Heft 
(1861) 1 01
Seite
23
Einzelbild herunterladen

Zur Kenntniß der Ritter und Ritterzeiten. 23

gemäß, widmeten ſich nicht nur der Aufſicht, ſondern auch dem Betriebe der Landwirthſchaft, und manches Ritterfräulein, das ſich unſere Dichter ſinnend auf dem

hohen Söller denken, der ihren rofigen Fingern ent⸗

gleitenden Laute verklingende, harmoniſche Töne ent⸗ lockend, mochte ſicherer im Kuhſtall oder im Milchladen

zu treffen geweſen ſein, den Milcheimer in der braunen

Hand.

Die Verfertigung der Kleider war faſt ganz allein den Frauenzimmern aufgetragen, und hierzu mußte die Zeit, welche ihnen die Beſorgung des Hausweſens übrig ließ, verwendet werden..

Die kleinſten Mädchen, und zwar nicht nur ge⸗ meiner, ſondern die der erſten und vornehmſten Abkunft, wurden ſchon in zarter Jugend im Nähen, Spinnen, Weben und Kleidermachen unterrichtet.

Die Frau des Hauſes überſah und vertheilte die

häuslichen Arbeiten ihrer Töchter.

Zur Austheilung der Kleider unter die Hausge⸗ noſſen wurden gewiſſe Zeiten, zumal große Feſte, als Weihnachten, Oſtern und Pfingſten feſtgeſetzt, wovon noch die Spuren in manchem deutſchen Land, als z. B. in Baiern, wo der Bauer dem Hausgeſind zu den ge⸗ heiligten Zeiten verſchiedene Kleidungsſtücke reichen muß, vorhanden ſind. Unter den Hausgenoſſen wurden nicht blos die eigentlichen Hausdiener, ſondern bei höheren Herren die Diener ihres Hofes oder Staates, Räthe, Beamte und dergleichen verſtanden. Wegen der gewöhn⸗ lichen Ablieferung wurde ein ſolches Kleid eine Livrée genannt.

Die Erziehung der Kinder, die Pflege der Kr und Verwundeten füllte die Zeit aus, welche die Wirthſchaftsſorgen frei ließen.

An ſogenannter Unterhaltung war kein Ue aber die Männer zerſtreute die Jagd, die Weiber ihre Wirthſchaft. wechslung brachten wohl Beſuche von Nachbarn, reiſonde Muſikanten, Pilger und Krämer.

Dieſe Reiſenden waren in einer Zeit, welche keine Zeitungen, ja ſelbſt äußerſt beſchränkte Kunde des Schreibens und nur kärgliche Verbindungsmittel beſaß, ſehr wichtige Perſonen und oft für lange Zeit, beſonders in entlegenen Burgen, die einzigen Boten aus der Mit⸗

welt und fernen Ländern.

Hauptſächlich das immer neu auflebende Geſchlecht der Pilger zog Jahrhunderte lang nach und aus dem heiligen Lande, zudringlich bettelnd, unverſchämt lügen⸗ haft und doch erwünſcht kommend, ſo oft auch unter dieſer viel gebrauchten Maske Flüchtlinge, Landſtreicher, Verräther und Räuber, ja ſelbſt Mordbrenner, wie ſie Venedigs ehrenhafte Signoria unter Max I. ausſendete, das Land durchſtreiften. Nachdem Richard Löwenherz zu Aquileja Schiffbruch gelitten, ſuchte er, als Pilgrim verkleidet, durch Oeſterreich zu kommen, wurde jedoch in Erdberg bei Wien feſtgenommen, zuerſt auf den Dürrenſtein an der Donau und ſpäter auf den Trifels in ſichere Haft gebracht, wo ihn der getreue Blondel, der auf der Reiſe von ihm getrennt worden war, durch ſeinen Geſang auskundſchaftete.

Die wandernden Krämer müſſen aller Kombination

nach ein gar keckes, ttrotziges und nach Umſtänden ſchmiegſames, liſtiges Völklein geweſen ſein, um in einem häufig von Kriegen und Privatfehden durchzuckten Lande mit ihrem oft werthvollen Kram einzeln oder höchſtens in ſchwachen Karavanen umherzuziehen und beſonders um in zweideutigen Löwenhöhlen, Ritterburgen genannt, ihre Waare auszubieten, wo ſo Viele waren, die gar zu gerne ohne Geld kauften und mit Eiſen zahlten.

pordiſche Knoten.

zulturbild von Ludwig Joglar.

Kleindeutſches

Was Göttern entfloſſen iſt, richte der Menſch nicht. Theokrit.

1. Außerhalb der Strömung.

jieſes ſtille Dörfchen Schleuſingen am Ried war noch vor zehn Jahren eine wahre Oaſe der Ein⸗ c ſamkeit in der lärmenden Wüſte des Weltlebens. 9 Wer kannte Schleuſingen? Wer wußte, daß ein ſo idylliiſches Refuge ſo nahe dem lauten Markte

gewerblicher Thätigkeit zu finden ſei? Niemand ſprach davon, kein Touriſt ſchrieb darüber. Die Natur hatte Alles gethan, um hier ſo recht zur Iſolirung ein⸗ zuladen: abſeits der großen Heerſtraße umfing ein an⸗ mutiges Waldgebirge wenige zerſtreute Häuschen, male⸗ riſche Felsgruppen begrenzten kurze aber fruchtbare Ebe⸗ nen, die ſammt Holzſchlag und Waſſergefälle friedliche zufriedene Menſchen reichlich nährten. Selten nur ſprach unterwegs der Weidmann oder ein verirrter Wanderer unter einem der ſtillen Dächer ein, die bis jetzt noch keinen idealiſirenden Auerbach gefunden haben. Plötzlich aber war Alles verwandelt worden, durch den mächtigen Willen einer energiſchen Frau der Fürſtin Ruſtika. Ein tiefer im Walde gelegenes verfallenes Herrenhaus war ſtattlich renovirt und zu einem bequemen wohn⸗ lichen Aufenthalt eingerichtet, der nächſte Umkreis zu einem gediegenen Anweſen erweitert, Wirthſchaftsge⸗ bäude umgaben das anſehnliche Schloß, das inmitten von geſchmackvollen Gartenanlagen prangte, das ſogar eine Hauskapelle umfing und von allen Attributen mo⸗ dernen Lebens ſtrotzte. Das Dorf ſelbſt beſitzt nun eine ſteinerne Kirche, einen wohlgepflegten umfriedeten Lei⸗ chenhof, ein Gemeindehaus, das Gaſtgebäude, das den Kaſinoſchild führt, eine geräumige Schule und eine Menge jener Häuschen, deren Styl und Einrichtung verrathen, daß ihre Bewohner nicht auf Pflug oder Holzaxt angewieſen ſind. Kurz über die Gegend iſt jener Hauch von Wohnlichkeit gebreitet, der die ſchöpfe⸗ riſche Hand der Fürſtin verräth. Dieſe ſelbſt hatte einen ganz ungewöhnlichen Lebenslauf, iſt ein ganz unge⸗ wöhnliches Menſchenkind. In ihrer Jugend eine der trefflichſten dramatiſchen Künſtlerinnen, ward ſie ſpäter Vorleſerin des regierenden Herrn, der die geliebte Freundin alsbald zu ſich erhob und, als er ſtarb nach glücklichſt vollbrachter Lebens⸗ und Strebenszeit, ihr das