Heft 
(1861) 2 02
Seite
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Ludwig Foglar: Oer gordiſche Knoten. 53

hoffnungslos zerſtörten Ausſichten auf das köſtliche Nachteſſen. Man beſchloß in Eile eine Glückwunſchdepu⸗ tation abzurichten; aber wer ſollte die Redner empfan⸗ gen? Endlich verfiel man darauf, dieſe mündliche Adreſſe der noch immer rathlos daſtehenden Tochter des Hauſes darzubringen, die von dem Zuſammenhang der Dinge hier kaum einen dunklen Begriff hatte und nahe daran war, aus Verlegenheit zu weinen, als plötzlich aus einem Nebenzimmer die bereits koſtümirten Mitglieder

der beabſichtigten theatraliſchen Scene hervorſtürzten

und ſich wie raſend geberdeten darüber, daß nun all⸗ ihre ſchweren Mühen und ſchönen Triumphe zu eitel Nichts geworden. Der Prologus, als Hans Sachs, und in Wirklichkeit Bürger Schuſter, obwohl keineswegs Poete dazu zerknitterte ſeine ſchön geſchriebenen Verſe, während ſich ein Falſtaff voll Unmuth in eine Schinkenkeule verfraß, die er an einem Seitentiſche auf⸗ geſtöbert hatte. Heinrich der IV. maß mit Desdemona ingrimmig die ganze Länge des Zimmers und der Kaufmann von Venedig erſtickte ſeinen Zorn in einem hellauten Toaſttrunke auf den Neugebornen. Natürlich Alles unter Lärm und Tumult worin am rückſichts⸗ loſeſten die immer geſchwätziger auflodernden Frauen ſich auszeichneten dieſe ſtürzten auf den endlich ein⸗ tretenden Arzt los mit hundert Fragen und Aufträgen, und als er die Verſicherung gab, daß Alles erwünſcht wohl gehe, daß die verzweifelte Violinſtimme einer glück⸗ lichen Entbindung als Herold und Propeller gedient habe, daß aber nur vor Allem vollkommene Ruhe im Hauſe dringend nöthig ſei da gelang es der Frau Paſtorin, die Geſellſchaft zum ſchleunigen Aufbruch zu veranlaſſen, indem ſie die tröſtliche Hoffnung ziemlich klar durchſchimmern ließ, daß alle Freuden der unter⸗ brochenen Feſtlichkeit ſich recht bald bei dem bevorſtehen⸗ den Taufſchmauſe werden einbringen laſſen; denn daran konnte wohl Niemand zweifeln, daß Amtmanns die guten Freunde und Nachbarn für den Ausfall des heu⸗ tigen Vergnügens ſchadlos halten werden, und welche Gelegenheit dazu könnte naheliegender und paſſender erſcheinen, als die feierliche Taufhandlung, zu deren Verherrlichung ſich die Frauen auf dem Heimwege be⸗ reits in Auffindung glorreicher Namen abmühten und ſich in Vermuthungen über die Wahl des Pathen er⸗ ſchöpften. Wie ein Phönix verjüngt aus ſeiner Aſche ſtiegen alſo neue Vergnügenskeime aus der Brandſtätte der alten. Aber freilich hatten die ehrſamen Leute dies⸗ mal die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Die Taufe mußte innerhalb der geſetzmäßigen Friſt ſtattfinden, die Wöchnerin bedurfte völlige Ungeſtörtheit im Hauſe und der tumultuöſe Abſchied von neulich hatte den Amtmann zu dem heroiſchen Entſchluſſe aufgeſtachelt, die ſchlecht⸗ bewährte Nächſtenliebe ſeiner trauten Umgebung nicht ein zweites Mal auf die Probe zu ſtellen und die Taufe ohne Gaſt und Feſtlichkeit ſtille zu begehen. Nur der Paſtor und der Förſter als Pathe, alſo ſtrenge blos die officiellen Perſonen waren zugegen, es war abſolut gar keine Einladung ergangen und wie zum Denkmal dieſer muthigen That erhielt das Söhnlein den Namen Viktorl Sieger über das Vorurtheil.

Arzt, Paſtor und Förſter billigten vollkommen dieſe Rückſicht und Vorſicht für eine zarte, ruhebedürftige Wehemutter aber nicht ſo deren Frauen, welche eine Art Rachebund ſtifteten gegen Amtmanns, die übrigen Frauen wurden durch eine eifrige Propaganda gewonnen, an deren Spitze Schabſel ſtand, deſſen tiefſtes In⸗ tereſſe durch das Unterlaſſen des Taufſchmauſes und der dazu nöthigen Proviant⸗Lieferungen verletzt war. Er ſtellte dieſen Akt der Feindſeligkeit als einen entſchie⸗ denen Bruch mit der Geſellſchaft dar und legte der ſtillen Familie als Hauptmotiv zum Haſſe den Um⸗ ſtand unter, daß die gute Tochter mit ihrer Deklama⸗ tions⸗Probe keinem aufmunternden Erfolge begegnet ſei. Arzt, Paſtor und Förſter wurden halbwegs durch ihre berufsgemäßen Funktionen entſchuldigt dafür, daß ſie jenes verpönte Haus noch betraten, allein da deren Frauen ſo ganz und gar nicht zur Raiſon zu bringen waren und ſich immer entſchiedener der Partei des Rachebundes anſchloſſen, ſo klafften die Spaltungen in den Familien täglich drohender und das ſcheinbar ſo feſt gefügte Gebäude der Schleuſinger Geſelligkeit neigte dem raſchen Verfalle zu. Schabſelunterminirte fleißig aber er lockerte dadurch nur vollſtändig den Bau⸗ grund ſeines eigenen Vortheils, denn die nächſte Folge dieſes Taufzwiſtes, wie man den Caſus nannte, war eine Zerſetzung des Luftſchifffahrt⸗ und Tarnkappen⸗ Experiment⸗Komité's, hieraus neue Wahlen, neue Partei⸗ ungen, neue Umtriebe, Ausbleiben jeglicher Fonds und ein ſo gründlicher und allgemeiner moraliſcher Katzen⸗ jammer, wie er nur jemals den vernunftlos ſanguiniſchen Erwartungen auf die Ferſe treten kann. Schabſel ſah plötzlich nicht nur ſeinen perſönlichen Einfluß er⸗ ſchüttert, ſondern auch ſein Geſchäfts⸗Monopel, denn die Familien, welche ſeiner Richtung fern ſtanden, ver⸗ ſagten ſich die Befriedigung alter Bedürfniſſe oder ſahen ſich nach direkten Bezugsquellen um und es war nachgerade unvermeidlich Partei zu ergreifen, um nicht unter dem Beſtreben allezeit möglich zu bleiben, für geraume Zeit gänzlich unmöglich zu werden. Die poli⸗ tiſche Schlauheit des Krämers reichte hier nicht aus, er ſchloß ſich der Majorität an, nämlich der Anti⸗Amtmann⸗ Partei, und nur ganz geheime zarte Beziehungen ſuchte er zu dem feindlichen Lager herzuſtellen. Dieſe Doppel⸗ rolle jedoch brachte ihn erſt recht in gefährlichen Kon⸗ flikt mit dem klugen geradherzigen Förſter, der ihn eines Tages in ſeinem eigenen Kramladen in ein peinliches Verhör nahm, welches damit endigte, daß Schabſel, dem noch niemals eine Menſchenſeele ſo ſcharf zugeſetzt hatte und der jeden Augenblick gefaßt war, ſeine Ueber⸗ zeugung auf dem Altar ihres direkten Gegentheiks abzu⸗ ſchlachten, in ſeinem eigenen Kellerraume ſo lange zwiſchen Oelfäſſern gefangen und eingeſperrt gehalten wurde, bis er ſchriftlich eine ihm freigeſtellte Erklärung abgab, daß es Menſchen gebe, welche gar keine andere Ueberzeugung im Buſen tragen, als die von der Allein⸗ berechtigung des eigenen Ich und daß Schabſel nur Einem Gott glaube der da heißet Profſitchen!