28 Erinnerungen. „Dem Kühnen winkt das Glück!“ hatte er ſich ge⸗ dacht,„
und den Ausreißer lohnen Leberknödel!“
So hatte er denn das Mittagsſchläfchen des Pro⸗ V foßen zu einem Fluchtverſuch benützt und eilte nun hin, wo Liebe auf ihn wartete und Leberknödel.
Die Liebe gab Lokomotioſchnelligkeit; knödel verliehen Windesflügel.
Die Sonne ſchien ſo hell in's Zimmer, der Vogel im Käfig zwitſcherte ſo fröhlich, die Leberknödel dampf⸗ ten ſo würzig und kein profaner Zeuge ſtörte.
„Theodelinde!“ ſeufzte er, und führte ein Stück Knödel in den Mund, zart und niedlich wie ein blondgelocktes Kinderköpfchen:
„Anaſtaſius!“ ſeufzte ſie, und ſchleuderte einen Flammenblick, daß der Geliebte ſich Gaumen und Zunge verbrannte.
„O, dieſe Gluth!“ ächzte er und preßte die Hand gegen die dem Herzen zunächſt liegende Magengegend.
„O, dieſe Hitze!“ ſtöhnte ſie und blies aus Leibes⸗ kräften auf die dampfenden Knödel.
Nun große Pauſe ein bedeutungsvoller Weihe⸗ moment!
„Theodelinde!“ ſeufzt Anaſtaſius, ſchöpft tief Athem, knöpft die zu eng werdende Weſte auf, ſchnei⸗ det das zweite Dutzend an, und ſchmachtet ihr einen Blick zu, einen Blick, daß das vom langen Stehen ge⸗ ronnene Fett zu ſchmelzen anfängt.
„Anaſtaſius!“ flötet Theodelinde, ſucht V ſich ein gutes Stück heraus, und ſeufzt einen Seufzer, in dem ein ganzes„Julia und Romeo“ liegt.
„Wünſch guten Appetit!“ ruft Lieutenant Blo⸗ ſedau, der eben vorübergeht, höhniſch durch's Fenſter.
Böſer Blaſedau, kannſt du verantworten, was du verſchuldet haſt?
An ſiſe Rebenwurz, aufs Höchſte ent⸗ ſetzt, daß ihn ſein Leitegauſ ſtatt beim Profoßen ſo netnendi im Wirthshauſe überraſcht hat, hält dieſe Thatſache für wichtig genug, vorläufig ſeinen Kau⸗ werkzeugen Ferien zu ertheilen, dafür aber ſeine ganze Seelenthätigkeit auf den Mund und die Augen zu kon⸗ centriren, die er zur erſtaunlichſten Ausdehnung aufreißt. Zwei Herren kann man aber nicht zugleich dienen, und Jemand, der ſeinen Mund dazu verwendet, den be⸗ kannten volksthümlichen Ausdruck„Maulaffen“ aufs Herrlichſte zu illuſtriren, iſt nicht im Stande, einem in demſelben Munde zur ſelben Zeit befindlichen Leber⸗ knödel von chimboraſſoartigen Dimenſionen die gebüh⸗ rende Aufmerkſamkeit zu widmen. Unſer guter Leber⸗ knödel aber, über den plötzlichen Abſprung von der ſchmei⸗ chelhafteſten Berückſichtigung bis zur beleidigendſten Nichtbeachtung mit vollem Rechte indignirt, verſpürte durchaus keine Luſt, in einer ſo peinlichen Situation lange zu verbleiben und machte ſich aus eigener Macht⸗ vollkommenheit auf den Weg, was ihm aber viele Un⸗ gelegenheit bereiten ſollte und noch größere unſerem armen Feldwebel.
Dieſer fuhr haſtig gegen den Hals, riß den Mund noch um fünfzig Ppocente weiter auf, ſchnappte nach Athem, röchelte und fiel um. Dabei traten die Augen
die Leber⸗
los nach Hilfe, d
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
ſo weit aus ihren Höhlungen, als wollten ſie ſich auch einmal nach Herzensluſt in der Welt umſehen, und das Geſicht färbte ſich in einer Weiſe himmelblau, wie man
es auf Abbildungen von Gewitterſtürmen nicht hübſcher
ſehen kann.
„Anaſtaſius! Mein Anaſtaſius!“ ſchluchzte Theodelinde, warf ſich über den Erſtickenden und bedeckte feine zuckenden Lippen mit den jungfräulichen Küſſen liebender Verzweiflung.
Anaſtaſius aber kümmerte ſich wenig um dieſe hocherfreulichen Zärtlichkeitsbeweiſe, ſondern zappelte und producirte die ausgezeichneteſten Froſchgruppirungen.
„Nein, Geliebter meiner Seele, Flamme meines He erzens, Apfel meines Auges, Du darfſt nicht ſterben!“ ſchrie Theodelinde, blickte einen Augenblick lang rath⸗ dann fuhr ein leuchtender Entſchluß durch ihr Tiefinnerſtes, gewaltig raffte ſie ſich auf, ballte die zarte Hand zur grimmig geſchloſſenen Fauſt und ſchmet⸗ terte ſie mit der Kraft der Verzweiflung auf den Rücken
des armen Anaſtaſius, der ſich eben mit einer Emſig⸗
keit und Ausdauer auf dem Bauche wälzte, als würde
er dafür gezahlt.
Das half!
Der Knödel erſchrak über den unerwarteten Stoß, ſprang aus der Speiſeröhre um nachzuſehen, was los ſei — Anaſtaſius Rebenwurz war gerettet!
Und als ſie nun wieder beiſammen ſaßen,— die drohende Lebensgefahr überwunden, durch die ausge⸗ ſtandene Angſt ſich nur noch werther geworden, die Hemmniſſe ſchüchterner Verſchämtheit überſprungen,— diesmal ſagten ſie ſich's
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Zehn Jahre ſpäter ſpeiſte ich im„rothen Ochſen“.
„Könnte ich nicht Leberknödel haben, Herr Wirth?“ fragte ich.
„Herr!“ ſchnauzte dieſer,„wollen Sie mich fop⸗ pen?“.
Ich ſ ſah ihn erſtaunt an.
Er war ein hagerer, galliger Mann, ſein ganzes Weſen gedrückt.
Ich ſah auch auf ſeine Frau, die beim Schank⸗
tiſch ſaß.
Ein kleines mageres Weib mit ſcharf gekanteten Zügen und verbiſſener Phyſiognomie, ein Symbol der
Verneinung, eine Verkörperung des Proteſtes, eine zu
Fleiſch gewordene Ohrfeige. Armer Anaſtaſius Rebenwurz, bei dir wer⸗ den nimmermehr Leberknödel gekocht werden. Es wäre denn, ſie wollte eſſen, und Lieutenant laſedau wäre beſtellt, unvermuthet durch's offene 8 er:„Wünſch' guten Appetit!“ zu rufen. M. A. Reitle
Sew
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