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Alfred Aſſolant: Der Jakobiner. 3
„Kannſt Du daran zweifeln, meine Süße! Ich liebe Dich zum Raſendwerden. Meine Liebe iſt ſo un⸗ endlich wie der Himmel, tief wie der Ocean, und heiß wie der Veſuv. Was willſt Du noch mehr?“
„Wenn Du mich liebſt, ſo heirate mich.“
„Was wändelt Dich an?“ ſagte Roland erſtaunt. „Das war nicht verabredet, liebe Sara.“
„Was liegt daran? Ich will es ſo.“
„Laß es gut ſein, mein Kind, und nimm Vernunft an. Der Ausmarſch des Heeres iſt auf den 30. Juli feſt⸗ geſetzt. Wir haben alſo nur noch zwei Tage für uns; willſt Du, daß wir ſie uns mit Gezänke verderben? Bedenke auch, daß wir vielleicht von den Haufen der Ja⸗ kobiner, die in ihrer Verzweiflung ihre Stärke finden, zurückgeſchlagen werden und daß dann alle meine Güter für immer verloren ſind?“
„Ich bin reich,“ ſagte Sara.
„Ich erwartete dieſe Antwort. Aber höre mich weiter. Mein Leben iſt ſo wenig ſicher, wie mein Ver⸗ mögen. Einmal auf franzöſiſchem Boden mag ich nicht mehr in's Exil zurückkehren, Du weißt, was mir dort als Emigranten bevorſteht. Willſt Du in einem Monate das Trauerkleid der Witwe tragen? Das Schwarz ſteht zu Deinen ſchönen blauen Augen nicht gut. Wenn Du aber um jeden Preis heiraten willſt, ſo nimm Dir den Eaglethorpe. Er befindet ſich jetzt auf dem Wege der Beſſerung und wird einen ganz anſtändigen Ehe⸗ mann abgeben. Mit ihm läufſt Du keine Gefahr. An ſeiner Seite wird Dein Leben ſanft dahin fließen, wie ein Bach in der Ebene. Du wirſt eine engliſche Lady ſein und kleine Caglethorpes haben, die ſo ſchön ſind wie ihre Mutter und ſo ſchlecht erzogen wie ihr Vater.“
Dieſe Worte, welche der Marquis leicht und ruhig hinwarf, ließen Sara in lautes Schluchzen ausbrechen. Sie maß jetzt die Tiefe des Abgrundes, in den ſie ge⸗ rathen war. Die kalte Glätte Rolands beleidigte ſie in innerſter Seele.
„O, ich Unglückſelige!“ ſchrie ſie und wurde ohn⸗ mächtig.
Roland war ſehr erſtaunt darüber.„Da begreife einer das Herz der Weiber!“ ſagte er ſich.„Die Deutſchen ſind offenbar andere Naturen, als die Pariſerinnen. Ich muß mir das notiren. Dieſe Bemerkung wird mir daheim einen Anſtrich philoſophiſcher Tiefe geben. Ja, Reiſen bilden die Jugend.“
Während er ſolche Reflexionen machte, war er be⸗ müht, Sara wieder in's Leben zu rufen. Als ſie die Augen aufſchlug, wollte er ſie mit einem Strome von Schmeichelworten wieder beruhigen; aber Sara hörte ihn kaum.
„Liebes Kind,“ ſagte er,„ich verſtehe Dich nicht mehr, Du biſt ganz anders geworden. Es muß mich Jemand bei Dir angeſchwärzt haben.“
3„Undankbarer!“ rief Sara,„haſt Du mir nicht vor vierzehn Tagen ewige Liebe geſchworen?“
„Ich erinnere mich,“ ſagte Roland.„SIch liebe
Dich auch jetzt noch mehr als Alles, aber immer noch
mehr liebe ich meine Freiheit!“
Mit dieſen Worten war er, ohne eine Antwort zu erwarten, davongeeilt. Sara ſah ihm ſprachlos nach.
Zwei Tage nachher zog Roland, den der Prinz von Condé zum Lieutenant einer Kompagnie von Emigranten ernannt hatte, mit der preußiſchen Armee von dannen.
Wie unglücklich der Feldzug in der Champagne für die Preußen und Emigranten ausfiel, iſt bekannt. Drei Wochen ungefähr nach dem Auszuge der Freiwilligen von Dives erhielt Louiſe von Reynier einen Brief, welcher alſo begann:
Valmy 21. September. „Theure Louiſel
Gott iſt mit uns! Die Preußen bereiteten heute einen Angriff, wir aber trieben ſie mit Kanonen in ihr Lager zurück. Ehe ein Monat vergeht, ſind ſie aus den Grenzen Frankreichs gedrängt. Schon ſpricht man davon, Deutſchland zu revolutioniren und Belgien zu beſetzen. Das wäre das Werk eines Vierteljahres. Dann wird man Frieden ſchließen und ich werde kommen, um bei Ihrem Vater um Ihre Hand anzuhalten.“
Nach dieſem kurzen Eingange betheuerte Reynier ſeine Liebe in ſo warmen und zärtlichen Ausdrücken, daß das härteſte Herz davon wäre ergriffen geweſen. Das junge Mädchen ſchloß ſich in dem Thurme ab, um ungeſtört weinen zu können, weinen vor Freude und Glück, denn weinen macht Frauen ein Vergnügen.
Auch Sara von Kransperg weinte, aber es waren Thränen des Schmerzes, denn ſie konnte ſich noch immer nicht über Rolands Abreiſe tröſten. Melan⸗ choliſch lehnte ſie vor einem prächtigen venetianiſchen Spiegel, und fand trotz ihres tiefen Schmerzes, daß ſie auch im Kummer ſchön ſei.
Da trat Frau Pfeiffel bei ihrer Freundin ein.
„Meine gute Sara, umarme mich,“ rief ſie aus. „Ich bringe Freude und Glück. Der Treuloſe iſt zurück⸗ gekehrt.“
„Welcher?“
„Roland doch, wie ich meine. Oder haſt Du deren mehrere?“ 4
„Meine Gute, jetzt iſt es nicht Zeit zu lachen. Sage mir, wo er iſt.“
„In Mainz. Man hat ihn dorthin geſchafft, nach⸗ dem man ihn früher in Stücke gehauen.“
„O, mein Gott!“
„Beruhige Dich, die Stücke ſind noch gut. He⸗ rigny ſchreibt mir, daß ſie bereits auf Paris los mar⸗ ſchirten, daß ſie nicht mehr weit von Mortmartre waren, daß ſie zwei⸗ oder dreihunderttauſend Jakobiner vor ſich herjagten, und daß ſie ſchon im Begriffe ſtanden, Paris einzunehmen, als auf einmal der Herzog von Braun⸗ ſchweig zum Rückzuge blaſen ließ. Roland und He⸗ rigny haben ſich durch Tapferkeit ausgezeichnet. Ro⸗ land hat einen Bombenſplitter im Schenkel, Herigny. einen Bajonnetſtich im Arme. Die Preußen haben Beide nach Mainz transportirt und dort ſchmachten nun die Armen hilflos und ohne einen Pfennig Geld in der Taſche.“
Sara zog die Glocke. Die Kammerfrau erſchien,
„
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