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4 Erinnerungen.
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
So ließ Götz der Berlichinger den eingefangenen alten Grafen Philipp von Waldeck erſt los, nachdem letzterer ihm die Summe von 8900 D Dukaten erlegt hatte. Nicht ſelten war aber dann des Gefangenen Ge⸗ ſundheit durch feuchte Moderluft und Exkrementenqualen ſo zerrüttet, daß er ſeine Befreiung nicht lange überlebte. In Zeiten der Gefahr, wenn ſeindliches Volk odie Veſte belagerte, wurden meiſtens die Gefangenen vergeſſen, wie auch den in den Zwingern eingeſperrten Thieren keinerlei Nahrung gereicht.
Als die Berner 1333, ſo erzählt Juſtinger, das Schloß Schwanau im Elſaß belagerten und croberten, fand man mehrere todte und halb vethunger te Kauf⸗ leute in den Kerkern.
Im Schloß Egg bei Deggendorf führt in einer Höhe von fünfzig Fuß eine enge Fallbrücke zu dem einzigen in der Nordwand des ſonſt ganz frei ſtehenden Wartthurmes angebrachten Eingange. Der ganze untere Theil des Thurmes vom Eingang abwärts iſt ein leerer, noch nie von einem Strahle des roſigen Lichtes erhellter Raum. Ignaz Freiherr von Armansperg, der Großvater des letzten Grafen, bot um die Mitte des vorigen Jahr⸗ hunderts demjenigen einen Dukaten, der ſich mit einem Lichte da hinab ließe. Ein junger Mann wagte es end⸗ lich, allein er kam nicht weit, als ihm ſchon das Licht erloſch und er ſchnell das Zeichen gab, ihn wieder herauf zu ziehen. Ein zweiter Verſuch hatte dasſelbe Schickſal. Ein dritter kam auf den Boden, aber wer beſchreibt ſein Entſetzen, als er, mit dem Lichte herum⸗ leuchtend, fand, daß er nur auf Menſchenſchädeln und Knochen ſtand! In einer Ecke ſaß auf einem hölzernen Stuhle ein Gerippe, das in demſelben Augenblicke, da er ihm näher trat, zuſammenſtürzte. Freiherr von Ar⸗ mansperg ließ nun die Thurmmauer am Boden durch⸗ brechen. Drei Maurer hatten ſechs Tage daran zu arbeiten, und noch jetzt erkennt man die wieder ver⸗ mauerte Oeffnung. Die Gebeine wurden herausge⸗ nommen; ſie füllten einen großen Wagen und wurden in dem Kirchhofe von Berg, wohin Egg damals ein⸗ gepfarrt war, begraben. Die Phantaſie weigert ſich, darüber nachzudenken, wie dieſe Unglücklichen, von ſchlüpfrigen Kröten und Ratten umgeben, da verkamen. Noch iſt die ganze Vorrichtung vorhanden, mittelſt wel⸗ cher die Armen auf einer hölzernen Platte, wie der Eimer auf einem Ziehbrunnen, hinabgelaſſen wurden, um hier an Hunger und Durſt, an Schrecken und Un⸗ geziefer aller Art auf den halbvermoderten Kadavern anderer vor ihnen dem gleichen Looſe Verfallener hinzu⸗ ſterben.
Auch die Burg Hornberg im Schwarzwalde ent⸗ hält die Ruinen eines Verließes, Räume des Schauders und der Verzweiflung.
Zu Calw in Württemberg ſtand dereinſt auf einem Hügel das Schloß des Grafen gleichen Namens, worin vier Gefängniſſe waren. Das im Keſſelthurm befindliche verengerte ſich trichterförmig nach unten, daß ſich Nie⸗ mand legen konnte, und ein anderes war ohne Beda⸗ chung, daß es den Gefangenen auf die Köpfe ſchneite und regnete.
Zur Zeit des Konſtanzer Konciliums legte man den unglücklichen Hus, bevor er auf dem Scheiterhaufen endete, in den ſogenannten Ketzerkerker auf der Domi⸗ nikaner⸗Inſel. Dies In quiſitionsgefängniß des dortigen Predigerkloſters war zwei Schuh acht Zoll breit, ſechs Fuß hoch und ſieben Schuh lang. In dieſem feuchten, moderigen, ungeſunden Loche brachte der unglückliche Hus, in Ketten auf Stroh liegend, 94 Tage zu.
Wie über alle Vorſtellung gefühllos und roh endlich die Sitten auch der vornehmſten Leute und wie weit die Ritter des fünfzehnten Jahrhunderts vonj feinen und galanten Lebensart, von welcher die e Rittergeſchichten träumen, entfernt geweſen, bezer hiſtoriſche Thatſachen, welche beweiſen, daß denſelben die Beherrſchung roher Gemüthsbewegungen, Beſchei⸗ denheit, Milde und Mäßigung ganz unbekannte Dinge waren, und daß die roheſten Ausbrüche ungebändigter Zügel loſigkeit überall zum Vorſchein kamen.
Drei kleine Stunden vom Benediktinerſtift Melk in Oeſterreich liegt das auf ſchwindelnder Höhe gleich einem Adlerharſt erbaute Aggſtein. Einem Ritter auf Aggſtein— nach ſeinem Thun der Schreckenwald ge⸗ nannt— genügte es nicht mehr, Vorüberziehende aus⸗ zurauben oder einzuſperren. Im höchſten nördlichſten Theile der Burg gelangte man durch ein Pförtchen auf ein ſchmales Felſenſtück, engen Schlafſtätte genügend, von der Geſtalt eines Söllers, über den unendlichen Abgrund hinaushängend. Auf dieſen Fleck, in beängſtigender Höhe, ſtieß der Schreckenswald ſeine Gefangenen hinaus zur entſetzlichen Wahl, den langſamen Hungertod auf dem ſtarren kalten Felſen zu erwarten, oder ihm zuvor zu kommen durch einen freiwilligen Sprung in die unabſehbare Tiefe.
führe ſn Gefangenen,“ ſo pflegte dieſer Buſch⸗
klepper zu ſagen,„in Schreckenwald's Roſengärtlein.“
Drum war durch ganz Deutſchland, um Jemandes rettungsloſen Zuſtand zu beſchreiben, das Sprichwort: „Nun, der ſitzt in Schreckenwald's Roſengärtlein.“
Einer dennoch von ſo vielen Unglücklichen erreichte wie durch ein Wunder unverſehrt die ungeheure Tiefe, kam an dem Ufer der Donau fort und empörte Alles durch die Erzählung der überſtandenen Schrecken. Agg⸗
ſtein ward überrumpelt, der Schreckenwald gefangen
und dem Schwerte des Henkers überliefert.
Ueber dem dritten Thore von Aggſtein iſt eine Tafel aus rothem Marmor eingefügt mit der Inſchrift: „Das purkstal hat angvangen tze pauen her Jörig der Schek,von Wald, des nächsten Mantag nach unser fravntag nativitatis da von christ gepurd warn ergangen MCCXXVIII.“ Wieder ein Beweis, daß die Alten unter Burgſtall nicht, wie wir jetzt, die Stelle einer ehemaligen Burg verſtanden, ſon⸗ dern dieſe ſelbſt.
Grabesſtille herrſcht in den öden Räumen, kaum unterbrochen durch das Brauſen des tief unten fort⸗ fließenden Stromes. Zuweilen tönt vom jenſeitigen Ufer das Geläute des uralten Kirchleins von Schwalen⸗ bach herauf.
Die weiblichen Bewohner,
kaum einem Einzelnen zur
der Sitte der Zeit


