Heft 
(1861) 2 02
Seite
50
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48 Erinnerungen.

Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

von der Urzeit her ein Hirtenvolk geblieben, obgleich ſie doch längſt ſchon die herumziehende Lebensweiſe mit feſten Anſiedelungen vertauſcht haben. Dem Schul⸗ unterrichte ſind ſie bis jetzt ſehr abhold geweſen. Fürſt Woronzoff hatte in Baktſchi⸗Serai ein tatariſches Schul⸗ lehrer⸗Seminar anlegen laſſen, jedoch mit ſehr gerin⸗ gem Erfolge. Man würde ſie zur Schule zwingen müſſen. Ebenſo wie der Schule, ſind ſie auch jeder Neuerung entgegen.

Die Kleidung der Männer beſteht in einer Jacke mit langen Aermeln und einer kurzen Hoſe, entweder aus Kameelhaartuch oder Seide mit lebhaften Farben, gelbledernen Strümpfen und ſchwarzen oder rothen Lederſchuhen.

Die Mädchen ſind vom zehnten Jahre an mit einem weißen Tuche verſchleiert, welches nur das rechte Auge freiläßt. Sie tragen das Haar in langen Flechten; junge Weiber und Mädchen färben ſie roth, alte zeigen ſie dunkelbraun oder ſchwarz; dasſelbe geſchieht mit den Nägeln.

Vom vierzehnten Jahre ab ſtrebt man das junge Mädchen zu verheiraten oder zu verhandeln. Sie darf das Geſicht von da ab nur Weibern, etwa Tanten und Baſen, ſpäter dem Gatten zeigen. Sie tragen oft rothe Käppchen, mit Treſſen beſetzt, auf dem Kopfe.

Die Frauen tragen ärmelloſe Jacken und weit⸗ faltige Beinkleider mit treſſenbeſetztem Gürtel. Sie zeichnen ſich durch große, ſchwarze Augen und kleine Füße vortheilhaft aus. Letztere ſtecken in gelbledernen Strümpfen.

Amulets werden von Allen am Halſe getra⸗ gen. Tabak wird von Männern, Frauen und Kindern, ſobald dieſe ihn ertragen können, faſt ununterbrochen geraucht.

Ihr Vieh behandeln die Tataren milde; ſie ſchla⸗ gen es nicht, ſtrengen es auch nicht übermäßig an. Ich begegnete langen Zügen von Wagen, die durch Ochſen gezogen wurden. Ihre tatariſchen Begleiter ſchritten mit unverwüſtlicher Ruhe nebenher, ohne die langſamen Thiere auf irgend eine Weiſe anzutreiben; ſchon das abſcheuliche Knarren der Räder auf Achſen, die niemals geſchmiert werden, würde mich haben zur Verzweiflung bringen können. Ihre Kinder füttern ſie mit Waſſermelonen und kaltem Hammelfleiſch auf, ſobald ſie zu kauen im Stande ſind.

Ihre Häuſer legen ſie gern am Abhange von Höhenzügen ſo an, daß die hintere Wand vom Berge ſelbſt gebildet wird und man alſo nur drei Wände zu bauen braucht. Das flache Dach verſtehen ſie für den Regen undurchdringlich zu machen. Auf ihm verſam⸗ melt ſich die Familie und dort werden die Früchte ge⸗ trocknet.

Die meiſten Tataren leben vom Handel mit Vieh und Häuten. Ihre Schafspelze ſind ſelbſt in Deutſch⸗ land unter dem Namen der Baranken allgemein be⸗

Die Tataren leben unter einander ſehr friedlich

und verträglich. Von Streit, Zank, Trunkſucht, Ehe⸗

bruch hört man unter ihnen niemals; auch betrügen ſie nicht. Abgaben bezahlen ſie pünktlich. Gaſtfrei ſind ſie nur gegen Glaubensgenoſſen. Mit Schiff⸗ fahrt befaſſen ſie ſich nicht. Sie beherrſchten ehe⸗ dem Südrußland und die Krim. In letzterer waren ſie bis vor Kurzem der überwiegend vertretene Stamm.

Die tatariſchen Hunde bilden eine nicht zu unter⸗ ſchätzende Macht. Sie ſind ſo groß wie ein ausge⸗ wachſener Neufoundländer, zeigen ein ſchmutzig grau oder röthliches, langes, zottiges Haar, ſpitzige Schnauze, kleine Augen, ſcharfes Gebiß, verbunden mit einem kräftigen Baue. In jedem tatariſchen Dorfe ſind ſie häufig, beſonders nach Untergang der Sonne, denn am Tage jagen ſie in der Steppe nach Kaninchen und Haſen. Der Wohnung ihres Herrn ſind ſie treu, nicht aber ihm ſelbſt(alſo wie in der Türkei). Stets mürrich, können dieſe Hunde dem Reiſenden eben ſo

gefährlich als dem Wolfe werden.

Die zähe Ausdauer der Tataren bei ihrem Hirten⸗ leben, ſo wie ihr angeborner Widerwille gegen jede Veredelung durch geiſtige Kultur, laſſen nicht anneh⸗ men, daß ſie berufen ſein könnten, dereinſt wieder eine hervorragende Rolle unter den Völkern zu ſpielen. Wo dies in früher Zeit geſchah, als ſie zuerſt von den Hoch⸗ ebenen Aſiens herabſtiegen, verdankten ſie die Erfolge ſtets nur der erdrückenden Gewalt ihrer unzählbaren Schwärme, die gleich Heuſchrecken vor ſich her, gleichſam durch das Gewicht der Maſſe, alles Lebende verzehrten, zerſtörten, oder ſich dienſtbar machten. Der einzige Weg zu ihrer Erhebung würde durch die Schule gehen müſſen, zu der ſie durch Gewaltmaßregeln heranzutrei⸗ ben wären. An dergleichen iſt im Orient nicht wohl zu

denken, ſo lange es dort zahlreiche Stämme gibt, die für den Unterricht im hohen Grade dankbar ſein wür⸗

kannt. Dieſe werden von neugebornen oder ungebornen

Schafen entnommen.

Im Handel ſchlägt der Tatar nie vor, ſondern

bleibt, wie der Türke, bei ſeinem Preiſe.

den, wenn man ihnen denſelben ſchaffen wollte. Hinter dieſen werden die Tataren von Rechts wegen zurück⸗ ſtehen müſſen, obgleich ſich ihre Sprache in mehreren Gegenden Kleinaſiens eine hervorragende Geltung er⸗ worben hat.

Außer den Tataren der Krim nimmt die Türkei noch andere Einwanderer in ihre dünnbevölkerten Ge⸗ biete auf. Es ſind Cſcherkeſſen, die nach der Gefangen⸗ nehmung Schamyl' die Hoffnungsloſigkeit eines fer⸗ neren Kampfes erkannt und den Kaukaſus verlaſſen haben, um nicht dem verhaßten Chriſten dienſtbar zu werden. Ihnen wie den Tataren in der Dobrudſcha wird kein anderes Los fallen, als in den Todeskampf des osmaniſchen Reiches verwickelt zu werden.

er