Alfred Aſſolant:
Der Jakobiner. 7
Dienſt ausgebeten, Dich dahin zu begleiten. Jetzt ſage doch an, wie Du hinter Schloß und Riegel gerathen biſt.“
Roland erzählte nun ſeinem Freunde die Ge⸗ ſchichte ſeiner Liebe und ſeiner Schulden.
Reynier lachte.„Heirate ſie doch,“ ſagte er. „Ihr Vermögen kann Dir wieder aufhelfen, denn Deine Güter ſind unter Sequeſter und in einem halben Jahre
ſicher als Nationaleigenthum verkauft.
„Das iſt es ja eben, was mich ärgert. Wenn ich ſie heirate, mache ich ein gutes Geſchäft und begehe zugleich eine Feigheit.“
„Aber auch eine gute Handlung,“ ſetzte Rey⸗ nier ernſt hinzu.„Was ſoll das arme Mädchen an⸗ fangen?“
„Alles, was ſie will. Ich habe ſie nicht betrogen, denn ich habe ihr nichts verſprochen. Uebrigens würde mich dieſe Heirat auch nicht mehr aus den Krallen des Kriegsgerichtes retten können.“
Der Republikaner ſchwieg. Er dachte über ein Mittel nach, ſeinen Freund zu retten.
„Wie ſchade iſt es, daß ich nicht in Dives geblieben bin und meine Couſine geheiratet habe!“ warf Ro⸗ land hin.
Der Republikaner erbebte, aber ſeine Verwirrung verbergend ſagte er:„Folge mir nun vor das Kriegs⸗ gericht. Ich gelte etwas bei Cuſtine und hoffe, Dich allen Juden der Welt gegenüber retten zu können.“
In wenigen Augenblicken kamen ſie auf dem Rath⸗ hauſe an, wo ſich der Generalſtab Cuſtines befand. Ro land und die Soldaten, die ihn bewachten, blieben in einem der unteren Gemächer zurück und Reynier begab ſich allein zum General.
Du bringſt den Emigranten?“ fragte Cuſtine. „Ja, General. Es iſt eine traurige Geſchichte.“
„Wie ſo? Du erſcheinſt mir ſo erregt!“
„Ohné Umſchweife, General, ich bitte, begnadigen.“
„Den Emigranten? das iſt ein giftig' Inſekt, das Dich früher oder ſpäter noch ſtechen wird.“
„Es iſt mein Jugendfreund. Ich muß ihn retten.“
„Parbleu, daß Du bei dieſer Rettung nur nicht ſelbſt um den Kopf kommſt. Denke an den Konvent.
Ich will bei der Sache nichts zu thun haben.“
„Wohlan denn,“ ſagte Reynier, der einige Hoffnung faßte.„So will ich Sie mit dieſer Angelegen⸗ heit nicht weiter beläſtigen. Nur bitte ich Sie, unter⸗ zeichnen Sie mir dieſen Paß.“
„Für wen?“ fragte Cuſtine.
„Für Jakob Ferou.“
„Meinetwegen. Aber ſage Deinem Jakob Ferou, wenn er glücklich davon kommt, möge er ſich
ja nicht wieder auf meinem Wege finden laſſen.“
Reynier nahm den Paß und entfernte ſich, die Mittel überlegend, wie er ſeinen Freund aus Mainz bringen könne. Als ſein Auge auf den Paß fiel, ſchlug er ſich vor den Kopf.„Unglück und ungeſchick!“ rief er,„es iſt ein Paß für Frankreich, das heißt ja, Ro⸗ land in die Höhle des Löwen führen.“
Er wollte zum General zurückkehren;
ihn zu
aber eine
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Schildwache vertrat ihm den Weg mit dem Bedeuten, der General laſſe jetzt Niemanden mehr vor. Traurig wandte ſich Reynier wieder um.„Wohin ſoll ich ihn ſchicken?“ dachte er.„Nach Dives, wo ſein Onkel ihn erwartet, um ihn mit Louiſe zu vermälen? O Unbe⸗ ſonnenheit. Wenn er Louiſens Liebe gewänne? Ach, ſoll ich denn meinen Freund oder meine Geliebte verlieren?“
Der arme Republikaner befand ſich leichtbegreiflich in einer ſehr ſchwierigen Lage. Indeſſen trug ſeine an⸗ geborne Großmuth den Sieg davon.„Ich muß ihn retten,“ ſagte er ſich,„und ſelbſt auf die Gefahr hin, mein Lebensglück zu zertrümmern.“
In dieſem Augenblicke, da er eben zu Baron von Kransperg gehen wollte, hatte er eine ſehr uner⸗ wartete Begegnung.
„Sara hatte erfahren, daß Roland durch ihren Vater in die äußerſte Gefahr gerathen ſei und ſie eilte nun herbei, um perſönlich bei Cuſtine ſich für den Geliebten zu verwenden.
„Mein Herr, kann ich Ihren General ſprechen?“ wandte ſie ſich an Reynier, den ſie beim Eintritte in das Rathhaus ſtreifte.
Rehnier ſah mit verwunderten Blicken dieſes ſchöne junge Mädchen an, welches ſich kühn in ein Hauptquartier wagte.
„Mein Fräulein,“ ſagte er höflich grüßend,„das iſt unmöglich. Ich, der doch ſein Adjutant bin, mußte mich eben von ſeiner Thür abgewieſen ſehen.“
„Ach, mein Herr, es handelt ſich um das Leben eines Menſchen.“
„Wen ſoll ich alſo anmelden?“ fragte er, noch mehr neugierig gemacht.
„Fräulein von Kransperg.“ nach kurzem Zögern.
„Sie kommen, um Roland zu retten?“ ſagte er.
Sie erröthete und ſenkte die Augen.
„Entſchuldigen Sie meine Zudringlichkeit, Fräulein. Ich heiße Heinrich Reynier und bin ſein beſter Freund, wie Sie das Mädchen ſind, das er am meiſten liebt. Wir⸗können ihn retten. Den Paß für ſeine Flucht habe ich bereits verſchafft, es fehlt uns weiter nichts als das Mittel, den Kerkermeiſter zu beſtechen.“
„Hier ſind zwanzigtauſend Francs, mein Herr; das iſt alles, was ich heute beſitze. Retten Sie ihn, im Namen des Himmels retten Sie ihn!“
Kaum hatte Reynier das Geld in der Hand, ſo flog er wie ein Pf feil nach dem Gefängniſſe. Es machte ihm nicht viel Mühe, den Gefangenwärter, der Roland zu beaufſichtigen bache auf ſeine Seite zu bringen. Als er ſein Anbot auf zehntauſend Francs erhöht hatte, er⸗ hielt er den Schlüſſel zu Kolands Zelle. Faſt mehr Mühe hatte er mit Roland ſelbſt, als er ihm Geld und Paß für die Flucht einhändigte. Zuerſt zwar fiel Roland ſeinem Freunde zärtlich um den Hals und rief:„Welch' ein Freund! Nur Schade, daß er Jakobiner iſt!“ Als er aber einen Blick auf den Paß warf, nahm er Anſtand, unter dem plebejiſchen Namen Jakob Ferou zu reiſen.„Ich werde mir Mühe geben, ſo
antwortete ſie
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