ſandte mit einem Billet, worin er ſchrieb, daß ihm die Früchte erſt in dieſem Augenblicke durch einen Courier überbracht worden, dieſelben an Fräulein S...
Auch jetzt konnte ſich die Künſtlerin nicht ent⸗ ſchließen, die Erdbeeren ſelbſt zu verzehren. Frau von R... eine Freundin und Gönnerin, hatte ihr ſoeben einen prächtigen Blumenſtrauß als Neujahrsgruß ge⸗ ſandt, ſie erwiederte denſelben durch das Körbchen mit Erdbeeren. Der Zufall wollte, daß Cugen F.. der junge Schriftſteller, zu dem Bekanntenkreiſe der Frau von R... gehörte, in den jüngſtverfloſſenen Tagen mehrmals ihr Haus beſucht und dort wiederholt den Wunſch geäußert hatte, Erdbeeren zu erlangen, ohne einen Grund für dieſes Verlangen anzugeben. Frau von R... hielt den Wunſch für eine phantaſtiſche poetiſche Laune, war liebenswürdig genug, ſie ihm zu erfüllen, und ſchickte ihm das Körbchen mit Erdbeeren zu.
Der kurze Wintertag neigte ſich bereits ſeinem Ende zu, als Eugen F.. ſich ſelbſt zu Fräulein S... begab, ihr die Erdbeeren als ſoeben angekommen zu überreichen. War der Künſtlerin ſchon, als ihr die Früchte vom Grafen P... zugeſchickt worden, eine Ahnung des eigentlichen Sachverhaltes aufgegangen, ſo blieb ihr jetzt kein Zweifel, daß dieſelben Erdbeeren gleich den Pantoffeln des Kaſem, wenn auch weniger unheilbringend, immer wieder zu ihr zurückgekehrt ſeien. Schalkhaft lächelnd empfing ſie die Gabe und ihre Mutter lud Cugen F... zum Thee, eine Einladung, welche ſie auch an die beiden anderen Herren ergehen ließ.
Wieder waren die fünf Perſonen in den eleganten Räumen der Schauſpielerin verſammelt. Auf der Mitte des Theetiſches prangte das Körbchen mit Erdbeeren, als deſſen Geber ſich jeder der drei Herren ſtolz be⸗ trachtete. Die Theeſtunde ging ſehr heiter vorüber, denn jeder entfaltete im Bewußtſein, der Held des Tages zu ſein und ſeine Rivalen gedemüthigt zu haben, die glän⸗ zendſte Laune. Die Künſtlerin dankte dem freund⸗ lichen Geber der herrlichen Früchte und bat die
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Herren, welche Zeugen ihres Wunſches geweſen, jetzt ſich der Erfüllung desſelben mit ihr zu freuen, indem ſie die Erdbeeren gemeinſchaftlich verzehrten. Das Körb⸗ chen war bald geleert. Wer aber beſchreibt das Er⸗ ſtaunen des Grafen und des Dichters, als ein auf dem Boden des Körbchens liegendes Bild Talmas's in zier⸗ licher Goldeinfaſſung zum Vorſchein kam, für den Fräu⸗ lein S... ſtets eine ſchwärmeriſche Verehrung gezeigt. Die beſtürzten Geſichter der beiden Herren, das trium⸗ phirende des Banquiers waren ſo komiſch, daß ſich die Künſtlerin, obgleich auch ſie ſehr überraſcht war, von einer unwiderſtehlichen Lachluſt ergriffen fühlte. Sie erzählte den Herren, wie es den Früchten bei ihr ergan⸗ gen; wohl oder übel mußte jetzt Jeder ſeinen Antheil an der Begebenheit der Wahrheit gemäß berichten, und ſo erfuhr man denn zum größten Ergötzen die Geſchichte der wandernden Erdbeeren.
Der Bote Allah's. — Perſiſche Erzählung.
/) ſ in Derwiſch ging eines Tages nach dem Bazar, Oydort einige Strähne Baumwolle, die ſeine Frau — geſponnen, zu verkaufen. Er erhielt einen Direm —(ungefähr 1 ½ Sgr.) dafür und war eben im 8 Begriffe, denſelben gegen Lebensmittel umzu⸗ tauſchen, die er ſeiner harrenden Familie als Mittagsmahl heimbringen wollte, als er zwei Männer unter heftigen Scheltworten mit großen Stöcken ſo wüthend aufeinander eindringen ſah, daß er für ihr Le⸗ ben fürchtete. Der Derwiſch erkundigte ſich nach der Urſache des Streites und erfuhr, daß derſelbe um einen Direm ent⸗ ſtanden ſei, den der Eine dem Andern nicht bezahlen könne.
„Ich habe ſoeben einen Direm erhalten,“ über⸗ legte der Derwiſch;„wäre es nicht meine Pflicht, dieſen den Streitenden zu geben und auf dieſe Weiſe Blut⸗ vergießen, ja vielleicht den Tod meines Nächſten zu verhüten?“ Gedacht, gethan. Er näherte ſich den feind⸗ lichen Parteien, gab ihnen den Direm und hatte die Genugthuung, den Kampf augenblicklich enden zu ſehen.
Mit leeren Händen und ſorgenſchwerem Herzen kehrte er nach Hauſe zurück und geſtand aufrichtig ſeiner Frau, was ſich zugetragen und wie er gehandelt habe. Als würdige Gattin eines ſolchen Mannes machte ſie ihm nicht den leiſeſten Vorwurf darüber und ſuchte, da die Mittagsſtunde längſt vorüber und die Kinder nach Brod weinten, auf andere Weiſe Rath zu ſchaffen und irgend etwas Verkäufliches aufzufinden. Sie ſuchte lange vergeblich; endlich fiel ihr ein Gewand von verbliche⸗ nem Seidenſtoff in die Hände.
„Nimm dies, mein Freund,“ ſagte ſie,„und ſiehe, daß Du es verkaufſt; beeile Dich aber, denn die Kinder haben heute noch nichts gegeſſen.“
Der Derwiſch durchlief die Stadt von einem Ende zum andern, konnte aber nirgends einen Käufer finden. Mehrere Stunden waren im fruchtloſen Bemühen da⸗ hingegangen, als ihm ein Mann begegnete, der einen großen Fiſch zum Verkauf ausbot, aber keinen Ahneh⸗
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