Heft 
(1861) 2 02
Seite
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38 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Hausleute vorbereiten, daß ſie ohne Arg den neuen An⸗ kömmling aufnehmen. Morgen Abends wird er kommen, Sie abzuholen.

Das Alles ſchien dem Marquis und ſelbſt dem Onkel ganz natürlich. Man dankte dem angeblichen Boten, drückte ihm einen Louisd'or in die Hand und ſchickte ihn wieder fort. Kudolf eilte mit ſchwunghaf⸗ ten Schritten nach Dives. Er hielt die Beute gefaßt. Obwohl es Ein Uhr Morgens war, ſo zögerte er doch nicht an Barré's Pforte zu klopfen. Es wurde ihm, als Einem, der wohl erwartet war, ohne Verzug auf⸗ gemacht. Fetzt erſt erhielt Barré die vollſtändige Ge⸗ wißheit von der Gegenwart des Emigranten und nun glaubte er, das Schickſal der gräflichen Familie voll⸗ ſtändig in ſeiner Hand zu haben. Um den Marquis nicht entſchlüpfen zu laſſen, beſchloß er, auf eigene Ver⸗ antwortung bereits den nächſten Tag mit bewaffneter Macht auf das Schloß zu ziehen.

Die Morgenröthe ſtreute kaum die erſten Roſen über die Gegend, als Louiſe wieder zu ihrem Vater eilte. Ademar, kaum angekleidet, empfing ſie mit ruhigem Geſichte.

Du haft ſchlecht geſchlafen, liebes Kind, ſagte er, ſie küſſend.Ich ſehe es Dir an den Augen an, die nicht ſo lebhaft ſind wie gewöhnlich. Verbanne die böſen Träume. Roland iſt bis morgen außer Ge⸗ fahr und noch dieſen Abend bringen wir ihn in Sicherheit.

Sie verſuchte zu lächeln und Beide betrogen ſich wechſelſeitig durch den Schein einer außergewöhnlichen Heiterkeit. Sie frühſtückten mit Roland, welcher herzlich über die traurige Figur lachte, die morgen Barré mit ſeinen Gendarmen ſpielen würde.

Da auf einmal öffnete ſich die Thür und ein junges Weib in bunter Tracht, wo Seide und Sammt den Abgang eines Hemdes erſetzten, ſtürzte in den Saal. Ohne Jemanden zu grüßen oder auch nur an⸗ zuſehen eilte ſie geradeaus auf Roland zu. Es war die Zigeunerin.

Retten Sie ſich! rief ſie;die Gendarmen

ſind da!

3 Bei dieſem Worte ſetzte der Marquis ſein Glas auf den Tiſch und erhob ſich.Das iſt unmöglich! rief er. Aber ſchon knöpfte er ſich den Rock zuſammen und ſuchte nach ſeinen Waffen. Ademar folgte ſeinem Beiſpiele.

Fliehen Sie, Roland, rief Louiſe,auf dem ſteilen Felſenpfade, der in's Thal hinabgeht, und Sie, mein Vater, laſſen Sie um Gotteswillen die Pi⸗ ſtolen liegen.

Man wird mich nicht lebend in die Gewalt be⸗ kommen. Sind ſie noch weit?

Hundert Schritte von da, ſagte die Zigeunerin; Rudol f führt ſie.

Welcher Rudolf? fragte der Graf.

Mein Liebhaber, ein Verräther, der den Herrn Marquis verabſcheut und ihn umbringen will. Er hat Sie bei Barré denuncirt. Ich habe es erſt dieſen Morgen erfahren, als er ſeine Freude über ſeine ge⸗

lungene Rache nicht verbergen konnte. Ich bin in einem Athem hieher gelaufen. Retten Sie ſich!

Während ſie noch ſprach, ergriff ſie Roland beim Arme und zog ihn mit außergewöhnlicher Kraft fort. Er folgte ihr mechaniſch, da er wohl fühlte, daß ſeine Gegenwart den Onkel wie die Couſine nur ver⸗ derben könne. Sie ſchritten durch eine kleine, lange nicht mehr benützte Ausfallspforte in's Freie und gelangten auf den von Louiſe bezeichneten Felſenpfad, der ſich jäh zur Thalſohle hinabzog. Sie waren noch nicht weit vorgeſchritten, als ſie vom Schloſſe her zwei Schüſſe vernahmen. Roland wandte den Kopf um und wollte raſch wieder in's Schloß zurückſtürzen, aber ſeine Be⸗ gleiterin hielt ihn mit Gewalt zurück und nöthigte ihn wieder den Pfad zu verfolgen.

Kaum hatten ſie wieder einige Schritte vorwärts gethan, als ein wildes Geſchrei, in dem ſich Wuth und Freude vernehmen ließ, hinter ihrem Rücken ertönte.

Da ſind ſie! ſchrie Rudolf und ſtürzte den beiden Flüchtigen nach.

Roland ſah ein, wie groß die Gefahr ſei. Er konnte von hinten ohne Gegenwehr niedergeſtoßen wer⸗ den. Er beſchleunigte ſeine Schritte, indem er zwiſchen den Felsſtücken ſich hindurch wand, bald kühn über die klaffenden Spalten des Berges ſetzte, bald an herab⸗ hängenden Aeſten des Strauchwerkes in die Tiefe ſich gleiten ließ. Endlich gelangte er auf eine freie Platt⸗ form, wo er Halt machte, um ſich dem nacheilenden Verfolger zu ſtellen. Die Zigeunerin merkte die Abſicht des Marquis und blieb ſtehen, um den Ausgang des Kampfes zu erwarten und betrachtete ſich ſchon im voraus als die Beute des Siegers, wer auch von den Beiden die Oberhand gewinnen ſollte.

Als Rudolf ſich erwartet ſah, mäßigte er ſeine Haſt. Es war ein Mann von dreißig Jahren, ſonnver⸗ brannt, muskulös und von einer unglaublichen Ge⸗ ſchmeidigkeit des Körpers. Die Wuth des Landſtreichers war Rolands einzige Hoffnung, den Vortheil über den Gegner zu erlangen.

Beide waren bewaffnet: Rudolf mit einem Säbel, Roland mit einem Dolche und einer Piſtole. Der Säbelfreſſer fing, wie die Helden des Homer, den Kampf damit an, daß er den Gegner mit Worten in⸗ ſultirte.

Hund von einem Ariſtokraten, rief er,Deine letzte Stunde hat geſchlagen. Zugleich führte er mit dem Säbel einen ſo gewaltigen Hieb gegen den Gegner, daß er denſelben wohl tödtlich getroffen hätte, wenn Roland nicht rechtzeitig ausgewichen wäre und den Schlag mittelſt des Piſtolengriffes geſchwächt hätte. Nichtsdeſtoweniger drang die Spitze des Säbels ihm in die Bruſt; aber gleich darauf knallte auch die Piſtole und Rudolf ſtürzte getroffen auf den Boden. Ein Stoß mit dem Fufs genügte, den röchelnden Vagabun⸗ den über die Plattform hinab in die tief unten brau⸗ ſende Sorrillé zu ſenden. Der Marquis folgte mit den Augen dem ferſchrecklichen Falle und ſchien bereit, ſich dem ſinkenden Körper nachzuſtürzen. Glücklicherweiſe er⸗ faßte die Zigeunerin noch zu guter Zeit den Verwundeten.