Alois Gärtner: Annaberg nächſt Eger. 21
Da nun in der Folge ſelbſt jene neuen Baulich⸗ keiten die erforderlichen Räumlichkeiten für die Geiſt⸗ lichen und deren Gehilfen nicht mehr boten, ſo machte der Egerer Magiſtrat zur Zeit, als ein Theil Böhmens und Baierns(1713) von einer fürchterlichen Peſt heim⸗ geſucht wurde, der allerheiligſten Dreifaltigkeit zu Ehren das Gelöbniß, falls die Stadt und das Egerland von Verheerung verſchont bliebe, ſtatt, wie beſchloſſen, eine koſtbare Peſtſäule am Marktplatze zu errichten, für die hölzerne Prieſterwohnung nächſt der Annakirche zum größeren Seelennutzen der umliegenden Ortſchaften eine reguläre, genügenden Raum bietende Wohnung von ſolidem Mauerwerk zu erbauen. Dieſelbe gelangte auch wirklich am 11. Oktober 1718 zur Vollendung und wurde dem beſagten Orden in perpetuum zur Be⸗ hauſung übergeben. Gleichzeitig ward das neue Pfarr⸗ haus mittelſt einer Mauer im Viereck eingefriedet und an der Südſeite der Kirche ein vier Klafter hoher künſt⸗ licher Berg, Kalvarienberg genannt, mit zwei freien Aufgangstreppen zugebaut, auf dem das Kreuz, das Zeichen des Heiles, errichtet wurde, und welches heute noch da ſteht. Innerhalb dieſes Kalvarienberges ſind noch heute verſchiedene Gruppen aus der Leidensge⸗ ſchichte Jeſu in kleinen Gewölben durch recht gelungene Holzfiguren dargeſtellt, welche durch ſinnreiche, an der Kirche und der Pfarrhofmauer in ſeichten Niſchen aus⸗ gehängte Oelbilder ergänzt und von Andächtigen unter Gebeten und Geſängen öfter im Jahre beſucht werden.
Die Kirche an und für ſich betrachtet verräth gleich beim erſten Anblicke ſowohl von der äußern als von der innern Seite wenig künſtlichen Bauſtyl und leidet durch ihre hohe Lage ſehr viel durch die häufigen Nord⸗ und Weſtregen.
Das Innere weiſt außer einigen guten Oelge⸗ mälden drei alterthümliche Altäre und eine neue gute Orgel auf. Ueber dem Haupteingange iſt die in Stein gehauene Gründungstafel mit dem Egerer Stadtwap⸗ pen angebracht.
Dies von der Kirche.
Der Franziskanerorden blieb bis 1787 im unge⸗ ſtörten Beſitze dieſes Hoſpitiums, wo er dann dem Weltprieſterſtande auf hohe Anordnung(wahrſcheinlich auf die Anordnung Kaiſer Joſefs II., der auch die weiter oben am Grünberge beſtandene Kapelle in eben dieſem Jahre ſperren, die Einrichtungsſtücke und ſpäter
das Mauerwerk ſelbſt verkaufen ließ) weichen mußte. Von daher datirt die St. Annakirche Pfarrkirche*). Unweit des Einganges zur Pfarrei iſt das Schulhaus (1802 erbaut), in dem circa 80 Schulkinder beiderlei Geſchlechts gemeinſchaftlich unterrichtet werden. Wenig entfernt vom Schulhauſe ſtehen rechts und links zwei Chaluppen und 200 Schritte ſüdweſtlich tiefer das Wirthshaus, welches am Annatage von den eifrigen Wallfahrern und ganz beſonders von den vielen Egeri⸗ ſchen„Annen“ ſtark beſucht wird.
*) Eingepfarrt ſind die Ortſchaften Unter⸗ und Ober⸗
pilmersreuth, Oberkunreuth, Kreuſtein; die Kolonien
Schwarzenteich, Siechenhaus, Nonnenhäuſer; die Meiereien Nonnenhof und Hollerhof.
8
N
Wenig Bewohner dürfte Eger zählen, die noch nicht die Annakirche beſucht, und wenig Kurgäſte dürf⸗ ten Franzensbrunn verlaſſen, ohne den Annaberg er⸗ ſtiegen und ihr Auge an der ſeltenen ſchönen Fernſicht geweidet zu haben..
Ein Theil Baierns, das ſogenannte Neubaiern (Bayreutiſche), mit ſeinem vielarmigen und guellen⸗ reichen Fichtelgebirge, der ſüdweſtliche Theil des König— reiches Sachſen mit der mineralreichen Erzgebirgskette, die größten Parcellen der böhmiſchen waldreichen Be⸗ zirke Falkenau, Königswart, Plan und Tachau mit den angrenzenden bairiſchen Landgerichtsſprengeln Tirſchen⸗ reuth und Waldſaſſen und das Panorama universum vom ſchönen Egerlande mit dem reizenden Egerthale und ſeiner uralten vielgeprüften Stadt, welche die Eger wie ein blaugrünes Band umſchlängelt, alles dieſes liegt im Kreiſe ausgebreitet zu den Füßen des Be⸗ ſuchers.
Schließlich muß ich, um ganz aufrichtig zu ſein, noch erwähnen, daß mit dem Beſuche des Annaberges und der Kirche von den biederen Egeranern meiſt ein Ausflug nach dem nahen Pächtnersreuth in Baiern arrangirt iſt, um auch die ſtummen Zeugen, Magen und Gaumen, mit echt„Bairiſchem“ zu entſchädigen.
Wenn aber dort der Ton des ausländiſchen Abendglöckleins zum Gebete mahnt; wenn die Sing⸗ droſſel im nahen Waldſaume den goldnen Himmels⸗ ſchäfer zu beſingen beginnt; wenn das Vieh im Freu⸗ dengebrüll von der Weide kömmt und dem Ortsbäch⸗ lein zuläuft, um ſeinen gewohnten Abendtrank aufzu⸗ ſchlürfen: dann zieht es den Pilger unwillkürlich heim, heim in die theure Vaterſtadt.
„Ueberall iſt's ſchön— in der Heimat und im traulichen Kreiſe der lieben Angehörigen aber denn doch am ſchönſten!“
Zur Kenntniß der Ritter und Ritterzeiten.
(N.dſe ene ec Hekanntlich ſind jene berühmten Tage der Ritter⸗ dS d Romantik nur zu oft falſch verſtanden worden.
S Man hat aber zur Ehre der Wahrheit nöthig, 27 ſich einen ganz andern Begriff von denſelben zu machen, einen rohen und blutigen Begriff
nämlich.
Meininger gibt darüber eine gute Schilderung, indem er im Nachfolgenden auf alte Burgverließe über⸗ geht. Denken die Leſer an irgend eine der alten Burg⸗ ruinen, die ſie auf ihren Reiſen mit Begeiſterung geſehen.
Bei der Betrachtung der Burgverließe in den alten Ritterſchlöſſern, die ſehr oft ihren Platz im unterſten Theile des Hauptthurmes fanden, drängen ſich Einem traurige Erinnerungen auf über die Barbarei der ſoge⸗ nannten romantiſchen Zeit. Außer Miſſethätern oder widerſpenſtigen Leibeignen füllten die auf den Land⸗ ſtraßen Niedergeworfenen dieſe peſtilenzialiſchen Räume, bis es ihnen gelang, durch Erlag von hohem Löſegeld dieſem Elend zu entkommen.
4


