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vor Allem vor Oeſterreichs großem Helden, vor dem Eroberer von ganz Italien zu erſchei⸗ nen, vor dem Manne, der ſich von allen Sei⸗ ten gehuldigt ſah, dem jeder Moment einen großen Gedanken brachte,— dieſem Manne einen ſolchen Moment zu entziehen— ihm zu nahen„in meiner Lieutenantscharge durchboh⸗ rendem Gefühle“, das war für mich ein großer Augenblick,— unruhig zitterte jeder Nerv in mir, ahnungsvolle Schauer durchfieberten mei⸗ nen Körper und mein Herz ſchwoll gewaltig. — Ich trat in's Vorzimmer, wo mir Adjutant Hauptmann Graf T. freundlich entgegenkam, das arme Bürſchchen, mit deſſen Befangenheit er wohl Mitleiden haben mochte, aufmunterte, und mich dem Marſchall zu melden ging.
Ohne erſt antichambriren zu müſſen, wurde ich ſogleich vorgelaſſen. Ich weiß mich nur auf ein tiefes— tiefes Kompliment zu erinnern, das ich dem kleinen, freundlich nickenden alten Herrn machte,— ich muß dann wohl meine eingelernte und oft genug wiederholte Vorſtel⸗ lungsformel geſprochen und den Empfehlungs⸗ brief überreicht haben, denn ich kam erſt zu mir, als mir der Marſchall, nachdem er den Brief geleſen, einige Fragen ſtellte, die ich weiß Gott wie beantwortet haben mag, und als er mich mit einem freundlichen„Auf Wie⸗ derſehen!“ entlaſſen hatte.
Auf der Stiege noch holte mich Haupt⸗ mann Graf T. ein und theilte mir mit, daß ich zum Speiſen geladen ſei, und um zwei Uhr pünktlich in Attilaparade zu erſcheinen habe.
Die ganze Vorſtellung hatte nur einige Augenblicke gedauert, aber der Eindruck hatte mich ſo überwältigt, daß ich mir ſeine Einzeln⸗ heiten nie recht ordnen konnte.
Als ich nach Hauſe gekommen war, ſuchte ich mich meiner Anhängſel, meiner engen Bein⸗ kleider und ungariſchen Chauſſure zu entledi⸗ gen und verlangte zu dieſem Behufe einen Stiefelknecht. Im ganzen Hauſe war kein höl⸗ zerner aufzutreiben, ich mußte mich alſo ſchon mit einem lebendigen begnügen, der aber ſeine Verrichtung auf eine höchſt ſonderbare Weiſe in's Werk ſetzte. Ich mußte mich ſetzen. Er drehte ſich mit dem Rücken gegen mich; nun mußte ich das eine Bein ausſtrecken, ſo daß er es zwiſchen ſeine Beine nehmen konnte, und mit dem andern Beine mußte ich den Scheitel des Winkels, den ſein rechteckig abgebogener Körper machte, von mir ſtoßen. Der Winkel wich, mit ihm der Cſizma, wiewol erſt nach langer Zeit, da ich vor Lachen über dieſen Ve⸗ roneſer Stiefelknecht alle forttreibende Kraft zum verhängnißvollen Stoß aus meinem ge⸗ bogenen Beine ſchwinden fühlte.
Zu ſpät kommen— das wäre entſetzlich geweſen; zu früh kommen— das wollte ich denn doch auch nicht, ich fürchtete, mich unter den vielen mir unbekannten Herren allzu unbe⸗ haglich zu fühlen. Um alſo recht pünktlich zu kommen, ſetzte ich mich an's Fenſter, der gro⸗ ßen Thurmuhr gerade gegenüber, denn meiner Erinnerungen. 1858.
im kalten Norden zum letzten Male gerichteten Uhr wollte ich doch nicht recht trauen.
Im Sinnen und Denken war es ziemlich halb Zwei geworden. Ich nahm meinen Säbel um, ſetzte meinen Czako auf und wanderte denſelben Weg, den ich Vormittags gefah⸗ ren war.
Schon im Vorſaal wurde mir die entſetz⸗ liche Kunde zu Theil, daß das Diner bereits begonnen habe.
„O Thurmuhr, warum haſt Du mir das gethan?!“ rief's in mir verzweifelnd. Ich wollte mich krank melden laſſen, ich wollte wie⸗ der fortgehen.
Aber Karl, der Kammerdiener des Mar⸗ ſchalls, hatte Erbarmen mit mir, belehrte mich, daß ich ohne Gruß nur ganz gerade auf meinen Platz, den er mir wies, zugehen und mich niederſetzen ſolle, als wenn das ſo ganz in der Ordnung wäre.
Ich befolgte ſeinen Rath, ging ſchnurſtraks und krebsroth auf den einzigen noch leexen Stuhl der Tafel los, legte Schwert und Sturmhaube auf eine in der Nähe befindliche gepolſterte Bank ab, ſetzte mich an meinen Platz, vertiefte mein glühendes Geſicht in Löffel und Suppenteller, und war ſo glücklich ohne allzuviel Aufſehen eingeſchmuggelt.
Als ich etwas zu mir gekommen war, wagte ich meine Blicke in der nächſten Nach⸗ barſchaft ſchweifen zu laſſen.
Links von mir ſaß ein blutjunger Lieute⸗ nant, von dem ich ſpäter erfuhr, daß er K. heiße, beim Huſarenregimente diene, das in Verona liege; auch neugebacken und auch zu ſpät zur Tafel erſchienen ſei. Eine innige Sym⸗ pathie verband mich dieſem neuen Bekannten, mit dem ich ſo wichtige Berührungspunkte hatte, und unſere junge Freundſchaft wurde mit manchem Glas nostrano befeſtigt.
Zu meiner Rechten ſaß Oberlieutenant F. vom Generalquartiermeiſterſtabe, wie er ſich mir gleich vorſtellte und ſein kameradſchaft⸗ liches freundliches Weſen, ſeine heitern Scherze trugen viel dazu bei, mir von meiner Befan⸗ genheit zu helfen.
Wäre ich einer von den pünktlichen Men⸗ ſchen, die gewiſſenhaft alles Wichtige in ihr Tagebuch eintragen, ſo könnte ich jetzt der rührigen Hausfrau oder dem werthen an Ta⸗ felfreuden Antheil nehmenden Leſer erzählen, ob Mayonnaise oder Salmi zum Entrée, ob die Mehlſpeiſe vor oder nach dem Braten war,— da ich mich darin aber ganz auf mein Ge⸗ dächtniß verlaſſen muß und dieſes mich in der Beziehung völlig im Stiche läßt, ſo muß ſich der gaſtronomiſche Leſer ſchon zufrieden geben, daß ich ihm ſage, wie noch einige Gläſer Champagner der Freundſchaft rechts auf die Gläſer nostrano der Freundſchaft links geſetzt wurden,— daß ich mir ein ſehr ſchönes giar⸗- dinetto auf mein Teller gelegt hatte, von dem ich aber nur eine einzige zaccarella ver⸗
zehren konnte,— und dem ungenoſſenen Kaffee
einen ſchmerzlichen Abſchiedsblick zuwerfen
mußte, denn ſchon wurden die Stühle ge⸗ rückt, und wir begaben uns in den anſtoßenden Salon.
Merkwürdig iſt, daß ich, ſo oft ich auch ſpäter noch beim alten Herrn ſpeiſte, doch nie dazu gekommen bin, mein giardinetto zu eſſen, oder meine Taſſe Kaffee zu trinken.
Der genoſſene Wein glühte in mir, ich war guter Dinge, aber die Füße waren etwas widerſpenſtig geworden. Ich erſah zwei zärtlich gepaarte Lehnſtühle, in deren einem ſich F. nie⸗ dergelaſſen hatte, und mich zur Beſitznahme des andern aufforderte. Glücklich darüber ein ſo herrliches Plätzchen gefunden zu haben, wo ich mein verzehrtes Diner behaglich verdauen konnte, vergaß ich ganz mein grenzenloſes Un⸗ glück mit allen Arten von Stühlen— dem zu Liebe ich mich ſchon längſt entſchloſſen hatte, eine„Seſſeliade“ zu ſchreiben— und ſtürzte mich lachend in die gemüthlich winkenden Ar⸗ me des Fauteuils. Aber, o Jammer! das Lachen verging mir bald, denn ein entſetzliches Krachen, der Wehlaut meines Beſeſſenen, ver⸗ kündete mir und allen Gegenwärtigen mit, daß wieder ein armes, menſchentragendes Mö⸗ bel in ſeinen letzten Zügen ſei.
Alle Blicke waren auf mich gerichtet, meh⸗ rere jugendliche Geſichter, vor Allem, mein Nachbar, verbiſſen ein gewaltſam hervorbre⸗ chendes Kichern. Ich muß ſehr viel Aehnlich⸗ keit mit einer rothen Rübe gehabt haben, aber nicht um eine Welt hätte ich öffentlich zugeſte⸗ hen mögen, was Newton auf dem Gewiſſen hatte.
Eine ſchreckliche Viertelſtunde verlebte ich auf meinem Opfer. Nur ſcheinbar ſaß ich,— meine ganze Schwere aber ruhte auf meinem linken Arme und durch deſſen Vermittlung auf der Lehne des neben mir befindlichen doppelt tragenden Fauteuils,— während der alte Herr mit einigen ſeiner Gäſte am Kamine plauderte.
Endlich, endlich erhob man ſich, und ſah ſich nach Säbel und Kopfbedeckung um, und der liebe Leſer mag mir glackben, daß ich mich nicht wenig beeilte, in meinem ganzen Krie⸗ gerſchmucke dazuſtehen. Einer nach dem Andern beurlaubte ſich vom Marſchall, der von Allen an der Thüre Abſchied nahm und für Jeden noch ein liebenswürdiges Wort hatte!
Als die Reihe auch an mich kam, ver⸗ beugte ich mich tief und ſah mich ſchon glück⸗ lich im Freien, um meine Wein⸗ und Ver⸗ legenheitshitze zu verdampfen, aber der alte Herr wollte mich, als eines ſeiner neu zuge⸗ wachſenen Kinder, nicht ſo von ſich laſſen.
„Nun, mein lieber Alter,“ ſagte er freund⸗ lich, indem er meine Rechte faßte und mir
ſeine andere Hand auf die Schulter legte— „nun, mein lieber Alter, lebe recht wohl, grüße mir Dein Regiment,— großer Mann, wachſe nur nicht noch weiter,— alſo, lieber Alter, Adieu!— Lebewohl!— Tſchau!“
War mir ſchon früher heiß geweſen, ſo
flammte es jetzt vor meinen Augen, meine 48


