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64 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
Berichterſtattern ꝛc. nicht in Anrechnung gebracht. Es haben geſprochen 8 Miniſter 116, 11 Regierungskommiſſäre 42 und 69 Mitglieder 761 Mal. Summa 88 Redner 919. Mal. Miniſter: der Fürſt Hohenzollern 1, Freiherr v. Patow 33, Graf Schwerin 32, v. Bernuth 19, Graf Pückler 16, v. d. Heydt 13, General v. Roon 1. v. Bethmann⸗Holl⸗ weg 2 Mal. Regierungskommiſſäre: Meinicke 11, v. Win⸗ ter 9, Delbrück 6, die übrigen durchſchnittlich 2 Mal. Mit glieder: 10 über 20 Mal; 14 zwiſchen 10 und 20 Mal; 30 weniger als 11 und mehr als 1 Mal und 15 nur 1 Mal.
Der große Löwe in der Schönbrunner Menagerie iſt dieſer Tage verſchieden. Da der ſeit längerer Zeit kranke Löwe die Annahme von Medikamenten hartnäckig verweigerte, wollte man ihm dieſelben durch folgende Liſt beibringen. Man goß die für den Löwen beſtimmte Me⸗ diein einem Kaninchen ein und ſchob das Thier dem Pa⸗ tienten zu. Aber dieſer ſpann, anſtatt es zu verzehren, ein freundliches Verhältniß mit dem Kaninchen an und ſah mit wehmüthigen Blicken auf deſſen Sprünge und die wahrſcheinlich durch die Medicin hervorgerufenen Gri⸗ maſſen. Der Löwe ſtarb, das Kaninchen aber hat ſowohl die gefährliche Geſellſchaft, als auch die ihm beigebrachte Löwenmedicin glücklich überſtanden.
Eine unerhörte literariſche Myſtifikation. Schon oft iſt die gelehrte Welt durch koloſſale Myſtifikationen getäuſcht oder in Aufregung verſetzt worden; noch nie aber trugen ſie ſo das Gepräge der Lächerlichkeit, als die Täuſchung mit ihr behaftet iſt, welche dieſen Augenblick großes Aufſehen macht. Der bekannte Vielſchreiber Lacroix in Paris findet in einer Staatsbibliothek, der Bibliothéque de l'arsenal, ein Heft in einer Pappkapſel, das im Kata⸗ log„Buch der Wilden“ heißt. Es enthält Figuren und Hieroglyphen, die mit ſehr roh und naiv gehaltenen Buchſtaben und Chiffern abwechſeln, mit grobem Bleiſtift und Röthel auf dickem Papier gezeichnet ſind. Dies Heft nun gab den Stoff zu einem prachtvoll ausgeſtatteten Werk in groß Oktav mit 119 Seiten Text und 228 Kupfertafeln unter einem pomphaften Titel. Was aber ſtellt ſich nun heraus? Daß wir ein Schmierheft eines 5— 7jährigen Kindes vor uns haben, welches lächerliche Figuren kleckſte und deutſche Namen darunter ſetzte. Hiervon hatte der gelehrte Herausgeber keine Ahnung. So ſteht unter zwei rothen Linden, die der Verfaſſer „Embleme des Blitzes, Symbol der göttlichen Züchtigung“ nennt, das Wort„Wurßd“ u. ſ. w. Und das Alles ſoll ein für die Kulturgeſchichte der wilden Roth⸗ häute bedeutſames Werk bilden,— das Geſchmier eines Schuljungen! Thränen erpreßt das Lachen über die Aus⸗ legungen, die den einzelnen Worten gegeben werden, und hätte, während des Druckes, nur zufällig einmal ein deutſcher Setzer einen Blick auf die Tafeln gethan, er hätte dem kaiſerlichen Hausminiſter, der die erforderlichen Geldmittel zur Herausgabe bewilligte, und dem ganzen ge lehrten Frankreich dieſen unauslöſchlichen Skandal erſpart!
Der Kaiſer Napoleon ward kürzlich von ſeinem Sohne über den Unterſchied zwiſchen den Wörtern„acci- dent“ und„malheur“ gefragt. Nach einigem Nachdenken ſagte der Kaiſer:„Ich will Dir den genauen Unterſchied ſagen. Es würde ein accident ſein, wenn unſer Vetter, Prinz Napoleon, in die Seine ſtürzte; aber es wäre ein malheur, wenn ihm Jemand wieder heraushelfen wollte.“ So erzählt man ſich in pariſer Klubbs.
In Pirna feierte am 22. Mai Abends neun Uhr der Thurmwächter der Hauptkirche durch bengaliſches Feuer das dreihundertjährige Jubiläum des erſten Glocken⸗ ſchlages der Kirche. Ohne die Schaltjahre zu rechnen, hat dieſe Glocke im Verlauf der 300 Jahre ungefähr 17,082.000 Schläge gethan.
Auf dem Polizeibureau zu New⸗York beſindet ſich eine eigenthümliche Gemäldegalerie, zu welcher die Poririts
Redigirt unter Verantwortlichkeit des Verlegers.— Papier und Druck des art.⸗typ. Inſtituts von Carl Bellmann i aa.
ehrlicher Leute unzuläßlich ſind. Dieſe Galerie iſt ſeit Kurzem um zwei Bilder vermehrt worden. Die Porträts Jefferſon Davis' und Floyd's(Kriegsminiſter unter Bu⸗ chanan) ſind nämlich derſelben einverleibt worden. Zur Information der Galeriebeſucher iſt das eine Porträt mit „Jefferſon Davis, der Verräther“ und das andere mit „John B. Floyd, der Räuber“ unterzeichnet.(2)
Der Polizeibericht irgend einer Stadt, die ſich durch„Iutelligenz“ auszeichnet, hat die Entdeckung ge⸗ macht, daß auch Todte noch gehen können. Es heißt nämlich wörtlich in dem Bericht:„Man führte den Mann nach einem andern Zimmer, und hier gewahrten die Um⸗ ſtehenden, daß er kein Lebenszeichen mehr von ſich gab und erſtickt war.“
Der Manheimer Anzeiger theilt ein hofgerichtliches Urtheil mit, das für die Preſſe inſofern Bedeutung hat, als darin entſchieden iſt, der Redakteur einer Zeitung ſei nicht ſchuldig, ſich als Zeuge darüber vernehmen zu laſſen, wer der Verfaſſer eines Artikels ſeiner Zeitung iſt; ohne dieſen Schutz wäre das Redaktionsgeheimniß in Frage geſtellt. Bravo!
Die Seidenfabrikanten in Crefeld habeu einen Verein zur Verhütung des Seidendiebſtahls gegründet
und auf die Entdeckung von Dieben namhafte Beloh⸗ nungen geſetzt. Das Mittel iſt wenigſtens praktiſch.
Vor einiger Zeit waren in Straßburg 200 un⸗ gariſche Ochſen verſammelt und harrten der Stunde der Abfahrt nach Paris. Einem derſelben gelang es, dem Wagen zu entſpringen. Auf der Eiſenbahn fortſtürzend, ſtieß er einen Bahnwärter, der ſich ihm entgegenſtellte, zu Boden und brach dann abſeits in's freie Feld aus, wo er vielleicht noch manchen der fliehenden Arbeiter nieder⸗ geſtoßen haben würde, wenn er nicht, durch das Geraſſel eines daher kommenden Zuges aufmerkſam gemacht, auf die Schienen zurückgekehrt und nun in voller Wuth der Lokomotive, die er vermuthlich auch für ein Hornvieh an⸗ ſah, entgegengeſtürzt wäre. Der Zuſammſtoß war fürch⸗ terlich. Mit ſeinen Hörnern zerbrach der Ochſe das aus dickem Eiſenblech gemachte und mit ſtarken Bolzen befe⸗ ſtigte Vorderblatt der Maſchine; aber alsbald ergriff ihn auch einer der Puffer, warf ihn zu Boden, und im Nu hatten ihm die Räder das gewaltige Haupt vom Rumpfe getrennt.
Ein echt prieſterliches Teſtament hat der am 4. Mai 1861 in Paris verſtorbene Biſchof von Montpellier, Monſigneur Charles Thomas Thibault, hinterlaſſen. Er ſagt darin:„Ich will und verordne, daß alle Papiere verbrannt werden, die man in meinem Hauſe findet und die meine Handlungen dadurch rechtfertigen könnten, daß dritte Perſonen angeſchuldigt würden. Ich will lieber auch nach meinem Tode Verleumdung erleiden, als über meine Gegner Recht behalten, indem ich ihnen oder ihrem Rufe ſchade. Das Maß der Verzeihung, die uns werden wird, iſt dasſelbe, nach welchem wir Anderen verzeihen. Zu⸗ meinen Univerſalerben ernenne ich mein großes Seminar und die Armen in Montpellier.“ Der Biſchof war im Jahre 1796 geboren und wird als Muſter von Gelehr⸗ ſamkeit und frommer Mäßigung gerühmt.
Die Folgen des Zunftzwanges und der Realrechte treten nirgend greller hervor, als in der Bierbrauerei. In England hat das einzige dort beſtehende Realrecht für Wirthshäuſer die Folge gehabt, daß das ganze Brauer⸗ und Schankgewerbe in die Hände weniger Brauer kam. Dasſelbe iſt in Frankfurt und München der Fall. In Erſterem gab es 1836 noch 187 Braumeiſter, 1858 nur noch 83, die brauten; in München war die Zahl der Brauereien über 70, jetzt gibt es nur noch 53 Brauge⸗ rechte, wovon nur noch 19 ausgeübt werden. Deutlicher kann wohl nichts dafür ſprechen, daß das Zunftweſen
den Handwerkern ſelbſt zum Schaden gereicht.


