46 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
Galacz, hochbordige Schiffe mit Lattenverſchlägen brin⸗ gen Schweine aus Serbien und der Walachei, Ueber⸗ fahrtsboote ſchießen behend von Peſt nach Ofen und zurück, in den zahlreichen Weinſchenken lärmt es und ſpielen zerlumpte Zigeuner den Rackoczy, auf dem Stein⸗ pflaſter der ſchönen Trottoirs liegen Schlafende.
Weiter hinauf kommen wir an den Bauernmarkt,
(Jagdrechte aus vor den Augen des Publikums. Da⸗
da ſtehen Wagen neben und hinter Wagen. Die Pferde
freſſen, der Knecht ſchläft, und vom Wagen herab ver⸗
kauft der Bauer Brod, Gemüſe, Obſt, Hühner, Enten
und Truthühner. Wie Kanonenkugeln liegen Tauſende von Melonen aufgehäuft, Zwiebeln auf Laken ausge⸗ breitet, und dazwiſchen ſtehen Naſchbuden, Kleinhändler mit Band, Pfeifenköpfen und Spielwaaren, Obſthänd⸗ lerinnen, Garköche, und um dieſe Aktoren herum ſchiebt und treibt ſich eine bunte Volksmenge. Denn hier gibt
es faſt einen ſtehenden Jahrmarkt. Hat der Bauer nicht alles verkauft, ſo ſchlägt er auf oder unter dem Wagen
ſein Nachtlager auf, um den Verkauf am andern Tage fortzuſetzen. Noch tumultuariſcher geht es am Donau⸗ ufer zu, wo die Obſtſchiffe von Waitzen herab landen. Da ſitzt auf dem Dache des Schiffes ein halbes Dorf,
erwartet von tauſend Käufern. Welches Schreien und
Schelten, wenn die Bauern ausladen und die Speku⸗ lanten große Maſſen ankaufen wollen, wogegen das übrige Publikum proteſtirt. Denn als Südländer kann Käufer und Verkäufer ohne Lärmen und Schelten nicht fertig werden. Von dem höheren Ufer herab kann man dieſem Treiben, dieſer Welt im Kleinen, ſtundenlang zuſehen und wird immer neue Scenen bemerken.
Von hier ab beginnen die Landungsplätze der Dampfſchifffahrtsgeſellſchaft und die Quais der Kauf⸗ leute. Ein großer Platz trennt ſie von der Häuſerreihe, und an dem letzten großen Hauſe hören Pflaſter und Civiliſation auf; ſchon der Platz und die unmittelbaren Donauufer ſind ungepflaſtert und unendlich ſtaubig, nach jedem Regen und der Schneeſchmelze von zoll⸗ hohem Koth bedeckt. Iſt man weiter hinauf an einigen Holzniederlagen und der Marine vorüber, ſo beginnen die Region der Flöſſe und die Lager der Holzhändler, die ſich faſt eine halbe Stunde lang am Ufer hinauf⸗ ziehen. An dieſem wechſeln Bretterzäune mit kleinen Häuschen, und in dieſer Gegend entwickelt der Slovake ſein Nomadenleben. Am Uferabhange ſieht man kleine Bretterbuden, gerade groß genug, daß man hineintreten und ſich legen kann. Hier, in Holzſchuppen, wohnen Slovakenfamilien, welche Thürme von Birkenbeſen auf⸗ geſpeichert haben, die ſie hauſiren tragen, oder von niedriger Handarbeit leben. Was Niemand thun will, das verrichtet der Slovak. In ſeiner Hütte bewahrt er Weib, Kinder und Beſitzthum, nämlich ein Lager aus Hobelſpänen, eine Holzkiſte und einige Kochtöpfe. Gekocht wird vor der Bude, gegeſſen mit hölzernen Löffeln aus dem Topf. Diogenes könnte ſich nicht einfacher einrichten als der genügſame Slovake. An Sonntagen waſchen Männer und Frauen, beſſern Kleider aus, ſchmieren
zwiſchen laufen ganz⸗ oder halbnackte Kinder umher, ſingt eine Gruppe unter Leitung eines Vorſängers fromme Lieder, andere ſpielen auf einer dünnbeſaiteten Geige, den Abend aber bringt man in der Branntwein⸗ ſchenke zu, wo man dichtgedrängt ſteht oder auch ſitzt, ſingt, lärmt und trunken zur Schlafſtelle taumelt. Da in der Nähe eine Dampfmaſchine heißes Waſſer in einem Kanal zur Donau leitet, ſo iſt deſſen Mündung zum Waſchplatz auserſehen, und im Kanale ſelbſt ſollen Slovaken den Winter zubringen, da es dort recht hübſch warm iſt. Andere Slovaken haben ſich im Winkel der Pferdeſtälle, Remiſen und Böden eine Schlafſtelle ge⸗ miethet, d. h. ſie zahlen nichts, ſondern leiſten dafür dem Hausmeiſter Dienſte, tragen den Herrſchaften im Hauſe Holz und Waſſer zu und vertreten die Stelle der Kobolde. Allgemein rühmt man dem Slovaken Arbeits⸗ luſt, Ehrlichkeit und Genügſamkeit nach; trotzdem be⸗ handelt ihn der Ungar verächtlich und Slovake iſt ein Schimpfwort. Er iſt der Paria, den Jeder ſchlagen, ſchelten und verachten darf.
13. Bäder und Wallfahrten.
Zu den Volksvergnügungen gehören der Gebrauch der warmen Bäder und Theilnahme an der Wallfahrt nach Maria Einſiedel, einige Stunden von Peſt in einem Walde gelegen. Ofen beſitzt mehrere heiße Bäder, welche ſchon von den Römern, noch mehr aber von den Türken zur Zeit ihrer Herrſchaft benutzt wurden. Zwar befinden ſich im Sommer ſchwimmende Bade⸗ anſtalten auf der Donau, aber dieſe ſind theuer, und für den gemeinen Mann iſt das warme billige Bad am Schluß der Woche ein beliebtes Reinigungsmittel. In jedem großen Bade befindet ſich in einem dämmerigen, dunſterfüllten Gewölbe ein viereckiges Baſſin als allge⸗ meines Bad, welches ohne Unterſchied dem Publikum gegen eine Kleinigkeit zum Gebrauch offen ſteht und wo es ziemlich bunt und ungenirt hergeht. Badegäſte benutzen abgeſonderte Badezimmer.
Die Wallfahrt nach Maria Einſiedel fällt in den Spätſommer und iſt für Tauſende ein heiteres Feſt, welches mit Tanz und oft mit Prügelei gefeiert wird. Die eigentliche Proceſſion bricht früh auf, die Zuſchauer etwas ſpäter; Fiaker reichen für dieſen Tag nicht aus, daher halten Bauern mit Leiterwagen, um ſchlechte Fußgänger fortzuſchaffen. Den ganzen Weg entlang ſtehen Bettler, Betende und Verkrüppelte, von denen einer entſetzlicher verſtümmelt iſt als der andere, und die aus dem Betteln auf Wallfahrten einen Broderwerb machen. Ja das Volk behauptet, ſie würden in der Ju⸗ gend abſichtlich verſtümmelt. Da ſieht man dieſe Unglück⸗ lichen ohne Arme, ohne Hände, ohne Füße, ja ohne Füße und-Arme; mit großem Geſchrei rufen ſie ſchon von weitem das Mitleid an, halten den Kommenden ihre Arm⸗ und Fußſtummel entgegen und wälzen ſich an
das lange Haar tüchtig mit Fett, ſitzen auf den Holz- der Erde, daß man ſich entſetzen könnte über o' ſtämmen in brüderlicher Eintracht und üben gewiſſe! das Elend. er


