44 Erinnerungen.
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
nur 3— 5 Millionen Eimer. Die ganze Donau hinab, auf den Vorhöhen der Karpathen und des Bakonyer, an den Seeufern, an der Theiß und Maroſch, ſelbſt in ſandiger Ebene, wie bei Keczkemet, Debreczin, im Stein⸗ bruch bei Peſt und im Banat gedeiht der Wein, am trefflichſten auf vulkaniſchem Boden, wie ihn Tokay in der Hedjalja(hegyallya) und das Vesprimer Komitat im Schomljo(Somlyo) beſitzt. An Feuer und Kraft übertrifft der Ungarwein den franzöſiſchen, und rothen Ofener kann man ſehr wohl neben Burgunder ſtellen. Aber während der Franzoſe ſeinen Wein ſorgſam be⸗ handelt, vernachläſſigt der Ungar die chemiſche Kultur ganz. Man trinkt daher überall ſchlechten Wein, da das Miſchen arg getrieben wird. Man rühmt es dem Wein⸗ händler Jalics nach, daß er allein in Peſt reinen, echten Wein verkauft. Peſt erzeugt in guten Jahren 50.000 Eimer Steinbruch, Ofen 200.000 Eimer. Die Wein⸗ gärten gehören Kapitaliſten, ſo daß die Winzer, wie überall, ein kärgliches Leben führen. Man zieht die Rebe an Stäben und ſchneidet ſie im Herbſt alljährlich über dem Wurzelknollen ab. Das Jäten und Hacken der Weingärten, in denen zugleich Obſtbäume, beſonders Aprikoſen, Pfirſiche und Kirſchen gezogen werden, macht viel Arbeit. Millionen von Grillen leben in den Wein⸗ gebirgen, die ſich ſtundenweit ausdehnen, ſo daß es an Sommertagen bis in die Nacht hinein ſchwirrt und klingt von den zahlloſen Thierchen. Tief eingeriſſene Schluchten ziehen ſich wie Runzeln die Berge hinab, umblüht von üppigem, duftigem Gebüſch.
Wein iſt der einzige billige Artikel im Lande, denn Bier und Kaffee ſind theurer. Der gemeine Mann trinkt daher nur Wein und ißt dazu ein Stück trockenes Brod, wenn er es nicht mit Salz würzt. In manchen Gaſſen iſt jedes vierte, fünfte Haus eine Weinſchenke, kenntlich am verdorrten Wachholderbuſch oder am Büſchel langer Lockenſpäne, die als Aushängeſchild dienen. Wer für eine anſtändige Perſon gelten will, beſucht keine Wein⸗ ſchenke, ſondern trinkt im Bierhaus oder Hötel ſchlechten theuren Wein. Merkwürdig iſt, daß es in Peſt und Ofen kein anſtändiges Wirthshaus gibt, ſondern nur Bier⸗ häuſer, die Weinſchenken ſind ſchmutzige, finſtere Räume, um den rohen unlackirten Holztiſch ſtehen hochbeinige ſchmale Stühle mit Strohſitz, denn nur Arbeiter und kleine Meiſter kehren hier ein. Man trinkt den Wein aus Biergläſern und verlangt ein Seidel, welches etwa ſoviel enthält, als drei kleine Weingläſer. Es werden aber auch halbe Seidel gegeben. In den Bier⸗ häuſern iſt das Eſſen die Hauptſache, auch in einigen Weinhäuſern erhält man kalte Küche, in den meiſten aber nur ein Stück Brod, dazu Wurſt oder Käſe, Butter ausnahmsweiſe. An Sonn⸗ und Feſttagen kommen Familien, das Abendbrod in Tragtaſchen, und verzehren es zum Wein. Das hat für manchen Gaſt ſein Uebles, denn der gemeine Mann weiß mit Meſſer und Gabel nicht recht umzugehen und verläßt ſich lieber auf die Finger, und da er beim Kauen den ganzen Mund öffnet, ſo entſteht ein ekelhaftes Schmatzen und zugleich öffnet ſich eine unappetitliche Perſpektive auf den Zermalmungs⸗ proceß des offenen Mundes. Auch iſt die Situation
beim Eſſen eben nicht maleriſch. Der Eſſende ſtützt ſich mit beiden Ellbogen auf, nimmt Meſſer und Gabel in die volle Fauſt, die innere Hand dem Geſicht zugekehrt, zerlegt auf dieſe Weiſe, dreht die Hand mit der Gabel etwas, ſo daß deren Spitze ſich etwas hebt, fährt dann mit dem Kopfe nieder und ſchnappt den Biſſen einige Zoll über dem Teller weg. Raucht er, ſo ſpeit er alle vier bis fünf Sekunden rechts und links um ſich herum, daß Einem der Appetit vergeht.
Die Mehrzahl der Arbeiter und Bauern lebt von Wein, Speck und Brod, Geſang oder lautes Geſpräch hört man ſelten, ſelbſt Trunkene findet man wenig. Häufig hört man im Weinhauſe mehrere Sprachen, mitunter zwei oder drei an einem Tiſche. In den Häu⸗ ſern der Kaufleute und vornehmen Perſonen wird wenig Wein getrunken und eine geſellige Unterhaltung beim Glaſe Wein iſt ein unbekanntes Ding, denn nur bei Tiſche wird Wein vorgeſetzt.
11. Die Tyrannen Peſts.
Ungarn rühmt ſich mit Recht, die perſönliche Frei⸗ heit im weiteſten Umfange ſtaatsrechtlich zu beſitzen, weßhalb es ſich auch gegen die engbemeſſene Konſtitution des Geſammtreiches ſträubt. Dieſe Autonomie kommt aber auch jenen Volksklaſſen zu Gute, welche davon einen böſen Gebrauch machen und ſich weder durch Stockſchläge noch Standrecht abhalten laſſen. Noch iſt die Romantik der„armen Burſchen“, wie man euphe⸗ miſtiſch die Betyaren oder Straßenräuber nennt, nicht ausgeſtorben, da die unabſehbaren Pußten meilenweit den metallblinkenden Helm der Gendarmen erblicken laſſen und ein Verſteck in dem Schilfgebüſch, den Fur⸗ chen, Getreideſchobern und den einzelnen im Felde lie⸗ genden Meiereien(Tanyas, ſprich Tanjas) leicht gefun⸗ den iſt. Man hört häufig von Mordthaten; Diebſtähle ſind etwas Alltägliches. In den Vorſtädten Peſts, ſelbſt auf offener Straße in belebten Stadttheilen wird man angefallen, und der Börſe und des Stocks entledigt; vor den Thoren iſt es des Abends ſtets unſicher. Von Taſchendieben ſcheint Peſt zu wimmeln, ſo daß ſelbſt der Stadthauptmann klagte, mit der vorhandenen Mann⸗ ſchaft an Trabanten und Panduren nicht mehr aus⸗ kommen zu können, indem das Volk durch das letzte Regierungsſyſtem demoraliſirt ſei. Dieſe Behauptung wäre kein gutes Zeugniß für Ungarns moraliſche Kraft, indem zwölf Jahre hinreichten, es zu entſittlichen. Der Grund dieſer Demoraliſation liegt vielmehr in der großen Genußſucht und Arbeitsſcheu der untern Klaſſen der Be⸗ völkerung. Ungarn war förmlich berüchtigt wegen der beiſpielloſen Billigkeit ſeiner Lebensmittel; aber die Re⸗ volution und die neuen Regierungsſyſteme haben den Wohlſtand des Landes untergraben, ſo daß Peſt jetzt zu den theuerſten Städten des Kontinents gehört. Nun will man aber das gewohnte Leben fortführen und ſucht das Fehlende durch Betrügerei und Diebſtahl zu erſetzen, denen man überall ausgeſetzt iſt. Auch ſammeln ſich j⸗ der großen Handelsſtadt Gauner und Abenteurer


