50 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
Der gordiſche Knoten. Kleindeutſches Kulturbild von Ludwig Foglar. (Fortſetzung.)
hie Verſammlung war überreich beſucht, ja man (hatte auch die Bauern und Hinterwäldler dazu Sec eingeladen, da es ſich um etwas allgemein Nütz⸗ NS liches handeln ſollte. Und Leberecht las wirk⸗ —₰ lich der erſtaunten Verſammlung über nichts Ge⸗ ringeres als zwei Unmöglichkeiten. Erſtens: Ein⸗ führung des„lenkbaren Luftballons“ als Reiſe⸗ und Transportmittel und zweitens: Verwendung„des tragbaren Leuchtgaſes“ zur Unſichtbarmachung des Trägers, reſpektive Blendung des Feindes. Der Vortrag erging ſich keineswegs in techniſchen Beweis⸗ führungen, ſondern ließ die Ausführbarkeit als etwas Unzweifelhaftes bei Seite und beſchränkte ſich blos auf die Darſtellung der beglückenden Vortheile, welche der ganzen Welt eine neue Richtung, einen wunderbaren Aufſchwung geben müßten und welch' ewiger Ruhm daraus für Schleuſingen entſtehen würde, wenn einſt die Weltgeſchichte bezeugte, hier war es, wo der fruchtbare Keim Wurzel faßte, von hier aus ging die Strömung des neuen Segens durch alle Lande, hier, in Schleuſingen, ward die Welt der Intelligenz noch einmal erſchaffen— durch die„Ritter von Tragant“. Schabſel pflegte bei derlei gewagten Verſuchen jedes⸗ mal einen Zweiten oder Dritten vorzuſchieben, dem er Triumph oder Niederlage gleich gerne gönnte, ſich ſelbſt mit den weniger eklatanten, aber deſto mehr rein prakti⸗ ſchen Konſequenzen begnügend. Diesmal hatte er um ſo lieber ſeinen Freund und Miethsmann Flott aus⸗ erkoren, als dieſer eine nach oben beliebte Perſönlichkeit war und andererſeits genug mephiſtopheliſchen Humor in ſich trug, um mit vollem Behagen das„geehrte Publi⸗ kum“ einmal„ſteigen“ zu laſſen, wie man zu ſagen pflegte.
Bei der Beſchreibung des lenkbaren Luftballons und dem daran geknüpften Aufrufe zu einem Verſuche auf Gemeindekoſten berechnete Schabſel bereits im Stillen die Summen, welche für ihn bei Anſchaffung von Leinwand, Stricken, Seidenſtoff ac., ſowie der Ma⸗ terialien zur Gasbereitung abfallen werden. Aller Augen waren auf ſein pfiffig bewegliches Geſicht und auf ſeine Schreibtafel gerichtet. Flott fuhr fort:
„Erſchreckt nur nicht darüber, daß aller ſtaatliche Organismus von heute nicht mehr paſſen wird auf dieſen Staat der Zukunft— alle Grenzunterſchiede hören auf mit der Unmöglichkeit einer Kontrole, da man in der Luft keine Schranken und Pfähle, keine Feſtungen und Stationen errichten kann; es wird hinfort mehr keine Nationen, ſondern nur Eine Menſchheit geben, Eine Erdenfamilie, Einen Weltball des ewigen Friedens geben, die Beſitznahme des Luftreiches iſt die letzte Eroberung der armen Sterblichen. In höheren Sphären wohnen iſt fortan keine bloße Redensart, denn wir theilen dieſe Sphären mit dem Adler und überbieten ſeinen Flu g,
ſind ſo frei wie er. Freilich müſſen wir auch wie er der Nahrung wegen zuweilen zur Erde niederſteigen, aber wir thun dieſes nur dort, wo unſeren Flügeln keine Gefahr droht, und wo man uns dieſe zeigen möchte, dort kann auf die Dauer keine Macht beſtehen ſie würde iſolirt ausſterben, weil kein Luftbeherrſcher ſich dort mehr niederlaſſen wird. Die Ideen der Menſchen finden ihren Weg allenthalben mit Windesſchnelle und es kann nur eine Geſetzgebung des ſchrankenloſen Willens, durch Sitte gemildert und geregelt, möglich gedacht werden; denn der Staat iſt in den Lüften, das Volk iſt unzähl⸗ bar, untheilbar, unhaltbar, das Volk iſt die Menſchheit, iſt ein ungreifbarer Begriff! Dieſer Begriff beherrſcht die Arbeit, das Eigenthum, die Sicherheit, gewährleiſtet Ordnung und Ruhe für alle Zeiten. Und wer an der Scholle kleben will und keines Aufſchwunges fähig iſt nach Oben, der iſt ſicher vor jedem Angriff auf Erden, denn ſeine Tarnkappe aus tragbarem Leuchtgaſe macht ihn unſichtbar und unzugänglich jedem Feinde!“
Hier notirte Schabſel abermals den Gewinn, welchen ihm der Leuchtgas⸗Konto abwerfen müſſe, und weidete ſich an der freudigen Aufregung, der die Ver⸗ ſammlung ſich taumelnd im Rauſche dieſer unerhörten Vorſtellungen hingab. Flott redete weiter:
„Polizei und Steueramt, die nunmehr abgeſondert nicht füglich gedacht werden können, muß Jeder in ſich tragen, und nachdem ſomit Jeder König ſein muß und Unterthan zugleich, ſo iſt das Königthum fortan: die höchſte Moralität! Allerdings wird eine Zeit lang die Tugend mit dem Laſter im Kriege ſtehen, und es mag vielleicht zu Schlachten kommen, welche Luftflotten ein⸗ ander liefern— doch welches große Prinzip kann ſich dem Kampfe entſchlagen? Allein es ſiegt— durch Geiſt und Tugend!“
Die Aufregung hatte jetzt einen Grad erreicht, welcher den Eintritt heftiger Debatten ankündigte. Einige Leichtgläubige wollten ſofort den Redner im Triumphe umhertragen, indeſſen Andere mit Plänen zur Ausfüh⸗ rung angerückt kamen und den Alllieferanten Schabſel mit Fragen und Aufträgen beſtürmten, ſchließlich aber ſich beeilten, den bereit gehaltenen Subſkriptionsbogen zu unterzeichnen, worin ſich die Verſammlung zur Bei⸗ ſtellung der Koſten zu den Experimenten verpflichtete. Einige Zweifler und Spötter wurden alsbald über⸗ ſchrieen, nicht aus Furcht vor ihren kühnen Argumenten, ſondern aus Entrüſtung über den Frevel an der unan⸗ taſtbaren„guten Sache“. Man ſchwamm in einer Fluth von Projekten und erbaulichen Widerſprüchen, Einreden und Ueberbietungen, die Gemüther erhitzten ſich, Leuchter flogen durch den Saal, Stühle krachten, Stöcke ſchwan⸗ gen ſich drohend, Fenſterſcheiben klirrten und die Scene der„Nächſtenliebe“ endigte mit einem ganz entſetzlichen Tumult.*
Durch eine geſchickte Wendung gelang es Schabſel einigermaßen wieder Ruhe und Beſonnenheit herzuſtellen, er beantragte nämlich die Wahl eines Komité zur Lei⸗ tung der Experimente, reſpektive zur Eintreiburig der dazu nöthigen Gelder und es verſtand ſich wiie von ſelbſt, daß der Antragſteller zum Präſes dieſſes Aus⸗


