Heft 
(1861) 2 02
Seite
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36 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

hatte, und er beſchloß nun, die Spuren ſeines Feindes ſo lange zu verfolgen, bis er ihn erreicht und an ihm Rache genommen hätte. So war er bis in die Stadt Dives gekommen, wo er ſich mit Barré ins Einver⸗ nehmen ſetzte. Sofort wurde allen Spionen der ver⸗ ſchärfte Auftrag ertheilt, alle Vorgänge im Schloſſe aus⸗ zukundſchaften und Gewißheit einzuziehen, ob der im Gewande eines Trainſoldaten angekommene Marquis ſich auf dem Schloſſe befände.

Es war zehn Uhr Abends. Die Dienſtleute des Schloſſes hatten ſich der ländlichen Gewohnheit gemãß ſchon ſchlafen gelegt. Die Sommernacht entfaltete allen ihren Zauber. Der Himmel, wolkenlos rein und mit ſchimmernden Sternen beſäet, erhellte matt das ruhende Land. Roland, den ſein langer Aufenthalt zu Dives bereits einen großen Theil der Aengſtlichkeit genommen hatte, ſpazierte ohne Vorſicht in dem Garten mit Fräulein von Dives. Sie ſetzten ſich beide auf eine Raſenbank, die grottenartig von blühenden Schlingpflanzen über⸗ dacht war, und Roland erklärte ihr hier zum hundert⸗ ſtenmale, daß er ſie liebe.

Theure Louiſe, ſagte er,der Vorſehung ſelbſt ſcheint es am Herzen zu liegen, uns von der Welt zu trennen, damit wir uns um ſo enger eins an das andere ſchließen. Laſſen Sie mir wenigſtens einige Hoffnung und ſtoßen Sie nicht einen Freund, der Sie leidenſchaft⸗ lich liebt, von ſich zurück.

Ich ſtoße Sie nicht zurück, lieber Roland, ſagte ſie mit freundlicher aber feſter Stimme,aber ich kann Sie nicht lieben. Drängen Sie mich nicht weiter, wenn Ihnen meine Freundſchaft werth iſt... Mein Herz gehört einem Andern, fügte ſie mit einiger An⸗ ſtrengung bei.

Wem? fragte Roland, ganz verblüfft von dieſer ganz unerwarteten Mittheilung.

Ihrem Freunde Reynier.

Zugleich erzählte ſie ihm mit wenigen Worten die kurze Geſchichte ihrer Liebe, und verhehlte auch nicht den Widerſtand, den ſie dabei von Seite des Vaters fand.Sie ſehen, ſchloß ſie,daß ich Sie nicht weiter hören darf. Sie ſind es mir und Ihrem Freunde ſchuldig, mir kein Wort mehr von Liebe zu ſagen.

Roland verſtummte einige Augenblicke, ein wenig durch das Geſtändniß gedemüthigt. Da er indeſſen von Natur aus großherzig und leichten Gemüthes war, tröſtete er ſich ſofort, daß er die Liebe ſeiner Couſine nicht hatte erringen können, und er beſchloß ſogar, ein Mehreres zu thun und ihrem Glücke förderlich zu ſein.

Rechnen Sie auf mich, liebe Louiſe, ſagte er endlich.Ich werde nicht undankbar gegen Reynier ſein und Ihnen nicht mehr mit meinen Liebesbetheuerun⸗ gen zur Laſt fallen. Ich will ſelbſt mit Ihrem Vater ſprechen und Sie mit Ihrem Geliebten zu vereinen ſuchen.

In demſelben Augenblicke trat Ademar zu ihnen.

Lieber Onkel, wandte ſich Roland an ihn, ich habe die Ehre, Sie um die Hand meiner Couſine für...

Dich zu bitten? Zugeſtanden, wenn ihr einig ſeid.

Nicht für mich, Onkel, ſondern für einen meiner Freunde, den Sie ſo gut kennen, wie mich ſelbſt; für Heinrich Reynier.

In was miſcheſt Du Dich? fuhr der Graf zornig auf.Heirate Louiſe oder heirate ſie nicht, das iſt Deine Sache, aber laß Dir nicht beikommen, ſie ohne meine Zuſtimmung zu vermälen. Weißt Du, wer dieſer Reynier iſt? Ein kleiner Landarzt, welcher jetzt einige Flintenſchüſſe an der Grenze abfeuern und dann mit Ruhm bedeckt zurückkehren wird, um mir die Tochter zu nehmen. Iſt das nicht eine ſchöne Partie? Wenig Geld, dunkler Name, lächerliches Gewerbe, überſpannte Ein⸗ bildung, verrücktes Gehirn, pomphafte Reden, die, wenn man die Worte ‚Vaterland' und ‚Freiheit' ausſtreicht, nicht zwei Ideen enthalten: das iſt das Facit dieſes großen Staatsbürgers.

Er kann General werden, ſagte Louiſe.

Und wenn er Marſchall würde, was liegt daran, bei ſeiner niedrigen Herkunft paßt er nun und nimmer in unſer Geſchlecht.

Louiſe ſah ein, daß ſie ihrem Vater nicht weiter widerſprechen durfte und ſchwieg; Roland aber er⸗ griff nun ſeinerſeits das Wort zur Vertheidigung ſeines Freundes und verfocht die Sache desſelben mit ſo viel Wärme, daß der Graf ſchon halb beſiegt ausrief:Laſſen wir das jetzt. Früher ſoll er zurückkommen, daß man ihn ſehen kann. Dann werde ich wiſſen, was ich zu thun habe.

In dieſem Augenblicke wurde ein dunkler Schatten am Ende des Gartens ſichtbar und Schritte ließen ſich⸗ vernehmen. Ademar ſchritt allein dem Ankommenden entgegen.

Liebe Louiſe, ſagte Roland mitleiſer Stimme, Sie ſehen, bis zu welchem Grade ich Sie liebe.

Sie drückte ihm ſanft die Hand und er kehrte nach dem Thurme zurück, in deſſen Nähe er ſich hinter die Gebüſche verbarg, um nicht bemerkt zu werden.

Mein Kind, ſagte Ademar zu ſeiner Tochter, als er mit dem ſpäten Gaſte ſich näherte,hier iſt Karl Reynier, Staatsanwalt zu Dives, der uns die Chre ſeines Beſuches gibt.

Sprechen Sie nicht ſo laut, ſagte der Staats⸗ anwalt.Man kann mir gefolgt ſein und uns hören.

Er täuſchte ſich nicht. Oben auf der Gartenmauer erſchien ein Schatten und vorgebeugt horchte er den Redenden zu, ohne geſehen zu werden. Fräulein von Dives erhob ſich, um in's Schloß zurückzukehren.

Was gibt es wieder? fragte nun der Graf mit rauhem und gereiztem Tone.

Mein Herr, ich bin nicht Ihr Feind, das wiſſen Sie, ſagte der Staatsanwalt.Ich komme, Sie auf eine große Gefahr, die Sie bedroht, aufmerkſam zu machen. Sie ſind verdächtig.

Wer iſt jetzt in Frankreich nicht verdächtig!

Man weiß, daß Ihr Neffe da iſt.

Wer hat Ihnen das geſagt.

Barré, Ihr Feind, der Sie überwachen läßt.

Er hat Ihnen davon Mittheilung gemacht?

Er mußte wohl. Mir kommt es zu, den Marquis,