52 Crinnerungen.
Umkleidung bei dem ſpäter aufzuführenden Haustheater vorgenommen. Den Beginn der Unterhaltung machte der übliche Friedensthee, in trefflicher Sorte von Schab⸗ ſel geliefert, das Backwerk dazu hatte die Form von Lufthallons und Tarnkappen, entſprechende Embleme prangten auf den rieſigen Kuchen, die Torten aber trugen die Namen der Komité⸗Mitglieder in ſinnigen Arabesken und die größte von ihnen das Wappen der Ritter von Tragant, ein rothes Fragezeichen im nebelgrauen Felde. Hieran hatten ſich die Archäologen manchen Zahn vergeblich ausgebiſſen, beſſer ging es mit der Verdauung der ſchmackhaften Torten, welche all⸗ mälig lautlos verſchwanden. Ein Männerchor, ausge⸗ führt von den jüngeren Berg⸗ und Hüttenbeamten, machte die muſikaliſche Ouverture. Die trefflichen Sänger hatten einer Melodie von Franz Schubert einen Huldi⸗ gungstext untergelegt, der auf Amtmanns und deren. neue Würde im Komité zart anſpielen ſollte, wovon man aber leider kein Wort verſtand, denn auch hier gehörte es zu den Kennzeichen ſtimmbegabter Sänger, keine Sylben auszuſprechen, ſondern unartikulirte Lauter zu lallen. Der Beifall war trotzdem enorm, ſo zwar, daß der Verfaſſer des Textes, den Niemand verſtanden hatte, verlangt wurde erröthend trat der Schulmeiſter vor, beugte ſich möglichſt tief und verbarg in ſeliger Rührung und ſchüchterner Beſcheidenheit ſein ſiegver⸗ klärtes Thränenlächeln hinter den Schutzflügeln ſeiner Vatermörder.
Des Amtmanns Frau, obwohl geſegneten Leibes und jeden Tag der Erlöſung von einer jetzt ſo ſtörſamen Bürde gewärtig, hatte nebſt den erſchöpfenden Pflichten einer gaſtlichen Hausfrau auch noch eine künſtleriſche Rolle übernommen, indem ſie den Klavierpart zu einer Violinſonate von Beethoven ſpielte. Der erſte Satz ging. auch ganz leidlich vorüber, weil das vorwaltende Piano⸗ forte, meiſterlich behandelt, alle Schwächen des Streich⸗ inſtrumentes mitleidig deckte. Nun aber kam das Adagio, ein langes Violinſolo und der Küſter holte unter Schweiß und Zittern dazu aus. Lieblich entwickelten ſich die erſten Takte des Thema's, die Köpfe der Damen wogten ſchon verſtändnißinnig hin und her, Schabſel⸗ lächelte wie ein verzückter Nußknacker, der Wirth um⸗ armte den Amtmann vor Wonne und der knochenderbe Förſter trat Flott bedeutungsvoll auf den Fuß, daß dieſer zuſammenknickte, die Schloßinſpektorin fächerte. ſich kokett und ſang leiſe mit— als plötzlich die Violine die Faſſung verlor, nebenbei auch aus dem Zeitmaße kam, das Stück von vorne begann, indeſſen das Piano fortſetzte, die Saiten ſcharrten kläglich auf dem Holze, das Inſtrument verſtimmte ſich durch die ihm angethane Gewalt alle Geſichter wurden um 1 ½ Zoll länger. Den Küſter faßte jetzt grimmige Verzweiflung, er geigte mit dem Muthe eines Aufgegebenen ſich wüthend in’s Allegro hinein und achtete nicht der bittenden Augen⸗ winke ſeiner vor Angſt und Verlegenheit leichenbleichen Partnerin— geigte fort und fort— plöplich ein Schrei⸗
ein Ruf des Entſetens die Amtmannin ſank ohnmächtig in den Seſſel zurück. Der Küſter ſtürzte von dannen. Beruhigend führte der anweſende Arzt die
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
Dame aus dem Salon— während der Amtmann An⸗ ſtalt traf, durch eine neue Produktion den fatalen Ein⸗ druck der leßzten Scene zu verwiſchen; er konnte das ruhig thun, denn der Arzt zerſtreute jegliche Beſorgniß in Bezug auf die Frau Gemalin. Es wurde demnach ſofort eine der Töchter mit einer Deklamation ange⸗ kündigt und Schabſel hatte die Ehre, das liebliche Fräulein dem ſchwer geprüften Publikum vorzuſtellen. Im Eifer, des Guten recht viel zu thun, hatte man das holde Kind zu einer wahren Atlasarbeit verurtheilt und die Hörer dazu: es war ein ganzer Geſang aus Virgils Aeneide zum Vortrag gewählt.
Alles ſeufzte und ſtöhnte unter dem Eindrucke einer grauſamen Langweile, indeſſen, man tröſtete ſich mit der Hoffnung auf die zugeſagte theatraliſche Vor⸗ ſtellung, welche am Schluſſe in Ausſicht ſtand. Der Paſtor, welcher das Fräulein im Vortrage dieſes Ge⸗ dichtes unterwieſen hatte, war in geringer Entfernung von ſeiner bangen Schülerin poſtirt, in ſeinen Geſichts⸗ zügen malte ſich die volle Befriedigung über den ſehre gelungenen pathetiſchen Schwung, er nickte gelegentlich beifällig und begleitete die leidenſchaftlichen Stellen⸗ mit einer lebhaften Bewegung ſeiner Geſichtsmuskeln
auf der andern Seite ſtand der glückliche Vater, deſſen ganze Weſenheit in verſchiedene Eyiſtenz⸗Partikeln zerriſſen ſchien, ſeine volle Perſönlichkeit war im Geiſte bei der vom Arzte betreuten noch halb ohnmächtigen Gattin, während die zitternde Sorge um das Amuſe⸗ ment der Gäſte, um den deklamatoriſchen Erfolg der Tochter, um den Beſtand der neuen Projekte und ſeiner damit verbundenen Würde ſich hundertarmig an ſein Herz klammerte und ſeinem Antlitz den Ausdruck eines kochenden Waſſertopfes gab. Seine prickelnde Unruhe ſteigerte ſich mit jeder Strophe des langen Gedichtes und er überhörte vollkommen, daß jetzt eine Muhme an ihn heranſchlich und ihn mit den Worten:„ſchnell zur Frau“ abrief; eine zweite Botin kam bald darauf und wiederholte die Meldung, die aber wegen des Affektes, in den ſich das Fräulein über Dido und Aeneas hineindeklamirt hatte, ebenfalls unberückſichtigt blieb. Eben ſollte die Beſchreibung des Meerſturmes beginnen, als der Arzt verwirrt und verſtört hereinſtürzte, den unſchlüſſigen Amtmann am Arme faßte und ihn fortzog mit den laut genug erhobenen Worten:„Um Gottes⸗ willen, kommen Sie doch, Ihre Frau hat einen Buben bekommen!“
Die Verwirrung hatte nun ihren Höhepunkt er⸗ reicht. Eine tragikomiſche Stimmung bemächtigte ſiche der durcheinander ſchwätzenden und rennenden Geſell⸗ ſchaft, in deren Mitte das weißgekleidete Mädchen ſtand wie eine übergoſſene Alpe, noch unſchlüſſig, wohin ſich wenden, verblüfft ihr ſchön gebundenes Buch an den Buſen gedrückt, wie im Gefühle einer Laſt, wegen der unterdrückten noch rückſtändigen Strophen des Aeneas. Die Frauen kriſtalliſirten ſich in ſummende Gruppen, denn ſie ging das erſtaunliche Ereigniß doch zunächſt an, ebenſo ſonderten ſich die Herren in einen Kreis und ſie ſchienen die Sache heiterer aufzufaſſen und ein Un⸗ behagen überkam ſie nur in dem Gedanken an die nun⸗


