Heft 
(1861) 1 01
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Verſchämte Liebe und

ein Leberknödel. 27

gen machte; der Gründer und Vorſtand aber, Herr Schabſel, eine gewandte, ſchlaue, bewegliche, unter⸗ nehmende, vermittelnde, echt diplomatiſche Perſon, erſah darin ein Mittel, um die Bedürfniſſe der lieben Ge⸗ meinde zu vermehren, und da die Befriedigung derſelben natürlich nur durch ihn, den Allerweltfaktor geſchehen konnte, ſo kam das ſeinemGeſchäfte zu Statten. Er vermittelte auf ſeinen Einkaufsreiſen ferner vollkommen zwiſchen Stadt und Dorf, er war in einer Perſon üle graph, Zeitung, Poſt, Miſſionär, Kaufmann, Biblioth

karius, Modiſte, er half Allen, rieth Allen, beſorgte Alles,

inſtruirte Alles, wußte Alles, kurz er potenzirte ſich in

der öffentlichen Meinung von der bloßen Erſcheinung

zur Nützlichkeit, von der Nothwendigkeit zur Unentbehr⸗ lichkeit empor, zum Vademekum Aller für Alles. Schabſel hatte es zum Heile ſeines Kramladens dahin gebracht, daß es zum guten Ton in Schleuſingen gehörte, den induſtriellen Errungenſchaften und Beſtre⸗ bungen ein lebhaftes Intereſſe zu widmen, und da in dieſen ſtillen Bergen weder von Dampfſchiffahrt noch Eiſenbahnen die Rede ſein konnte, ſo begnügte man ſich mit dem Vergnügen an phyſikaliſchen, chemiſchen und anderen Experimenten, zu denen die Ingredienzen ſchon namhafte Summe verſchlungen hatten, ohne andere Reſultate zu liefern als Schabſels Profit. Daher kam die energiſche Propaganda für Flotts heutigen Vortrag. (Fortſetzung folgt.)

Verſchämte Liebe und ein Leberknödel.

ie hieß Theodelinde Knipperling und er hieß Anaſtaſius Rebenwurz.

Wenn man Theodelinde Knipperling heißt, muß man Liebe kennen, und wer den Na⸗ men Anaſtaſius Rebenwurz führt, muß zarter Regungen fähig ſein.

Sie liebten ſich! Er liebte ſie, denn ſie war reich, denn er trug Uniform.

Aber ſie ſagten ſich's nicht!

Liebe! Süße, gute, ſchöne Liebe!

Zuckerkandel des Lebens, Aepfelſtrudel des Herzens, Paprikahuhn des Gemüthes, Kaviar der Seele!

Ich nehme an, daß wir Alle Freunde von Zucker⸗ kandel, Aepfelſtrudel, Paprikahuhn und Kaviar ſind.

. Und noch dazu verſchämte Liebe!

Sie ſah ihn an mit ihren jungfräulichen Pepita⸗

augen und dachte: Die Uniform ſteht ihm gut, es geht nichts über Uniform! Er ſah ſie an mit ſeinen ſchüchternen Feldwebel⸗ augen und dachte: Sie bekommt dereinſt das Wirthshaus, ich wäre ein gemachter Mann! Aber ſie ſagten ſich's nicht! Tage kamen, Tage gingen, ſie ſahen ſich an, ver⸗

F

ſie liebte ihn,

gut, daß mich der Schulmeiſter nie anders als ‚Eſel'

drehten die Augen, ſeufzten, ſtöhnten, aber ſie ſagten ſich's nicht!

Jugend von heutzutage, du biſt nicht ſo wie Theo⸗ delinde Knipperling und Anaſtaſius Reben⸗ wurz! Ou biſt nicht ſo eine brave, bedächtige, ſchüch⸗ terne und ſittſame Jugend mehr, nein, du biſt eine unartige, verderbte, naſenweiſe Jugend, namentlich biſt du eine rechte verliebte Katze geworden!

Das ſo nebenbei!

Warum ſa aches ſie ſich's nicht?

Er dachte:Das Eſſen iſt gut und billig, denn ſie nimmt nie Zahlung. Wer weiß aber, was der Vater thäte, wenn er hinter ein Verhältniß käme?

Zarte Sehnſucht, ſüßes Hoffen, Der Hausknecht dräut, die Thür' ſteht

Sie dachte:Er iſt nichts und hat nichts. Feldwebel

ſein iſt hübſch, Frau Feldweblin heißen, nicht ſehr.

offen!

Raum iſt in der kleinſten Hütte, Doch für Krinolinen gibt es Tritte! Jugend von heutzutage, nimm dir ein Beiſpiel! Und ein Sonntag war eingegangen in's Land mit ſeiner ganzen Herrlichkeit. Leberknödel gab's heut und Anaſtaſius Reben⸗ wurz war noch immer nicht gekommen. Er weiß doch, daß es Sonntags immer Leberknödel gibt! Knödel! Lieber, guter, treuherziger Knödel, nimm meinen Gruß! Edler Mehlpatriarch, wie erhaben biſt du in deiner Einfachheit, wie kernig und kräftig in deinem Weſen! Reliquie echten Deutſchthums, ewiges Einigkeits⸗ band, das weder Franzoſe noch Däne je zerreißen wird, ich beuge mich vor dir! Wer ſeufzt nach Elſaß, wer weiſt auf Schleswig? Was iſt des deutſchen Vaterland? Dort, wo der Knödel iſt bekannt!

Warum kam Anaſtaſius Rebenwurz nicht? Das hatte ſeine triftige Urſache, oder beſſer, die triftige Urſache hatte ihn, nämlich: Arreſt. Feldwebel! hatte geſtern Herr Lieutenant Bla ſedau geſagt:Einer von uns Beiden iſt ein Schafs⸗ kopf auf Hüfte! Ich nicht, Herr Lieutenant! hatte der Feldwebel in aller Submiſſion replicirt;ich erinnere mich ſehr

genannt hat!

Zum Dank für ſeine naturhiſtoriſchen Berichtigun⸗ gen ſaß er heute beim Profoßen, wo es gibt Heulen und Zähneklappern, aber keine Leberknödel, gefertigt von der kunſtgeübten Hand Theodelindens, desrothen Ochſen ſüßen Töchterleins.

Die dritte Nachmittagsſtunde tönte es von der Schloßthurmglocke, die heute wieder den Schnupfen hatte und Anaſtaſius war noch immer nicht gekommen.

Das Wirthslokale war bereits vollkommen leer und Hero⸗Knipperl ing wartete noch immer auf

ihren Lean der⸗Rebenwurz. 1 Und er kam! 1