Wilhelm Sommerlad: Vom Kaffee. 55
peratur im Winter nicht unter 10° ſinkt und dabei hin⸗ reichenden Regens oder künſtlicher Bewäſſerung bedarf, ſo ſind dieſe örtlichen Wärme⸗ und Feuchtigkeitsverhält⸗ niſſe für ihr Fortkommen allerdings außerordentlich günſtig und man trifft hier deßhalb den Kaffee in den Thälern und auf den terraſſenförmigen Anhöhen in einer Seehöhe von 1500— 2000 Fuß überall an, indeß nur in Pflanzungen.
Cinen wilden Kaffeebaum oder irgend ein wildes Kaffeegehölz hat man aber bis auf den heutigen Tag in Arabien nicht gefunden, und es iſt darum wohl ſchon die Urheimat des Kaffee's hier nicht zu ſuchen. Nun weiß man nach neueren Forſchungen, daß er nicht allein ſeit der älteſten Zeit als angebauter Baum in Abeſſinien vorkommt, ſondern daß er auch in den hiervon ſüdlich liegenden Ländern Enarea und Kafa angebaut wird und in größter Fülle ſchattenreicher Wälder daſelbſt wild wächſt. Als Quellenland des öſtlichen Nil und der vielen Zuflüſſe desſelben, ſtellt ſich Abeſſinien von ſelbſt als kulturfähig dar, und da es zugleich völlig in der Zone der tropiſchen Regen liegt, ſo übertrifft ſeine Produkten⸗ fülle bei weitem die des benachbarten glücklichen Ara⸗ biens. Man hat dort ſchon über 1000 neue Pflanzen gefunden, und was die Zoologie hier entdecken kann, davon liefert unter andern das Senkenbergiſche Muſeum zu Frankfurt, das der bekannte Reiſende Rüppel mit vielen Seltenheiten bereichert hat, den glänzendſten Beweis. Es ſind alſo wohl die letztgenannten Länder als die eigentliche Heimat der Kaffeepflanze anzuſehen, von hier wurde ſie vermuthlich erſt gegen das fünfzehnte Jahrhundert in Arabien eingeführt, ſo daß Jemen höch⸗ ſtens als die erſte Kulturheimat des Kaffeebaumes gel⸗ ten kann.
Woher der Gebrauch, Kaffee zu trinken, ſtammt, wer den köſtlichen Stoff entdeckte, iſt unbekannt; indeſſen ſcheint in Abeſſinien der Gebrauch des Kaffeetrinkens eine über die Zeit der hiſtoriſchen Erinnerung hinaus liegende uralte Sitte zu ſein, die erſt ſpäter nach und nach auch im arabiſchen Volksleben Eingang gefunden hat. Die ſeit 1838 den Britten gehörende Hafenſtadt Aden war wohl der erſte arabiſche Ort, in dem Kaffee getrunken und wohin er durch einen türkiſchen Ober⸗ prieſter, der denſelben in Abeſſinien hatte kennen gelernt, etwa in der Mitte des 15. Jahrhunderts, wie bereits erwähnt, eingeführt worden iſt. Schon zu Ende des 16. Jahrhunderts war der Kaffeetrank in das Genußleben aller Araber und Muhammedaner übergegangen, man trank aber damals ebenſowohl die Abkochung des die Bohnen einſchließenden widerlichen Fleiſches, als der Bohnen. Und heut zu Tage iſt es in Arabien hierin nicht viel anders! Gerade dort, wo ſie den edelſten Kaffee haben und in der größten Menge ſelber anbauen, trinken die meiſten Leute den ſchlechteſten Kaffee in der ganzen Welt: ein aus dem geröſteten Fruchtfleiſche bereitetes dünnes warmes Getränk. So genießen Die, welche dieſe Naturgabe am leichteſten haben könnten, ſie am wenig⸗ ſten, vielleicht aus ähnlichem Grunde, aus welchem unſere armen Winzer gewöhnlich nur Biere trinken, und die Bergleute, die das ſchönſte Silber herausgraben, oft
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kaum Kupfergeld im Hauſe haben— nämlich aus Ar⸗ muth, vielleicht auch deßwegen, weil Die, welche den Kaffee ſo nahe haben, ihn am wenigſten achten.
Bald jedoch entbrannte ein großer Streit für und wider den Kaffeegenuß. Schon zu Anfang des 16. Jahr⸗ hunderts traf ihn zu Mekka der erſte Fluch: er wurde nämlich als für Leib und Seele gefährlich, als größter Frevel gegen den Koran förmlich verdammt. In Kairo dagegen hielt man das exkommunicirte ſchwarze Kind⸗ lein für weniger abſcheulich, man wollte es erſt an ſeinen Früchten kennen lernen, deßhalb wurde jenes mekkaiſche Verdammungsurtheil hier nicht beſtätigt und die ſchon geſchloſſenen Kaffeeſchenken wurden wieder geöffnet. Auch erſchöpften ſich die Gegner des Kaffee's bald in ihrem Haſſe gegen das verurtheilte Getränk, ſie gingen nämlich ſelbſt ſo weit, zu behaupten, daß die Geſichter Derer, welche Kaffee getrunken, am Tage der Auferſtehung noch ſchwärzer als der Kaffeeſatz erſcheinen würden.
Indeſſen verbreitete ſich die Sitte des Kaffeetrin⸗ kens doch immer mehr und weiter, Anfangs zwar lang⸗ ſamen Schrittes, ſpäter aber mit einer ungeheuren Schnelligkeit, ſelbſt trotz der hohen Abgaben, die der Sultan auf die„Schulen der Erkenntniß“, wie die Türken die Kaffeehäuſer nannten, legte; bald war auch der ganze Weſten und das mittlere Europa mit dem Kaffee bekannt geworden, namentlich ſeitdem nach der Mitte des 17. Jahrhunderts in den beiden Weltſtädten Paris und London öffentliche Kaffeeſchenken entſtanden waren. Zu dieſer Zeit, wohl auch noch etwas ſpäter, hatte der Kaffee nur noch die Aerzte zu ſeinen haupt⸗ ſächlichſten Widerſachern; allein das„ſchwarze Keſſel⸗ chen“ wußte ſich zur Geltung zu bringen, wo es einmal geduftet hatte, da war ihm das Hausrecht geſichert.
In England war der Kaffee ſchon zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts bis zu den unterſten Volks⸗ ſchichten allgemein gedrungen, wurde aber durch den Thee bald wieder verdrängt; immerhin führte dieſes Land im Jahre 1847 für 150,332.992 Pfd. St. Kaffee ein, ſo daß dort ungefähr 1 ½ Pfd. auf den Kopf gerechnet werden. Die Zollkaſſe des Zollvereins hatte im Jahre 1852 vom Kaffee eine Einnahme von 6,141.876 Thlr. oder den vierten Theil der Geſammt⸗ Zollſumme, und es wurden in den deutſchen Zollvereins⸗ ſtaaten ſchon 1840 2 Pfd. und 11 Lth. auf den Kopf jährlich gerechnet. Von den fünf Millionen Centner Kaffee, die jährlich producirt werden, verbraucht Europa gegenwärtig allein drei Millionen Centner; in dem Maße iſt der Gebrauch eines Getränkes geſtiegen, wel⸗ ches vor noch nicht zweihundert Jahren in dieſem Erd⸗ theil ganz unbekannt war! Es ſind dieſe Zahlen aber unumſtößliche Belege für die großartigen Wechſelver⸗ hältniſſe der Völker und ihrer Geſchichte, die ſich in allen wichtigen Handelsartikeln abſpiegelt. Sie iſt noch in ſteter Entwicklung begriffen, aber wo ſie auch noch hin⸗ führen möge, ſie wird kein anderes Ziel kennen, als die große Verbrüderung des Menſchengeſchlechts fördern zu helfen.
Nachdem einmal der Kaffee ſich in Europa zu einem allgemeinen Volksbedürfniß erhoben hatte und


