14 Erinnerungen. Flluſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
Oder man wirft Nachts zwölf Uhr, mitten im Zimmer ſtehend, über den Kopf hin einen Schuh der Thüre zu; fällt derſelbe mit der Spitze nach der Thür, ſo heiratet das Mädchen, ſonſt nicht.
Eine Hauptrolle ſpielt bei den Schickſalsbefra⸗ gungen aber der Apfel, der ſchon im Alterthum der Liebesgöttin Venus heilig war.
Man ſchält einen Apfel, ſo daß die Schale ein ganzes Stück bildet, wirft ſie über den Kopf hin und deutet aus dem Anfangsbuchſtaben den Namen des Geliebten.
Man zerſchneidet einen Apfel mitten durch und wünſcht ſich dabei etwas. Ward kein Kern mit zerſchnitten, ſo geht der Wunſch in Erfüllung.—
In den Spinnſtuben machen die Mägde zwei Pyramiden von Werg, jede eine Perſon darſtellend, ſtellen ſie auf den Herd und zünden ſie an; fallen ſie gegen einander beim Abbrennen, ſo heiraten jene zwei Perſonen einander.
Auf Gängen im Freien iſt allverbreitet nebſt vielem Andern die Befragung der Wucherblume, an der man, um die Liebe und ihre Grade zu erforſchen, je fünf Blättchen mit den Worten abpflückt:
Er liebt mich von Herzen, Mit Schmerzen,— bisweilen Ein wenig— oder gar nicht.
Iſt nun eine Perſon ſo ſehr ſtiefmütterlich bedacht von der Göttin der Liebe, daß auf alle Proben keine genügende Antwort erfolgt, ſo„übt man Liebeszauber“. Da zwingt man eine Perſon zur Gegenliebe, wenn man in der Thomasnacht deren Fußſocken kocht(daher man von einem, der keine Ruhe findet und raſtlos umher⸗ treibt, ſagt, dem hat man die Fußtücher gekocht, d. h. er iſt bezaubert), oder man ſucht von der geliebten Perſon ein Haar zu erlangen und ſtreicht dies beim Beſtreichen des Feuerherdes mit in den Lehm der Feuerſtelle ein.
Nachdem man ſo eine Zeit lang„heimliche Liebe getrieben“, folgt der zweite Akt:„der Handſchlag und das Brautvertrinken.“
Das Werben geſchieht gewöhnlich Abends und zwar ſelten durch den Burſchen ſelbſt, meiſt durch den „Brautwerber“(den Vater oder Brautknecht). Charak⸗ teriſtiſch iſt dabei folgende Formel. Der Vater des Bräutigams(natürlich nachdem Letzterer und die Braut ſich ſchon geeinigt) ſpricht zu den Eltern der Braut:
„Es iſt allbereits bewußt und be kannt, daß wir uns vor mehren Jahren in den heiligen Eheſtand be⸗ geben haben und in demſelben hat uns Gott nicht leer und ledig wiſſen wollen, ſondern uns geſegnet nicht mit zeitlichem vergänglichem Gut, ſondern mit edlen Leibes⸗ früchten, wie auch mit einem lieben Sohn, der nun ſoweit herangewachſen, nicht im Roſengarten, ſondern in vieler Müh' und Plage, bis daß er ſich auch in den heiligen Eheſtand zu ſetzen gedacht. Da hat er ſich um⸗ geſehen in unſeren chriſtlichen Gemeinden, in Gaſſen und Spielhäuſern, Spinnſtuben und Geſpielſtuben und hat Gott den Herrn dabei angefleht, er ſolle ihm einen
Weg zeigen, auf welchem er eine Gehilfin finde, die um ihn ſei. Nun ſehen wir, daß Gott ihn hat geleitet bis hierher zu Euch und hat die Erfahrung gemacht, daß Eure liebe Tochter Neigung zu ihm bekommen, ſich mit ihm wechſelſeitig zu lieben. Demnach hat er bittlich an⸗ gehalten ſowohl mit heimlichen als mit offenbarlichen Worten, bis er endlich auch ein Jawort und einen Hand⸗ ſchlag erhalten hat. Bei dem konnten wir es aber nicht bewenden laſſen, ſondern bin auch kommen zu der Ueberzeugung, eine Frage an Euch zu thun: ob Ihr unſerm Sohn denn Eure Tochter zur Frau geben wolltet oder unſere Bemühung vergeblich geweſen ſei.“
Der Vater des Mädchens erwiedert:
„Ja, es iſt unſer Wille und der Wille unſerer Tochter. Eure Bitte ſoll Euch gewährt werden; und wir ſagen ſonſt nichts dazu als: Gott der Herr wolle ſeinen Segen dazu geben, daß wir uns ihres Lebenswandels freuen können.“
Der Vater des Burſchen:
„Da wir nun hören, daß Ihr uns unſere Bitte nicht verſagt, ſo ſind wir dafür erſtlich dankbar, erbitten uns aber zur Verſicherung für die Zukunft noch einen „Handſchlage.“
Vater und Tochter reichen nun unter vielen Segens⸗ wünſchen dem Vater des Burſchen die Hand. Sofort werden die beiderſeitigen Verwandten berufen und ge⸗ fragt, ob jeder Theil zufrieden ſei mit dem projektirten Ehebund.
Billigen die Sippen das Vorhaben, ſo erwiedern ſie:
„Wir können Eurem Geſchäfte kein Hinderniß in den Weg legen, wir können der Perſon nichts als Red⸗ lichkeit nachſagen. Fahrt mit Gottes Hilfe fort in Eurem Geſchäfte. Gott gebe, daß der Anfang glücklich und das Ende geſegnet ſei.“
Auf den Handſchlag folgt gewöhnlich bald das „Brautvertrinken“(Verlobung), ſo genannt von dem Feſtmahl, welches am Schluſſe der Verlobung ſtattfindet. Es werden nämlich auf dem Pfarrhofe(nicht nach ſtädti⸗ ſcher Sitte im Hauſe der Braut) die Ringe gewechſelt, wobei als Zeugen Freimänner“ oder die beiderſeitigen Väter fungiren und die Worte geſprochen werden:
Hier geb' ich dir den Ring der Treul, Gott geb', daß es dich nie bereu'!
Nachdem man dann den jungen Leutchen kleine
Geſchenkchen,„Händchen“ genannt, gemacht, werden ſie vom Geiſtlichen eingeſegnet und dann eben folgt im Hauſe der Braut das Feſtmahl, das Brautvertrinken.
Iſt ſo die„Braut vertrunken“, ſo wird zur Hoch⸗ zeit gerüſtet“, d. h. von beiden Seiten die Zeit der Hochzeit beſtimmt. Meiſtens fallen die Hochzeiten in den Faſching, zumal in die Woche der Hochzeit zu Kanaan oder in die Herbſtzeit; ſie finden aber auch zu anderen Zeiten ſtatt, nur nicht zwiſchen Oſtern und Pfingſten, denn„da heiraten die Unſeligen“ nach einem deutſchen Sprichworte. Von den Wochentagen wird am liebſten der Mittwoch genommen.
Die Vorbereitungen zur Hochzeit(namentlich zum Feſtſchmaus) nehmen mehrere Tage in Anſpruch und waren ehedem Sache der ganzen Nachbarſchaft und


