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Alfred Aſſolant; Der Jakobiner.
„Roland,“ ſagte Herigny,„ich bitte Dich, reiche mir dort die Feuerzange her.“
„Was willſt Du damit?“
„Um den ungezogenen Schlingel die Treppe hin⸗ unter zu jagen.“
In demſelben Augenblicke ſprang Herigny mit einer ſo heftigen Bewegung auf, daß der gute Kellner erſchrocken aus dem Zimmer ſtürzte. Als er die Thür ſchloß und ſah, daß man ihn nicht mehr verfolge, faßte er wieder Muth und rief:„Auf Wiederſehen, ihr Herren, ich hole die Wache.“
Die beiden Freunde lachten; aber nach einer Viertelſtunde ſtand die Mainzer Polizei in leibhaftiger Geſtalt vor ihrer Thür und forderte die Herren auf, zu zahlen, oder ihnen zu folgen. Jetzt wurde die Sache kritiſch, gar als der kommandirende Feldwebel Befehl gab, die Widerſetzlichen mit Gewalt fortzuführen. Wer weiß, welcher Kampf ſich entſponnen hätte, wenn nicht in dieſem Augenblicke Fräulein von Kransperg erſchienen wäre. Sie ſtürzte ſich auf Roland, der ſchon den Degen gezogen hatte, und ſchloß ihn in die Arme. Sie hatte mit richtigem Blicke ſofort die Ange⸗ legenheit durchſchaut, und um der unangenehmen Scene ein Ende zu machen, wandte ſie ſich mit der Majeſtät einer Königin an den Kellner und ſagte:„Herr Baron Kransperg, mein Vater, bürgt für die Schulden dieſer Herren. Geben Sie mir die Rechnung.“
Bei dieſem Namen verbeugte der Kellner ſi tief und bat um Entſchuldigung für ſein rauhes Vor⸗ gehen.
„Schon gut,“ ſagte Sara, ihm den Rücken zu⸗ kehrend.„Was Euch betrifft, Feldwebel, ſo habt Ihr hier nichts mehr zu ſchaffen. Hier ſind fünf Gulden für Euch und Eure Leute.“
Die Wache zog ab; Herigny folgte ihr, um rückſichtsvoll die Liebenden allein zu laſſen.
Roland, dem Sara wie ein Engel vom Him⸗ mel zur Stunde der Noth erſchienen war, überbot ſich an Liebenswürdigkeit. Dieſe Stunde des Wiederſehens hatte das Feuer der erſten Liebeszeit.
Als ſich in der Stadt die Kunde verbreitete, daß Baron Kransperg die Schulden der beiden Emi⸗ granten zahle, kamen die Gläubiger von allen Seiten, um ihr Geld zu verlangen. Der alte Eleazar befrie⸗ digte ſie alle, und Roland, der auf die Bitten Saras ihn beſuchte, hatte nur die Wechſel dafür zu unterzeichnen. Roland in ſeinem Vertrauen ahnte keine Schlinge und unterſchrieb ohne zu leſen. Gleich das erſte Blatt hob Eleazar ſorgfältig auf und verſchloß es in ſeinen Schreibtiſch.
„Nun, mein Herr Marquis, ſagte der Alte mit liebenswürdigem Lächeln,„bedienen Sie ſich meines Hauſes, als wäre es das Ihre. Meine Tochter wird er⸗ freut ſein, Ihnen die gaſtliche Aufnahme zu gewähren.“
Der Marquis machte große Augen und ahnte nicht, daß er bereits gefangen ſei.„
Als der Baron von Kransperg wenige Tage darauf die Gefälligkeit hatte, nach Wien zu reiſen, gingen
für den Marquis die glücklichſten Zeiten an. Er genoß
Liebe und Leben, ohne daß es ihm in den Sinn kam, über die Zukunft ſich eine Sorge zu machen. Sara war die Hingebung ſelbſt und Roland kein ſchüchterner Liebhaber. Da traf es ſich, daß Eleazar, welcher un⸗ vermuthet von ſeiner Reiſe zurückgekehrt war, in früheſter Morgenſtunde den Marquis traf, da dieſer eben aus Saras Zimmer ſchlich. Der Alte faßte ihn ſofort bei der Hand und ſagte mit zitternder Stimme:„Herr Marquis, Sie haben die Ehre meines Hauſes gekränkt; was denken Sie zu thun?“
Roland, der auf die heftigſten Vorwürfe gefaßt war, wurde von der düſtern aber ruhigen Haltung des Greiſes ganz verwirrt.„Herr Baron,“ ſagte er, ohne nach Entſchuldigungen zu ſuchen,„ich glaube, daß es vor allem nöthig iſt, das tiefſte Stillſchweigen zu be⸗ wahren. Von meiner Seite, das ſchwöre ich Ihnen, können Sie auf die größte Diskretion rechnen.“
„Lieben Sie Sara?“ fragte Eleazar mit vor Zorn erſtickter Stimme.
„Ich werde ſie mein Leben lang lieben,“ rief Ro⸗ land feurig.
„Wohlan, ſo heiraten Sie ſie. Freilich ſind Sie der Schwiegerſohn nicht, wie ich mir ihn dachte, aber das Uebel iſt einmal geſchehen und es bleibt kein anderer Weg übrig.“
„Bei dieſem Antrage blieb Roland wie verſteint ſtehen, die Zunge verſagte ihm den Dienſt.
„Beruhigen Sie ſich,“ fuhr Eleazar fort,„meine Tochter iſt nicht ohne Mitgift. Sie hat von ihrer Mutter drei Millionen geerbt.“
„Das iſt ein ſchönes Geld,“ ſagte der Marquis, der an etwas ganz anderes dachte.
„Nicht wahr, mein Herr,“ ſagte Eleazar mit vor Zorn und Verachtung funkelnden Augen.„Drei Millionen dafür, daß Sie die Güte hatten, mein Haus zu entehren!“
„Herr Baron,“ erwiederte Roland,„der Schmerz gibt Ihnen unpaſſende Worte ein. Was liegt mir an Ihren drei Millionen! Ich liebe Sara leidenſchaftlich, leider aber verſpüre ich keinen Beruf zur Ehe. Es fällt mir ſchwer, Ihnen eine Sache abzuſchlagen, die für den erſten Augenblick ſo natürlich ſcheint, aber...“
„Arme Saral'“ ſchrie der Greis unter Thränen. Das Schluchzen des Alten rührte tief Rolands Herz. „Wenn ich noch fünf Minuten dableibe,“ dachte er, laſſe ich mich erweichen und heirate Sava. Dann kann ich mein ganzes Leben hindurch meine Gutmüthigkeit bereuen.“
„War das Ihr letztes Wort?“ fragte der Baron.
„Mein lieber alter Herr,“ antwortete Roland ernſt,„ich finde Ihren Schmerz begreiflich, aber es thut mir leid, daß ich nicht helfen kann. Ich bin daheim mit meiner Couſine verlobt. Ich habe das Wort gegeben, ſie zu heiraten, und ein Edelmann meines Stammes hat noch nie das Wort gebrochen.“— Mit dieſen Worten griff er nach dem Hute, um ſich zu entfernen.
„Den Fluch über Dich, Verräther!“ ſchrie ihm Eleazar nach.„Der Himmel wird meine Bitte er⸗ hören, und meine Rache übernehmen.“


