54 Erinnerungen.
4. Stille Wege.
Der Architekt begleitete die Fürſtin auf einem Ritt durch Wald und Thal, tief in's Gebirge, unter⸗ nommen zu dem Zwecke, den unbeugſamen Köhler Thomas aufzuſuchen, ihm durch die Macht der Per⸗ ſönlichkeit zu imponiren und ihn vielleicht ſo zur Ab⸗ tretung des gewünſchten Grundſtückes zu bewegen. Klarer, tief blauer Himmel überwölbte die ſtarre Winter⸗ landſchaft, überheller Schnee⸗ und Sonnentag ſättigte mit Licht die fernſte Niederung, die Bäume ragten wie Kriſtallgruppen mit ihren weißen Reifrinden empor, ein Schimmern und Glitzern allenthalben, daß das er⸗ müdete Auge an den hier und dort überragenden Felſen⸗ hängen einen dunklern Ruhepunkt ſuchte, um ſich zu er⸗ holen vor dem Schauer all der Pracht und Herrlichkeit und wieder zu ſtärken für neue liebgewordene Eindrücke. Die erhaben feierliche Stille, kaum durch die kniſternden Huftritte im weichen Schnee geſtört, erhöhte den Reiz der Gegend. Die Fürſtin hielt ihr Pferd an. Ihr Blick weilte mit ruhigem Behagen auf dem Bilde, ihre Seele ſchien ganz von dem Zauber des Augenblicks gefangen und dieſe Stimmung lieh ihrem Antlitz, ihrem ganzen Weſen die rührende Anmuth und Schönheit, wodurch ſie unbewußt die widerſtrebendſten Elemente ihrer Um⸗ gebung beherrſchte.„Es iſt doch nicht gleichgiltig,“— ſagte ſie zu Flott nach einer Pauſe, während welcher dieſer in ihrem Anſchauen verſunken war,„es iſt nicht gleichgiltig, wie wir eine Landſchaft anſehen und welche Stimmung wir für ſie mitbringen; wir theilnahmlos und ſtumpfſinnig vorüber an den lieblichſten Gaben der Schöpfung, die Natur ſpricht ver⸗ gebens zu uns mit allen Zeichen wohlthätiger Segnung — dann kommt oft ſpät ein Tag, eine Stunde, ein Augenblick, und wir ſtaunen ob der Fülle des Lebens und der Schönheit, für die wir ſo lange zu unſerem eigenſten Schaden die Sinne verleugneten!“
„Fürſtin, geht es uns nicht ebenſo mit Menſchen?“ erwiederte Flott.
Ruſtika blieb eine Weile in Nachdenken ver⸗ ſunken, dann brachte ſie ihr Pferd in leichten Schritt, und wie um einer Gedankenwendung zu begegnen, ſagte ſie:„Welch' ein Bild des Friedens! Jene blauen Rauch⸗ ſäulen aus den Schloten der Köhlerhütten, es ſind faſt ebenſo viele Opferaltäre der Zufriedenheit, der Be⸗ ſchränkung, des Genügens. Wie ſo anders unten in unſerem Dorfe! Warum habe ich es nicht erreicht, daß die Menſchen ſich ertragen lernen? Ihre Schilderung der letzten Vorgänge hat mich tief betrübt und beinahe entmuthigt; ich werde nicht verſtanden oder, was ſchlim⸗ mer, mißverſtanden.“
(Schluß folgt.)
hundertmal gehen
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
Vom Kaffee.
Mitgetheilt von Dr. Wilhelm Sommerlad.
„Oichts iſt ſeltſamer in der Geſchichte Europa's, als die völlige Umgeſtaltung ſeiner Verhältniſſe und Ger Gewohnheiten, ja faſt ſeiner ganzen Kultur, durch Vermiſchung mit denen anderer Völker. Ss de dieſer von Haus aus kleine und ärmſte Welttheil zu der gegenwärtigen Macht und Gei⸗ ſtesgröße gelangen konnte, verdankt er faſt durchaus der Fremde. Syrien mußte ihm ſeine Religion vererben; auf den Schultern des Griechen⸗ und Römerthums hat er ſeine Kunſt und Wiſſenſchaft erobert; aus Aſien über⸗ ſiedelte er ſeinen ausgedehnten Obſtbau, ſeine Rebe, ſeine Seidenzucht, ſeine Baumwolleninduſtrie; Amerika entriß er ſeine Kartoffel, ſeinen Mais, den Tabak; China ſeinen Thee; Afrika ſeinen Kaffee; dem ſtillen Ocean ſeinen Zucker u. ſ. w. Man erſtaunt, wenn man das ganze große Regiſter der europäiſchen Induſtrie und des europäiſchen Handels durchſchweift: das Meiſte iſt der Fremde entwendet.
Ein tieferer Blick enthüllt uns hierin einen merk⸗ würdigen Gang der Weltgeſchichte. Faſt immer war es die Noth, welche den von Haus aus ſo bequemen Men⸗ ſchen in die Ferne, auf neue Bahnen trieb, ſeine Ver⸗ hältniſſe zu verbeſſern. Mit jedem Schritte vorwärts erweiterte er unbewußt ſeine Heimat, die Erde, Menſchen und Völker mit einander verbindend, die früher kaum von einander wußten. Dieſe Aufgabe übernahm Europa in einem Grade, wie kein anderer Welttheil. Zwar über⸗ nahm es dieſelbe zunächſt um ſeiner ſelbſt willen, zwar rettete es ſich dadurch allein aus ſeiner eigenen Armuth⸗ und der damit eng verbundenen Barbarei ſeiner Kultur; allein es trug hiermit den Geiſt des wahren Evange⸗ liums über die Erde, an welchem alle civiliſirten Völker, alle geoffenbarten Religionen bisher bauten: die Erde als einen gemeinſchaftlichen Wohnſitz der Menſchheit und dieſe als eine Familie zu betrachten, in welcher Weis⸗ heit, Friede, Geſetz und Sitte herrſchen ſoll, daß alſo Einer des Andern Nächſter und Gott der rechte Vater iſt über Alles, was da Kinder heißet im Himmel und auf Erden.
Hat auch der„Kaffee“ das Seine dazu beigetra⸗ gen, unſere Lebensweiſe, den Handel und die Schifffahrt, wie die Kulturverhältniſſe der Länder, die ihn erzeugen, zu verändern, hat er ſich außerdem nach und nach zum Volksbedürfniß erſten Ranges erhoben, ſo iſt es wohl gerechtfertigt, ihn einer näheren Betrachtung in dieſen Blättern zu würdigen.
Die Heimat des Kaffees ſuchte man lange Zeit ausſchließlich in Jemen, dem beſten Theile des glückli⸗ chen Arabiens. Der Sommer iſt dort regenlos, nur in der Zeit vom Oktober bis März regnet es drei bis vier⸗
mal des Monats, wodurch ſich die Wadys der Gebirgs⸗
gegend mit laufendem Waſſer füllen und reizende Vege⸗ tation ſich verbreitet. Da die Kaffeepflanze zu ihrem Gedeihen ein warmes Klima erfordert, wo die mittlere Temperatur nicht unter 16— 170 R. und die Lufttem⸗


