Heft 
(1858) 12 12
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Verlegenheit war auf dem Gipfel eines Chim⸗ boraſſo, ich wußte nicht mehr, was ich ſprach, meine Zunge ſtammelte:Tſchau!

Verhängnißvolles Wort! ich hatte es nie ausgeſprochen, als blos im Spotte, es hatte ſich gerächt.

Der gute alte Herr lächelte und trat in's Zimmer zurück, ich aber ſtürzte und ſtolperte zur Thüre hinaus und mehr todt als lebendig die Treppe hinunter.

Weiß Gott, wie ſich die Geſchichte verbrei⸗ tet hatte, aber lange noch mußte ich Witze und Neckereien von meinen Kameraden darüber leiden. In meinem Innern aber klang jenes Tſchaul lange lange nach, und mir wurde es nach und nach ſo werth, daß ich jetzt

ſelbſt keinen liebern Gruß mehr habe. Und ſo

nehme ich denn auch von Dir, werther Leſer, Abſchied, mit einem herzlich grüßenden: Tſchaul⸗

Brachvogel.

Albert Emil Brachvogel, deſſen Bild wir in dieſer Nummer bringen, wurde 1824 zu Breslau geboren. Sein Vater war ein allgemein geachteter, wohlhabender Kauf⸗ mann; ſeine Mutter eine ſtets nervöſe, mit dauernder Melancholie behaftete Frau.

Der Vater ſtarb, als der Knabe ſieben Jahre zählte. So wuchs das Kind heran, ohne Pflege bei denen finden zu können, welche von der Natur dazu berufen ſind. Während der Körper ſich fortwährend gegen das vernichtende Schlingkraut von Krankheiten wehrte, wucherte der Geiſt des Kindes empor ohne Leitung und ohne feſte Richtung. Der dem Leben entgegen⸗ reifende Knabe kannte das Leben nur von den trügeriſchen Glanzſeiten der Komödie und der Kouliſſen, und ſein träumeriſches Gemüth ſah in der Bühne allein den Tempel des Glücks. Je mitleidloſer das trockne Leben an ihn heran⸗ trat, um ſo glühender ſehnte er ſich darnach, ihm durch Ausführung ſeines romantiſchen Hanges zur Schauſpielerei zu entfliehen. Die⸗ ſem heimlich genährten Wunſche wurde indeſ⸗ ſen bald von Seiten der Familie ein harter Schlag verſetzt.

Der junge Mann hatte die Realſchule ſei⸗ ner Vaterſtadt Breslau durchlaufen und wurde zum Theologen beſtimmt. Der Unglückliche war entſetzt. Ein Theologe, der im Geheimen Ko⸗ mödiant werden wollte! Brachvogel fing an, ſeiner Oppoſition die Philoſophie beizuge⸗ ſellen und ſchwur, daß er Theologie nicht aus⸗ ſtehen könne.

Neue Zuſammenkunft des Familienraths, der ihm nun feierlich ankündigt, daß aus ihm ſchlechterdings Etwas gemacht werden, und er

deßhalb die Graveurkunſt erlernen müſſe. Brachvogel ſenkte den Kopf und wurde Graveur.

Aber nach dem bald erfolgten Tode der Mutter warf er den Griffel bei Seite und be⸗ ſchloß, den lange gehegten Hange, Schau⸗ ſpieler zu werden, zu folgen. Sein erſtes Auf⸗ treten war vom beſten Unglück gekrönt und zertrümmerte heilſamer Weiſe die Idee, daß er auf den Brettern und im Theaterkoſtüme ſein Glück finden werde. Die Vorliebe für die Bühne bewirkte jedoch, daß er ihr ſeine Muſe zu wid⸗ men beſchloß.

Im Jahre 1849 betrat Brachvogel die preußiſche Reſidenz. Schon im Jahre 1850 führte die Friedrich⸗Wilhelmſtädtiſche Bühne ſein erſtes DramaJean Favard, oder moderne Liebe auf. Damit traf den jungen Mann der zweite Schlag; das Stück, in viel⸗ fachen Einzelnheiten vortrefflich, ging doch an ſeiner ſentenziöſen Einſeitigkeit zu Grunde.

Ein weniger kräftiges Talent würde nach dieſer zweiten Niederlage verzagt, einer Lauf⸗ bahn entſagt haben, die von jeher mehr Mär⸗ tyrer denn Glückliche erzeugte.

Brachvogel zog ſich mit den Trümmern ſeiner Hoffnungen in die Einſamkeit eines ſchle⸗ ſiſchen Dorfes zurück, um dort die Werke zu ſchmieden, mit denen er die Thore der Zukunft einrennen wollte. Aber je gewaltiger er ſeine Dramen zu ſchaffen ſuchte, um ſo mehr litten ſie an jener Krankheit, die in der Seele der Dichter leicht durch die Haltloſigkeit im Leben, durch die vergällte Stimmung und die Bitter⸗ keit gegen die Geſellſchaft, die achſelzuckend an ihnen vorübergeht, ſich bildet. Die Dramen: Aham, der Arzt von Granada,der Sohn des Wucherers und das LuſtſpielAli und Sirrah, welche Brachvogel in ſeiner Ein⸗ ſamkeit ſchrieb, trugen alle dieſen Stempel der modernen Dichterkrankheit, und gingen unbe⸗ achtet vorüber.

Brachvogel hatte ſich trotz der traurig⸗ ſten Ausſichten, und dem Hange ſeiner roman⸗ tiſchen Lebensanſchauung folgend, inzwiſchen verheiratet. Niedergedrückt und unbeachtet, muthlos und arm kam er 1854 von neuem nach Berlin; er ſchien keine Ausſichten zu ha⸗ ben; die Sorge, welche bisher ſeine dichteri⸗ ſchen Träume wenig geſtört hatte, nagte jetzt in ſeiner Bruſt; er entnüchterte ſich vollſtändig und wurde erſt Sekretär des Kroll'ſchen Thea⸗ ters, dann im telegraphiſchen Korreſpondenz⸗ Bureau von Wolff.

Drei Monate ſpäter feierte man ihn als den talentvollen Dichter desNarciß. Ganz Berlin ſuchte den jungen Dichter aufzu⸗ muntern und für die Trübſal der Vergangen⸗ heit zu belohnen.

Das Stück ging mit außerordentlichem Beifall über die vorzüglichſten deutſchen Bühnen und wurde mehrfach überſetzt.

Seine neueren Werke:Friedemann Bach, Adalbert von Babenberg,Mondecaus grif⸗ fen nicht ſo entſchieden durch.

Die älteſte Anſicht von Karlsbad.

Wir bringen unſern Leſern die älteſte An⸗ ſicht jenes weltbekannten Kurortes, welcher heuer ſein fünfhundertjähriges Jubiläum feierte, und ſkizziren im Nachſtehenden, Sieg⸗ fried Kapper folgend, mit wenigen Zügen die Geſchichte Karlsbads.

Das Terrain, welches Karlsbad einnimmt, iſt unſtreitig eines der ungünſtigſten für die Anlage einer Stadt eine tiefe, enge, in der Form eines verkehrten römiſchen S von Süden gegen Norden gewundene und nach dieſer letz⸗ tern Weltgegend hin ſich öffnende Schlucht. Steile Höhen umſchließen dieſe zu beiden Sei⸗ ten. Durch die tiefſte Furche dieſer Schlucht nimmt die Tepl ihren Lauf, um bald darauf in den Egerfluß zu münden.

In der Tiefe unten, im Kerne der Stadt, bezeichnen weiße Dampfwolken die Stätte, un⸗ ter welcher der Sprudel, das ſeit Ewigkeiten mächtig pulſirende Herz Karlsbads, ſeine bro⸗ delnden Schäume emporſchnellt. An dieſen knüpft ſich die intereſſante Bildungsgeſchichte des Terrains.

Wann zuerſt dieſe merkwürdige Schlucht ein menſchlicher Fuß betreten, iſt die Geſchichte zu ermitteln nicht mehr im Stande. Die Sage nur reicht ſo weit zurück. Sie erzählt von einer Jagd Kaiſer Karls IV., deren Eifer den küh⸗ nen Jäger in dieſe Felseinſamkeit verlockt und ihn ſo den ſeltſamen heißen Quell entdecken ließ. Sichergeſtellt iſt, daß die erſten Anſiedler aus dem Dorfe Thiergarten herangekommen, ſowie daß allmälig die ganze Bevölkerung die⸗ ſes Dorfes ihrem Beiſpiele gefolgt. Daß hierzu die an dem Quell entdeckte Eigenthümlichkeit und wahrgenommene Heilkräftigkeit den näch⸗ ſten Anlaß gegeben, dürfte kaum bezweifelt werden.

Zu dem Zeitpunkte, wie geſagt, wann dieſe zuerſt begann, reichen bis jetzt die Daten der Geſchichte nicht zurück. Gewiß iſt nur, daß der ſo entſtandene Ort zu Ende des zwölften Jahr⸗ hunderts kein ganz unbedeutender, unbekannter mehr geweſen ſein kann. Dobner bereits hält ihn für wichtig und bemerkenswerth genug, um ihn auf ſeiner Karte von Böhmen aus dem Anfange des dreizehnten Jahrhunderts zu ver⸗ zeichnen. Dievary heiße Waſſer die ſich auf dieſer finden, entſprechen ihrer Lage nach ganz unzweideutig dem ſpätern Karlsbad. König Johann ſchon belehnt ihn mit dem Dorfe Thiergarten(1325). In einem Gedenkbuche des Ordens der Kreuzherren mit dem rothen Stern findet er ſich im Jahre 1355 mit unter den Pfründen dieſes Ordens aufgeführt. Karl IV., von ſeinem Zuge nach Italien heimge⸗ kehrt, weilte hier wiederholt, gab dem Orte ſeinen Namen, erbaute ſich da ein Schloß (1364) daher noch heute die Bezeichnung des Schloßbergs, und erhob den Ort unter die Zahl der freien Städte Böhmens, eine Aus⸗ zeichnung, die dieſen umſichtigen und für Böh⸗