Holzſchläger
und Flößer. 41
modert, wie im Bannwalde, manch blitzzerſpälter Ur⸗ ſtamm auf dieſem Scheitel, mancher äſteloſer Schaft leuchtet wie ein Ruinen⸗Splitter ſilberfarben aus dem Dunkel hervor, indeſſen die Nachkommenſchaft friſch und ſtark, eine neue Generation, die Alten überholt.— Jetzt, wo in den Vorbergen Alles ſchon unter dem Beil der Holzknechte gefallen iſt, wird dieſes bisher wenig geach⸗ tete Reſerve⸗Kapital auch angegriffen. Die Wälderſpeku⸗ lanten bieten, und mit dem Handſchlag, mit der Namens⸗ Unterſchrift des Podestat, mit der Aufzählung der blanken baaren Kaufſumme ſind alle die verwegenen Trutzbäume zu Todeskandidaten geſtempelt, und über's Jahr grinſt eine kahle Felſenglatze in die Einſamkeit hernieder.
Solch' einen verſteckten Wälderkomplex haben die Bauern von Cremaglia ſoeben verkauft und freuen ſich des Geſchäftes. Denn ſie ſelbſt als Korporation hätten all ihr Lebtag das Holz aus den verborgenen Winkeln nicht hervorgeholt; dazu gehört ein feſter ſpekulativer Wille, dazu ſind koſtſpielige Vorkehrungen, Ausbeutungs⸗ bauten und disponible Kapitalien nöthig;— und an alle dem fehlt's dem Sign. Gianella nicht.— Heute kreiſt noch der Boccale in lärmender Geſellſchaft, heute freut ſich noch Jeder des Lebens. Morgen beginnt die Gefahr drohende Arbeit; wer weiß, ob er den letzten Stamm fallen ſieht,— ob er nicht früher ſelbſt mit zerſchellten Gebeinen am Fuße der Felſenwand ruht.
Der Ticineſe(Bewohner des Kanton Teſſin) iſt ganz ein anderer Menſch, als der deutſchredende Aelpler. In ihm vereint ſich die kalte Entſchloſſenheit, das an harte Strapazen und Entbehrungen gewöhnte Leben des Gebirgsbewohners mit der drängenden Unruhe, dem heißblutigen, raſchhandelnden Element des Ita⸗ lieners. Er iſt ein vortrefflicher Arbeiter, umſichtig, ſcharf⸗ blickend, erfinderiſch und nicht verlegen, wo es gilt, ge⸗ ſchickte Handgriffe, kleine Hilfsmittel raſch zu erſinnen, die ihm ſein Vorhaben praktiſch erleichtern; dabei aus⸗ dauernd, fleißig und ſparſam. Darum beſchäftiget man ihn diesſeit der Berge gern bei Straßenbauten. Einige Zoll Ingenieur⸗Fähigkeit bringt jede ols Natur⸗Geſchenk mit auf die Welt,— und dieſe wendet er mit wunder⸗ barer Gewandtheit ganz beſonders bei der Ausbeutung der Wälder an.
Während alljährlich Tauſende den Sommer über in der Fremde als Gypſer, Glaſer, Steinbrecher und Erdarbeiter ihr Brod ſuchen, und von dem zurückgeleg⸗ ten Gelde den Winter hindurch mit Frau und Kindern ſpärlich in dem verſteckten Alpendorfe leben,— beſchäf⸗ tigen abermals Tauſende ſich daheim als„Tagliatori di selva' und„Borratori“. Erſtere ſind die eigentlichen Holzfäller, die Männer mit Säge und Axt, die dem Baum den Todesſtreich verſetzen; letztere(oft Bergamas⸗ ken) ſind diejenigen, welche durch erfinderiſche Vorkeh⸗ rungen die Stämme aus dem Labyrinth der Bergwild⸗ niß hinab zum Fluß befördern, der dann auf ſeinem Rücken die Blöcke ſpielend weiter trägt.
Haben wir die Klettertalente der Geißbuben be⸗ wundert, ſo finden wir hier würdige Genoſſen, Natur⸗
hres Gleichen ſuchen. Wie Spechte laufen
ungen. LXXXII. 1861.
ſie mit ihren Klettereiſen⸗Krallen an den Stämmen empor, hängen ſchwindelfrei über tiefen Abgründen und hauen mit wuchtiger Fauſt die Aeſte ab, ſo daß der ſchlanke Schaft wie eine Kerze, nur noch mit der Krone geſchmückt, daſteht. Jetzt bekommt das Mordbeil Arbeit. Dort, wo das Moos am Ueppigſten den Stamm umſpinnt, da iſt der ſaftigſte Zellenbau im Holzgewebe, da dringt der Aexte Schnitt am Ausgiebigſten hinein. Wie dem Verbrecher, ehe der Henker ſeinen Schwertſtreich führt, das Haar aus dem Nacken geſchoren wird, ſo ent⸗ blößt auch hier des Holzers Hand den Stamm von den Epheu⸗Feſſeln oder dicken Moospolſtern, die an dem ſtarken Baum ihr kleines, ärmliches Schmarotzerleben friſteten. Jetzt blitzt es hell im Sonnenſchein! Hieb um Hieb durchhallt den weiten, ſtillen Wald, und immer tiefer dringt die Mordaxt ein. Ziſchend fliegen die Spähne durch die Luft, immer größer wird die Wunde, immer näher kommt ſie dem innerſten geſunden Kern des Stammes. Nun reicht das Beil nicht mehr. Nach kurzer Raſt greifen die Holzknechte zur Säge. Es iſt ein ge⸗ fährlicher Stand, den ſie einnehmen, denn vor ihren Blicken geht's jäh hinab. Am Wurzelgeflecht des Baumes, den ſie tödten, wühlt ſich ihr Abſatz in die Erde. Nun Riß um Riß und Schnitt um Schnitt geht’'s immer tiefer von der anderen, geſunden Seite her, der Hieb⸗ wunde entgegen, bis auch hier die ſchwache Menſchen⸗ kraft erlahmt und das Mordinſtrument den Dienſt ver⸗ ſagt. Da kommt das letzte Martermittel für den ſchö⸗ nen, reſignirt ſeinem Ende entgegenſehenden Baum: der breite Keil muß die klaffende Spalte erweitern, und leichter arbeitet nun der freſſende Zahn der Säge fort. Jetzt ſtöhnt's wie Todesſchauern aus dem Baum; der Wöipfel zittert, leiſe ſchwankend wogt er hin und her; noch wehrt er ſich, noch will die urgeſunde, feſte, ſtramme Kraft, die in ihm wohnt, ihn halten,— da reißt der letzte Lebensfaden, ein knatterndes Zerberſten, und ge⸗ brochen ſinkt die Säule des Waldes im ſauſenden Sturze jach hinab, bis irgend ein anderer Stamm, ein hervor⸗ ragender Felſenzahn ſeine wilde Flucht aufhält. Schon mancher Holzer wurde von den Aeſten des gegen den Berg ſtürzenden Baumes, wenn ſie nicht genügend ab⸗ geſchlagen waren, von ſeinem Poſten hinweggefegt und in die Tiefe geſchleudert.
So geht das Schlachten fort. So oft eine Partie am Boden liegt, beginnt das Zertheilen des Stammes in Blöcke oder„borre“ von gewiſſer Länge und das Abſchälen der Rinde oder„strapina“. Bis hierher hat das Fällen des Baumes, die Gefährlichkeit des Stand⸗ ortes abgerechnet, wenig Eigenthümliches; ſo ähnlich kommt's auch in anderen Wäldern vor. Nun aber kommt die Arbeit der Borratori. Die ſchweren, feſten Walzen würden nur mit außergewöhnlichem Kraft⸗Aufwande ſtundenweit bis an den Fluß geſchafft werden können, wenn nicht der Scharfſinn ein anderes, viel leichteres Transportmittel erfunden hätte. Dies ſind die„Soven- den“ oder„Seguenden“ d. h. Holzleitungen, die in Kühnheit ihrer Bauart den antiken Waſſerleitungen nicht nur oft gleichkommen, ſondern dieſelben noch übertreffen. Mit vortrefflich ausgebildetem Orientirungs⸗Sinn, mit
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