42 Erinnerungen.
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
richtig taxirendem Augenmaß, und mit einem Scharfblick, der manchem Ingenieur zu wünſchen wäre, erſpähen ſie, ohne Hilfe von Kompaß oder Situationsplänen, ohne Vermeſſungstafeln und hypſometriſche Angaben, ſtun⸗ denweite, ideale Linien über Abgründe, durch Wälder, an Felſenwänden hin, bald in gerader Flucht, bald in einer Menge von Wendungen, die immer das richtige Fall⸗ Verhältniß einhaltend, endlich im Hauptthale auslaufen. Dabei benutzen ſie jeden kleinen ſich darbietenden Vor⸗ theil; ein einzelner, weit hervorragender Baum, eine überhängende Steinwand, ja ſogar die Dächer von Sennhütten müſſen ihren Konſtruktionen als Stützpunkte dienen. Dieſe Strüsone oder Holzrinnen werden unge⸗ mein präcis aus je ſechs bis ſieben glatten Baum⸗Stäm⸗ men gebaut; ſie ſind drei bis fünf Fuß breit, mulden⸗ förmig, alſo an den beiden Seiten mit aufſtehenden Rändern verſehen und müſſen immer ein Abdachungs⸗ verhältniß von mindeſtens zehn Procent einhalten. So⸗ lange es möglich iſt, laufen ſie auf feſtem Boden, über den Rücken der Berge; wo dann die Richtung dem Bor⸗ ratore nicht mehr konvenirt, verläßt er die ſichere Unter⸗ lage und hängt ſeine Bahn an die nackten Gneis⸗ oder Granitwände, gleich wie die Regenrinne unter der Traufe eines Daches ſchwebt, und wo auch dies nicht mehr thun⸗ lich iſt, da ſpannt er in verwegenem Wurfe ſein Geleiſe, thurmhoch durch die Lüfte, von einer Schluchtſeite zur andern, Seitenſtücke zu den kühnſten Brückenbauten. Ueberall aber reſervirt er ſich dabei möglichſt bequeme Zugänge, die freilich mitunter zu Standpunkten führen, auf denen nur der an ſchwindelnde Tiefen gewöhnte Gebirgsbauer zu arbeiten vermag.
Iſt nun dieſes ingenieuſe, gefährliche und koſt ſpielige Bauwerk hergeſtellt, das in den öſtlichen Alpen, in Tirol und Steiermark„Las“ oder„Laaß“ genannt wird, ſo warten die Borratori und ihre Knechte den Winter ab. So wie der erſte feſte Froſt eintritt, eilen ſie hinauf zu ihren Holzrinnen, begießen ſie fleißig mit Waſſer, daß die Klunſen und Spalten ſich mit Eis aus⸗ füllen, und die ganze innere Fläche des Leitungskanales mit einer glatten Eisrinde überzogen wird. Oft, wenn der Föhn unvermuthet eintritt, ſchmilzt über Nacht die ganze, ſorgſam erzeugte Spiegelfläche wieder hinweg, und die Arbeit muß von Neuem wiederholt werden. Iſt nun Alles in dieſer Weiſe vorbereitet, ſo beginnt endlich der Transport. Abgehärtet, den eiſigen Winden, den wildeſten Wettern trotzend, klimmt er an den ſteilen Schneehalden empor bis zur Lagerſtätte der Blöcke. Der Winter hat ſein weißes Flockenkleid darüber geworfen, und nur undeutliche Umriſſe verrathen die Tiefvergra⸗ benen. Das erſte Geſchäft iſt nun der„portarunt, d. h. das Herbeiſchaffen des Holzes zur Gleite. Dies ge⸗ ſchieht auf verſchiedene Weiſe. Entweder, wenn der Schnee eine glatte, gefrorene Oberfläche hat, genügt es, die Blöcke in Bewegung zu ſetzen, die dann über die winterliche Rutſchbahn hinabgleiten bis zur Stelle, wo ſie auf die„Strüsone“ gebracht werden, oder ein Knecht kuppelt deren einige in Form eines Triangels aneinan⸗ der, ſetzt ſich auf die Spitze, und mit den Füßen ſteuernd fährt er herab, oder es werden, wie in den übrigen
Alpen beim winterlichen Herniederſchlitten des Heues oder Holzes, kleine Schlitten benutzt. Es muß dieſe Arbeit des Herbeiſchaffens an die Bahnlinie meiſt für den Winter aufgeſpart werden, weil die Blöcke als ſchwere, rauhe Körper bei nicht mit Schnee bedecktem Boden viel mühſamer zu transportiren ſind.
Soll dann die eigentliche Thalfahrt beginnen, ſo vertheilen ſich die Borratori in gemeſſenen Entfernun⸗ gen, wie die Wärter einer Eiſenbahn, längs der ganzen Sovenda als Wacht⸗Poſten in ſicheren Hinterhalt, mit langen, ſtarken Speeren bewaffnet; beſonders an ſolchen Orten ſtellen ſie ſich auf, wo in Folge der Rinnen⸗ Wendungen die hinabgleitenden Blöcke leicht in's Stocken gerathen könnten. An ſolchen Stellen haben überdies die„Eisrieſen“(ſo werden die Rinnen in Nieder⸗ Oeſterreich genannt) an der äußern Seite eine Erhö⸗ hung, um das Ausſpringen der Balken bei ihrer raſchen Bewegung zu verhindern. Jetzt werden die Holzſtämme, einer nach dem anderen, eingeworfen und, in hetzender Haſt, die Geſchwindigkeit einer Lokomotive weit über⸗ holend, ſauſt Stück für Stück hernieder, binnen wenig Minuten einen mehrere Stunden langen Weg über Abgründe zurücklegend. Es wird in der Regel ſorgfältig vermieden, krumme Stämme einzuwerfen, weil ſolche leicht Sperrungen verurſachen oder über die Rinne hin⸗ ausſpringen. Entſteht eine ſolche Störung, ſo zeigt der Borratore mit gellendem Pfiff dem nächſten Poſten die Hemmung an, und das Signal geht von Mann zu Mann, bis hinauf zur Einwurfſtelle, wo ſo lange pauſirt wird, bis die Hemmung beſeitiget iſt. Ein neues Signal gibt Ordre zur Fortſetzung. Wenn mehrere, recht trocken⸗ froſtige, klingend kalte Tage mit mondhellen Nächten auf einander folgen, ſo begegnet's, daß ohne Unterbre⸗ chung fortgearbeitet wird, um die Vortheile dieſer vor⸗ trefflich geeigneten Witterung ökonomiſch zu benutzen. Nur unter den freiwillig auferlegten, härteſten Entbeh⸗ rungen, und durch Anſtrengungen, die faſt zur Erſchö⸗ pfung führen, wird es möglich, die Arbeit ununterbrochen fortzuſetzen. Ihre Lebensweiſe während des Dienſtes iſt auffallend einfach und nüchtern; Polenta(Brei von Maismehl) und etwas Käſe bildet die ganze Nahrung. Geiſtige Getränke, um durch dieſelben ſich anzuregen, muß er gänzlich ausſchließen; denn bei dem oft ſtunden⸗ langen Stillſtehen in bedeutender Kälte möchte ihn leicht Schlaf anwandeln, wenn er Branntwein genöſſe, und der Tod des Erfrierens wäre ſein trauriges Los. Aber auch die Gefahr, durch Sturz oder plötzliches Ausgleiten ſein Leben zu verlieren, umgibt ihn ununterbrochen. Trotz der ſtachelbewaffneten Fußeiſen an den Schuhen iſt der Stand des Borratore auf übereiſter Felſenklippe oft ein höchſt unſicherer. Haben ſich Blöcke feſtgeklemmt in der Rinne, dann bedarf es nicht ſelten recht energi⸗ ſcher Kraftanſtrengung, um ſie wieder flott zu machen; der erſte, zweite, dritte Stoß wollen nicht helfen,— die Blöcke ſind in einander verkeilt, daß es größerer Gewalt bedarf, um ſie zu löſen. Der Borratore tritt auf den glatten Rand der Rinne und ſucht mit ſeiner Axt nach⸗ zuhelfen, aber die Klemmung wird nicht gehoben. Da wagt ſich der Unbeſonnene auf einen der Blöcke,


