Heft 
(1861) 1 01
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8 Erinnerungen. Flluſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

auszuſehen wie mein Bedienter, ſagte er endlich, indem er ſich entſchloß, die Uniform eines Trainſoldaten anzu⸗ ziehen, welche der beſtochene Gefangenwärter verſchaffte.

In dieſer Verkleidung, die den Marquis ganz unkenntlich machte, kam er ohne Hinderniß nicht nur aus dem Gefängniſſe, ſondern ſelbſt aus der Stadt. Erſt in einem Wirthshauſe außerhalb der Mauern machte er Halt und erwartete hier ſeinen Freund Reynier, der ſich nach kurzer Trennung wieder mit ihm vereinte. Erſt hier erfuhr Roland, daß er Saras Gelde ſeine Freiheit verdanke.

Arme Sara, rief er,ſoll ich denn ewig gegen dich undankbar ſein? Warum iſt ſie nicht hieher ge⸗ kommen?

Sie hat geſchworen, Dich ewig zu haſſen.

Wirklich? Da kehre ich nach Mainz zurück und ſchwöre ihr ewige Liebe. 4

Nimm Dich in Acht, mahnte Reynier.Man ſucht Dich nicht, aber hüte Dich doch, wieder den Re⸗ publikanern in den Weg zu laufen.

Wohlan denn, übergib ihr dieſen Brief! Und er ſchrieb eilig dieſe Worte:

Theure Sara, ich ſehe mich genöthigt, zu flie⸗ hen. Um Sie ewig zu lieben, bedurfte es nicht, daß ich Ihnen auch noch das Leben danke. Sobald mich das Geſchick wieder mit Ihnen zuſammenführt, werde ich Sie bitten, Ihr Geſchick mit dem meinen vor Gott zu vereinen. Adieu.

Der Sie über alles liebt, Ihr Roland, Mar⸗ quis von Dives, den die feindlichen Geſchicke zube⸗ nannt haben Jakob Ferou.

Hiemit iſt ſie Marquiſe geworden, ſagte der Emigrant, das Briefchen faltend.

Du gehſt nach Dives? fragte Reynier.

Ich habe keine andere Zuflucht, antwortete der Marquis.Ich freue mich, in meinem großen Unglück meine kleine Couſine wiederzuſehen, ſo pedantiſch ſie auch iſt.

Der Repablikaner ſeufzte:Iſt das die Treue, die Du Sara geſchworen haſt?

Lieber Freund, ſagte Roland,Du haſt hundert gute Eigenſchaften; Du biſt brav, haſt Geiſt, liebſt Deine Freunde; aber offen, Du ſprichſt mir zu viel von Tugend. Dadurch wirſt Du langweilig.

Gott geleite Dich, ſagte Reynier ihn um⸗ armend.Haſt Du Reiſegeld?

Nicht einen Heller.

So nimm dieſe Brieftaſche. Saraſchickt ſie Dir.

Roland lehnte ſie ab.Es iſt genug an einer Wohlthat. Gib ihr ihre Gulden zurück. Ich kann zu Fuß gehen. 3

Ich billige Dein Benehmen, ſagte kurz der Republikaner,aber Du darfſſt nicht ganz entblößt vom Gelde ſein. Hier ſind hundert Franes in Aſſignaten, es iſt mein Sold; freilich zu wenig für einen Marquis, aber genug für einen Trainſoldaten.

Roland umarmte ihn mit Thränen in den Au⸗ gen und machte ſich auf den Weg. Reynier erſteattete dem Fräulein von Kransperg Bericht über das

Geſchehene. Es fehlte wenig, ſo hätte auch ſie ihn in ihrer Freude umarmt. Das gute Kind konnte den Jubel

des Herzens nicht unterdrücken. Hundertmal las ſie Ro⸗

lands Brief und wagte nicht an ihr Glück zu glauben.

12.

Roland zog mit leichten Schritten ſeines We⸗ ges. Wenn er müde war, nahmen gutmüthige Bauern, die des Weges fuhren, ihn eine Strecke mit, und er gelangte, einige kleine Abenteuer abgerechnet, ohne ſon⸗ derliche Verzögerung und Hinderniſſe über die fran⸗ zöſiſche Grenze bis nach Moulin. Hier erſt fing die Gefahr an, als Edelmann und Emigrant erkannt zu werden. Zum Unglück war ihm das Geld ausgegangen, denn an Sparſamkeit nicht gewohnt, hatte er ſchon in den erſten Tagen ſeiner Rückreiſe die geringe Summe ausgegeben, welche ihm Reynier in die Hand ge⸗ drückt hatte. Kaum daß ihm noch ein Dreilivre⸗Stück geblieben war.

Als er über den Platz von Moulin ſchritt, ſah er zwei Zigenner, die ſich vor der gaffenden Menge producirten. Der Mann verſchlang ſeinen Säbel und ſpie ihn mit ſchrecklichen Grimaſſen wieder aus, Die Frau ſpielte dazu Guitarre und ſang mit etwas ſcharfer Stimme melancholiſche Lieder. Von Zeit zu Zeit ging ſie mit einem Teller unter dem Publikum herum, einige Sous als Lohn für die Produktion zu ſammeln. Auch vor Roland machte ſie mit ihrem Teller Halt. Dieſer, nach der alten Gewohnheit des Reichthums, griff in die Taſche und reichte ihr ſein letztes Silberſtück. Bei dieſem Anblicke leuchteten die Augen der Zigeunerin vor Vergnügen. Sie nahm das Geldſtück, warf Roland einen langen Blick zu, worin ſich Freude, Dank oder wenn man will auch Liebe malte, ging zu dem Säbelverſchlinger zurück, flüſterte ihm einige Worte zu, ſprang dann wieder auf Ro⸗ land zu und gab ihm ein Zeichen, ihr zu folgen.

Dieſer, obwohl ſehr erſtaunt darüber, ließ ſich nicht lange bitten. Die Zigeunerin war hübſch, lachte anmuthig und zeigte ſehr hübſche Zähne. Hundert Schritte hinter der Stadt trat ſie in eine Kneipe, wohin Roland ihr folgte. Sie beſtellte Wein und zwei Gläſer, machte dem Marquis ein Zeichen, ſich zu ſetzen und ſetzte ſich dann ſelbſt dicht an ſeiner Seite nieder. Roland meinte nun, hier ſei alle Zurückhaltung von Ueberfluß, und er legte mit verliebter Zudringlichkeit den Arm um ihre Taille. Die junge Zigeunerin lachte laut auf, befreite ſich aus ſeinen Armen und ſagte: Mein lieber Marquis...

Bei dieſen Worten unterbrach ſie Koland etwas verlegen:Wie, Du lernteſt alſo ſchon früher mich kennen?

(Schluß folgt.)