Heft 
(1861) 1 01
Seite
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26 Erinnerungen IJlluſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

gen, ſie lieben? Und wenn mein Nächſter ein Strolch iſt, der eine rechts und jener links eine leere Büchſe und der vorne ein Fuchs und jener hinten ein Spürköter und ich weiß es oder weiß es auch nicht ſoll ich die auch lieben müſſen? blos darum, weil ſie eben meine Nächſten ſind?u

Der Herr Forſtmeiſter ſind niemals um einen Widerſpruch verlegen, verſetzte der Amtmann mit bitter⸗ ſüßer Miene, indeß dem Wirthe vor Nachdenklichkeit die Pfeife ausging, denn eine ſo kühne Skepſis brachte ihn außer Faſſung, um ſo mehr, als ihm jegliches Motip zur Widerlegung fehlte. Der Förſter aber fuhr fort:

Ich habe gern gute Nachbarſchaft mit aller Welt, aber ich rede mir nicht ein, das ſei ſchon Nächſtenliebe; auch gibt es ‚Nächſte' auf der Erde, welche zuliebent eine Schande wäre! Wenn aber der heutige Serman dem Köhler Thomas gegolten hat, wie Ihr ſagt, dem es Jedermann verübelt, daß er der Fürſtin mit ſeinem liebſten Eigenthum nicht zu Willen iſt, ſo muß ich Euch nur ſagen, daß der gute Alte in ſeinem Recht iſt, voll⸗ kommen in ſeinem Recht, weil er ſein liebes theures Anweſen nicht einem Neuling und Neuerer, wie der Architekt Leberecht Flott iſt, zu Liebe preis und aus der Hand geben will, um ſich, wenn auch mit Vortheil, auf einer neuen Erdſcholle anzubauen und Bäume zu ſetzen, deren Schatten dieſer Greis kaum mehr zu erle⸗ ben hoffen darf. Uebrigens beweiſet mir Einer Cure

ſogenannte Nächſtenliebe und ich will daran glau⸗ ben. Lebt wohl! Damit ging der Förſter, um den ſich noch ein an⸗

ſehnlicher Hörerkreis geſammelt hatte, und ihm folgten Ausrufe des Erſtaunens und der Entrüſtung von allen jenen, die es nicht gewagt hatten, ihm perſönlichen Wi⸗ derſpruch entgegenzuſetzen. Andere ermannten ſich und nahmen Partei gegen den Apchitekten, deſſen ſchnelles Emporkommen in der Gunſt der Fürſtin ohnedies den Meiſten ein Gräuel war, ohne daß es Einer unternom⸗ men hätte, dieſen Gefühlen ohne ausdrückliche Gelegen⸗ heit Worte zu gehen.

Es war über dieſer unſcheinbaren Veranlaſſung zu ſo lebhaften Debatten gekommen, daß der Wirth den Vorſchlag machte, die Konferenz lieber in den Klubbſaal zu verlegen, wohin er mit gravität'ſcher Miene voran ging; tumultuariſch folgte ihm die Menge. Der Amt⸗ mann ſtrahlte vor Vergnügen, denn er hatte ſoeben eine fulmingnte Rede über den fraglichen Gegenſtand ent⸗ worfen, während der Schulmeiſter und ſein Freuhd, der Arzt, über ſehr gewagtent apoſtttons⸗Verſuchen brüteten, 3 nn es dünkte ihnen dies ein itnemmeuer Anlaß zu

beweiſen, daß ſie ihren Nächſten, den Amtmann, keines⸗ wegs lieben. Die Forſt⸗ und Güterbeamten ſtanden auf er Seite derNächſtenliebe im Sinne des Herrn Verſt Irs, während der Küſter, Schloßinſpektor und Gärt⸗ lichen Mächſtenliebe! a meme bertraten wie oft im Gryaren dies nur Parteiungen pro und läufen zur Löſung lott, die kendenzioſe Deyile diente die nach nützlicher dyAlughängſchild.

enge gezogenen Grenzen aufe ſich bisher eigentlich

kommen genügenden, doch auch eit aus den geſelligen folg. Frauen in ſolchen Situatio

Kreiſen bemerkbar gemacht, indem er faſt ausſchließlich ſeinem Berufe und ſeiner Fürſtin lebte, welche mit dem Gedanken umging, ihn zu ihrem Haushofmeiſter zu ernennen. Er theilte vollkommen ihre Abſichten in Be⸗ treff der neuen Gemeinde und unterſtützte die rüſtig ſtre⸗ bende Frau in ihren Humaniſirungsverſuchen; allein durch ſein Fernbleiben von den engeren Beziehungen der Menſchen gab er ſich den Schein der Ausſchließlich⸗ keit und brachte ſich dadurch um manchen Einblick in Menſchen und Dinge. Kein Wunder alſo, daß es heute ſcharf über ihn herging, während man angeblich nur das Thema derNächſtenliebe abhandelte. Die Partei der abſoluten Nächſtenliebe entwickelte die meiſte Heftig⸗ keit und Unduldſamkeit, es fielen mitunter herbe Worte, und allgemach war man vom Hauptthema ſo ziemlich abgekommen und auf das gefährliche Terrain perſön⸗ licher Invektiven gerathen, woran namentlich die Rede des Amtmanns überreich erſchien, während der Schul⸗ meiſter durch einen Wuſt gelehrter Eitate etwas Heiter⸗ keit in die aufgeregte Stümmung brachte und der Arzt ihn dabei mit phyſiologiſchen Randgloſſen zu unter⸗ ſtützen bemüht war, welche der Mehrzahl ungeheuer imponirten, weil ſie nichts davon verſtanden. Der Küſter hatte ſich ſoeben zu einem Ausdruck hinreißen laſſen, der offenbar der Fürſtin ſelbſt gelten ſollte, und in dieſem ſchlecht maskirten Angriff ſeinen ganzen Ingrimm gegen den Architekten an den Tag gelegt und dadurch einen unerhörten Tumult erregt, als plötzlich die Thür ſich öffnete und Flott ſelbſt ruhig und heiter hereintrat. Eine Pauſe verlegenſten Schweigens reichte hin, um den Ankömmling über die Situation zu opientiren denn der Gegenſtand des heutigen Sermons war ihm durch den Förſter freundſchaftlich mitgetheilt worden. Sofort gab er mit friſchem Humor dem Bilde eine andere Fär⸗ bung, indem er für die nächſte Verſammlung im Klubb

überden Staat der Zukunft und dadurch vorläufig die heftig debattirteNächſtenliebe ngänzlich aus dem Felde ſchlug.

2. Die Ritter von Cragant.

Die ſtattliche Ruinte, welche, oberhalb des Schul⸗ hauſes maleriſch anragend, einen mäßigen Hügelrücken krönte, ſoll einer alten aber unbeglaubigten Chronik zu⸗ folge einſt der Sitz derervon Tuagant geweſen ſein. Die Sage will wiſſen, die Herren von Tragant ſeien we⸗ niger durch die Thaten des Schwertes, aber deſto mehr durch geheime Wiſſenſchaft und Eroberungen des Geiſtes berühmt geweſen. Fußend auf dieſer gern geglaubten Tradition und dem hiſtoriſchen Intereſſe zu Ehren, hatte der Jude Schabſel, der einzige Krämer des Ortes, einen Klubb gegründet und ihn denVerein der Ritter von Tragant genannt, deſſen Zweck neben dem ge⸗ ſelligen Vergnügen ebenfalls geiſtige Eroberungszüge im Wege der Debatte in Schrift und Wort ſein ſollten. (In Wahrheit aber thaten die Mitglieder des Klubbs nichts als Kannegießern, was ihnen allerdings Vergnü⸗

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derRitter! vwomgnagant einen Vortrag ankündigte