58 Erinnerungen. Flluſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
durch Schlußfolgerungen raſcher beſtimmte Geſtalten annehmen. Es entſteht ein Drang zum Schaffen, ein Treiben der Gedanken und Vorſtellungen, eine Beweg⸗ lichkeit und eine Gluth in den Wünſchen und Idealen, welche mehr der Geſtaltung bereits durchdachter Ideen, als der ruhigen Prüfung entſtandener Gedanken günſtig iſt.“
Der übermäßige Genuß des Kaffee's hat einen ſtarken Blutandrang nach dem Kopfe, Stockungen im Unterleibe, Schwächungen des Darmkanals, Schlafloſig⸗ keit und einen rauſchartigen Zuſtand von Aufregung zur Folge. Es entſteht ein Gefühl von Unruhe und Hitze, Angſt und Schwindel, Zittern der Glieder, ein Drang, in's Freie zu kommen, und die friſche Luft iſt gewöhnlich das beſte Mittel zur Aufhebung eines Zu⸗ ſtandes, deſſen Fortdauer eine wahrhaft aufreibende Gewalt über den Menſchen ausübt. Bei leichten Unpäß⸗ lichkeiten, als Kopfweh, Hartleibigkeit, Verdauungs⸗ ſchwäche, Trägheit der Hautausdünſtung, leiſtet der Kaffee unverkennbare Hilfe, indeſſen iſt durch den häu⸗ figen Gebrauch ſeine mediciniſche Wichtigkeit und Wirk⸗ ſamkeit ſehr beſchränkt. Die geröſteten Kaffeebohnen dienen aber immer noch als wirkſames Gegenmittel bei Opium. und anderen narkotiſchen Vergiftungen, des⸗ gleichen auch bei Berauſchung.
Die Gerbſäure in Kaffee und Thee ſchlägt die eiweißartigen Körper aus ihren Löſungen leicht nieder, darum iſt Milch in dieſen Getränken ſchwerer verdaulich, als wenn ſie allein getrunken wird. Und ſo iſt nur ſchwarzer Kaffee wirklich im Stande, nach Tiſch die Verdauung zu fördern, indem er die Abſonderung der löſenden Säfte vermehrt. Kein Italiener trinkt nach Tiſch Milch in ſeinem Kaffee.
Die beſonders ſeit der Zeit der napoleoniſchen Kontinentalſperre bei uns gebräuchlichen Surrogate, wie Cichorie, Gerſte, Roggen, Runkelrübe, Möhre, Eichel u. ſ. w., ſind mit wenigen Ausnahmen weder der Geſundheit ſehr zuträglich, noch bezwecken ſie eine begründete Gelderſparniß; in letzter Beziehung verhalten ſie ſich zu gutem Kaffee noch nicht einmal wie altes Kuh⸗ fleiſch zu Ochſenfleiſch. Da alle dieſe Stoffe den charakte⸗ riſtiſchen Beſtandtheil des Kaffee’s, das Kaffein nämlich, nicht enthalten, ſo iſt der Genuß des Surrogatkaffee's ein Selbſtbetrug, der die Farbe für den Gehalt nimmt.
Die wandernden Erdbeeren.
Humoreske.
6 n einem kleinen, eleganten Salon war eine aus zwei Damen und drei Herren beſtehende Geſell⸗ W ſchaft verſammelt. Mit erſtarrendem Hauche blies ₰ draußen ein eiſiger Nordwind, denn es war um — die Weihnachtzeit; aber im Innern des Zimmers
E herrſchte Licht, Wärme und Behaglichkeit. Ein lu⸗ ſtiges Feuer flackerte traulich im Kamin, ein weicher Teppich, herabgelaſſene Vorhänge von ſchwerem Seiden⸗ zeuge hielten jedes Eindringen der Kälte zurück; epotiſche Pflanzen dufteten in koſtbaren Gefäßen. Heiter, geiſtreich, von überſprudelnder Laune war die kleine Geſellſchaft,
und wie konnte es anders ſein! War ſie doch um die gefeierte Schauſpielerin S... verſammelt, die in jung⸗ fräulicher, ſittiger Anmuth die liebenswürdige Wirthin machte, den Thee bereitete und von den Herren bald mit einer das heilige Feuer hütenden Veſtalin, bald mit einer den Nektar reichenden Hebe verglichen wurde.
„Schmeicheleien, nichts als Schmeicheleien,“ rief ſie lächelnd,„die nur dazu dienen, mich meine Ohn⸗ macht recht fühlen zu laſſen. Wäre ich eine Göttin, ſo könnte ich über Erde und Himmel, Froſt und Hitze ge⸗ bieten und brauchte mir nicht einen Wunſch zu verſa⸗ gen, den ich ſchon ſeit mehren Tagen hege und deſſen Erfüllung mich mehr, als alle empfangenen reichen Weihnachtsgeſchenke erfreut hätte.“
„Ein Wunſch,“ rief Graf P..., ein Kavallerie⸗ Officier,„nennen Sie ihn, ich fliege, ich eile, und ſollte ich drei meiner beſten Pferde zu Tode jagen.“
„Ein Wunſch?“ fragte Banquier R..„iſt es eine Spende zu einer Sammlung für die Armen? Reden, gebieten Sie!“
„Ein Wunſch,“ ſagte Eugen F... der junge Schriftſteller,„o, daß ich die Sterne für Sie zum ſtrahlen⸗ den Diadem vom Himmel herabholen, Ihren Namen mit Flammenzügen an das Firmament zeichnen könnte, wie er bereits am Himmel der Kunſt glänzt. Was wünſchen Sie?“
„Ich glaube nicht, daß meine Tochter ſo über⸗ ſchwängliche Wünſche hegt,“ lächelte Frau S... eine freundliche, würdige Matrone.
„Mama beurtheilt mich ſehr richtig. Sie ſind ſehr gütig, meine Herren; aber nichts von allem, was Sie mir ſo freigebig zur Verfügung ſtellen, iſt mein Wunſch, denn leider können Sie, Herr F... die Macht, nach welcher Sie ſoeben geſtrebt nur im Reiche der Poeſie erlan⸗ gen; ich aber ſehne mich nach etwas Wirklichem, und zwar — nach friſchen Erdbeeren. Wer von Ihnen vermag mir dieſe jetzt unter Eis und Schnee emporwachſen zu laſſen?“
Die Herren verſtummten einen Augenblick; die Aufgabe ſchien nicht ganz leicht. Vielleicht mochte ſich der Eine oder der Andere aus ſeiner Jugend des Mär⸗ chens von den wunderthätigen Zwergen erinnern, die dem armen, von der Stiefmutter im harten Winter nach Erdbeeren ausgeſchickten Kinde die erſehnten Früchte verſchafften. Vielleicht ſehnten ſie ſich nach ihrem Bei⸗ ſtande; unſere Zeit iſt jedoch zu materiell geworden, der Wunderglaube iſt entflohen und mit ihm Elfen, Feen und Zauberer. Nur zwei mächtige Zaubergewalten gibt es noch— die Dampfkraft und das Geld. Zu bei⸗ den mußten die Herren ihre Zuflucht nehmen; da aber die letztere dem Banquier R... im reichſten Maße zu Gebote ſtand, ſo iſt es natürlich, daß er auch über die erſtere unumſchränkt gebot und ſeinen Nebenbuhlern den Rang ablief. Telegraphiſche Depeſchen flogen an alle Kunſtgärtner nah und fern, und wirklich war er ſo glücklich, die um einen enormen Preis erkauften Erd⸗ beeren in einem zierlichen Körbchen am Neujahrsmorgen der Künſtlerin zuzuſchicken.
Der Wunſch, Erdbeeren zu eſſen, war nur eine Eingebung des Augenblicks geweſen, hervorgerufen durch die Luſt, ihren Verehrern eine kleine Verlegenheit


