Heft 
(1861) 1 01
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6 Erinnerungen. IFlluſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Roland zuckte die Schultern, wie ein Mann, der nicht ſehr an die Einmengung des Himmels in ſeine Tagesangelegenheiten glaubt, und ſchritt leichten Ganges in ſein Hötel zurück.

Eine Stunde darauf erſchien bei ihm ein Mann, deſſen dunkles Kleid ſchwarz wie ſein Verſatz war, und präſentirte ihm einen Wechſel.

Schon Verfallzeit? fragte Roland erſtaunt.

Sehen Sie ſelbſt, Herr Marquis, der Wechſel lautet fünfzehn Tage à dato, und heute iſt der ſech⸗ zehnte.

Das iſt ein Streich des Barons! dachte ſich Roland.Da konnte er gut mit der Strafe des Himmels drohen, wenn er ſolche Beſchwörungsformeln beſitzt. Was iſt jetzt zu thun? an wen ſoll ich mich wenden? Sara wird mich kaum aus den Klauen ihres Vaters befreien. O, entſetzliche Unbeſonnenheit!

Herr Marquis, ſagte der Mann mit dem Wechſel in aller Höflichkeit,wenn Sie jetzt nicht den Wechſel bereit haben, werde ich zu Mittag wiederkommen.

Gut. Kommen Sie wann Sie wollen, ſagte Roland, der Zeit zum Nachdenken gewinnen wollte. Nach langem Ueberlegen hielt er es endlich für das Beſte, Mainz zu verlaſſen, ohne ſich JFemandem zu empfehlen.

Als er ſeinen Vorſatz ausführte und um die Ecke der erſten Straße bog, faßten ihn vier Gerichtsdiener und bemächtigten ſich ſeiner Perſon.

Was wollen die Schlingel? rief Roland erboſt.

Da trat der ſchwarze Mann mit dem Wechſel vor und zeigte einen Verhaftsbefehl, den Baron Krans⸗ perg vom Gouverneur zu Mainz erwirkt hatte.Mein Herr, ſagte er höflich,wollen Sie mir, anſtatt ſich auf die Flucht zu begeben, gefälligſt in den Schuldthurm folgen!

Roland dachte ſich zu vertheidigen, allein bei der Anſtrengung, ſich los zu machen, riß ſein ſchön ge⸗ ſtickter Rock, der ſein Stolz und für Sara ein Gegen⸗ ſtand der Bewunderung war, vom Kragen bis nahe an die Schöße. Der Marquis erbebte vor dem Gedanken, lächerlich zu werden und gab den Widerſtand auf. Nach wenigen Minuten ſaß er bei Waſſer und Brod in einer Zelle des Stadtgefängniſſes.

Als es zu dunkeln begann, trat Eleazar zu ihm in die Zelle.Herr Marquis, ſagte er,hatte ich Un⸗ recht, Ihnen mit der Strafe des Himmels zu drohen? Sie werden nicht eher über dieſe Schwelle treten, bevor Sie nicht verſprochen haben, Sara's Ehre durch Ihre Vermälung wieder herzuſtellen.

Sie ſind in Ihrem Rechte, Herr, erwiederte Roland,aber ich würde Sara nicht heiraten, und wenn ich mich damit von dem Galgen loskaufen könnte.

Der Galgen ſteht Ihnen näher, als Sie glauben, ſagte der Greis.Die Franzoſen ſind nur zwei Tag⸗ reiſen noch von Mainz entfernt und die Stadt iſt außer Stand, ſich zu vertheidigen. Die Republikaner werden erfreut ſein, einen Emigranten Ihres Standes hier zu finden. Sie kennen das Geſetz und wiſſen, was Ihnen bevorſteht.

Sei es. Man kann mich erſchießen, aber nicht zwingen, Sie zum Schwiegervater zu nehmen.

Guter Rath kommt über Nacht. Leben Sie wohl und wählen Sie zwiſchen der Kugel und der Ehe.

Mit dieſen Worten entfernte ſich Eleazar.

Ei was, dachte ſich Roland,man ſtirbt nur einmal. Der Gewalt nachgeben, wo ich Sara'ss Bitten widerſtand, hieße mich entehren. Potius mori quam foedari lautet der Wahlſpruch meiner Ahnen.

Mit dieſem Entſchluſſe, der mehr Muth als recht⸗ lichen Sinn und Klugheit verrieth, ſchlief er ruhig ein.

Drei Tage nachher vernahm Roland in ſeinem Gefängniſſe den Schall von Trommeln und Trompeten. Die franzöſiſchen Republikaner rückten in Mainz ein. Die Bewohner, welche längſt von Freiheitsideen bewegt waren, zogen ihnen entgegen und begrüßten ſie als ihre Befreier. Nur Roland theilte dieſe allgemeine Freude nicht, denn er hatte guten Grund zu fürchten, daß ſeine Landsleute mit aller Strenge der republikaniſchen Ge⸗ ſetze verfahren werden. Den Tag nach der Ankunft der Franzoſen fand ſich Cleazar bei ihm im Gefäng⸗ niſſe ein.

Mein Herr, ſagte er,Sie haben nur noch einen Augenblick Bedenkzeit. Wählen Sie zwiſchen der Vermälung mit Sara und dem Tode durch Pulver und Blei.

Roland wandte ihm ohne Antwort den Rücken.

So fahre denn in Dein Verderben! rief der Greis ergrimmt. Wenige Stunden darauf ließ ſich ein Geräuſch von nahenden Schritten und das Geklinke von Waffen auf dem Gange vernehmen. Man machte vor Rolands Thüre Halt. Dieſem fing nun doch das Herz heftig zu ſchlagen an.

Da iſt der Feind, dachte er, und ſeine Unruhe wuchs, als er eine ſtarke Stimme in franzöſiſcher Sprache rufen hörte:Aufgemacht!

Ein Korporal mit vier Mann trat in den Kerker, um den Gefangenen abzuholen.

Dieſe Patrioten machen kurzen Proceß, dachte ſich Roland.Sie erſchießen mich ohne Verhör.

Man führte ihn in das Zimmer des Gefängniß⸗ aufſehers. Der Korporal ſtellte eine Schildwache vor die Thür, und Roland befand ſich allein mit einem republikaniſchen Officier, welcher, den Rücken ihm zu⸗ gewendet, mit den Fingern einen Marſch auf den Fenſter⸗ ſcheiben trommelte. Als die Thür ſich geſchloſſen hatte, kehrte der Officier ſich um und Roland erkannte mit ebenſoviel Freude als Ueberraſchung ſeinen Freund Reynier. Dieſer trat ihm mit offenen Armen entgegen.

Geſtehe, ſagte er,daß Du mich hier nicht er⸗ wartet hätteſt.

Das iſt wahr, ſagte der Emigrant,aber Du kommſt mir gerade gelegen. Ich war der Meinung, meinen letzten Gang zu thun.

Das Geſicht des Republikaners verdunkelte ſich. Du haſt nicht ſo ganz Unrecht, ſagte er,denn Du befindeſt Dich wirklich in offener Gefahr. Unſer General, Cuſtine, bei dem Dich ein Jude denuncirt hat, ver⸗ langt, daß Du vorgeführt werdeſt. Ich habe mir den