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Strande. Mitternacht des heiligen Oſterfeſtes. Es iſt die Stunde, wo die wahren Chriſten auf den Kopfpolſtern ruhen, zufrieden mit dem, was ihnen Gott gegeben hat, und einſchlafen bei dem lieblichen Geräuſche des Athmens der ſchlafenden Kinder. Aber Peuk Skoarn hat keine kleinen Kinder. Er iſt ein muthiger junger Mann und ſteht allein in der Welt. Er hat die Adeligen der Umgegend in die Meſſe kommen ſehen, und iſt eiferſüchtig auf ihre Pferde, deren Rüſtzeug mit Silberplatten beſchlagen iſt, auf ihre Mäntel von Sammt, ihre ſeidenen Strümpfe mit bunten Zwickeln, welche er auch tragen möchte. Er wünſchte reich zu ſein, wie ſie, um in der Kirche eine mit rothem Leder ausgeſchlagene Bank zu haben und die ſchönen Erbinnen auf den Wall⸗ fahrten vor ſich auf dem Sattel zu haben, ihre Hand auf ſeine Schulter geſtützt, deßhalb geht Peuk auch am Strande Lew⸗Drez am Fuße der Dünen von Saint⸗Efflam auf und ab, während die Chriſten in ihren Häuſern ruhen, von der heiligen Jungfrau geſchützt. Peuk iſt ein Mann, ſehnſüchtig nach hohen Ehrenſtellen und ſchönen Mädchen. Seine Wünſche ſind eben ſo zahlreich als die Neſter der Seeſchwalben an den Klippen. Die Wellen klagen, die Krebſe nagen mit unhör⸗ barem Geräuſche an den Leichen der Ertrunke⸗ nen, der Wind, welcher an den Spalten des Felſens Ellas heult, gleicht dem Pfeifen des Räuberhauptmanns der Bandoe, welche einſt hier ihr Weſen trieb. Aber Skoarn verfolgt immer ſeinen Weg. Er blickt die Höhe an, und wie⸗ derholt in ſeinem Gedächtniſſe, was ihm der alte Bettler des Kreuzes zu YNar geſagt hat. Der alte Bettler weiß, was ſich in der Gegend zugetragen hat, damals als die älteſten Eichen noch Sträu⸗ cher und die älteſten Krähen noch unausgebrütete Eier waren. Der alte Bettler hat ihm von Yar erzählt, daß da, wo ſich die Düne von Saint⸗ Efflam jetzt befindet, ehemals eine mächtige Stadt ſtand; die Flotten derſelben bedeckten die Meere. Sie war von einem Könige beherrſcht, welcher anſtatt eines Scepters eine Haſelnußruthe hatte, womit er Alles nach ſeinem Gefallen verwan⸗ delte. Aber die Stadt und der König wurden ihrer Verbrechen wegen verurtheilt, ſo zwar, daß eines Tages nach dem Willen Gottes der Mee⸗ resſund ſich wie ein Strom ſiedenden Waſſers emporhob und die Stadt verſchlang. Jedes Jahr jedoch, in der Oſternacht, beim erſten Schlage der Mitternacht, öffnet ſich im Berge ein Gang, durch welchen man bis in den Palaſt des Kö⸗ nigs gelangen kann. In dem letzten Saale die⸗ ſes Palaſtes iſt die Haſelnußruthe aufgeſtellt, welche alle Macht gibt; aber um bis zu ihr zu gelangen, muß man ſich beeilen, denn ſobald der letzte Schlag der Mitternachtsſtunde ertönt, ver⸗ ſchließt ſich der Gang und öffnet ſich erſt an nächſten Oſtern wieder. Skoarn hat dieſe Er⸗ zählung des Bettlers gut im Gedächtniſſe behal⸗ ten, und deßhalb wandelt er auch ſo ſpät am Strande von Lew⸗Drez.
Endlich ertönte ein durchdringender Schlag auf dem Kirchthurme von Saint⸗Michel. Skoarn erbebte. Er blickt um ſich, und ſieht bei der Helle des Sternenlichtes, wie ſich der Granitfel⸗ ſen, welcher die Spitze des Berges bildete, lang⸗ ſam wie der Rachen eines erwachenden Drachen öffnet. Er umfaßt krampfhaft den mit Leder umwundenen Griff ſeines Degens und ſtürzt in den Gang, der zuerſt dunkel, aber dann durch ein Licht erhellt wurde, denen gleich, welche in der Nacht auf den Kirchhöfen zu ſehen ſind. Er kommt in einem ungeheuren Palaſte an, deſſen Steine wie die der Kirchen von Folgoat, oder von der zu Quimper an der Odel ausgemeißelt wa⸗ ren. Der erſte Saal, in den er eintrat, war voll Truhen, worin ſo viel Silber aufgehäuft war, als Getreidekörner auf den Schüttböden nach der Ernte, aber Peuk Skoarn will mehr als Silber, und er geht weiter. In dieſem Au⸗
genblick ertönt der ſechſte Schlag der Mitter⸗ nachtsſtunde. Er fand einen zweiten Saal, wo die Schränke mehr Gold enthielten, als der Juni Roſen. Peuk Skoarn liebt das Gold, allein er will noch mehr und geht weiter. Der ſiebente Schlag ertönt. Der dritte Saal iſt mit Körb⸗ chen gefüllt, in denen die Perlen umherrollen, wie die Milch in den irdenen Näpfen von Cor⸗ nouailles in den erſten Tagen des Frühlings. Skoarn hütte gerne einige für die ſchönen Mädchen von Pleſtin mitnehmen wollen, allein er ſetzte ſeinen Weg fort, da er den achten Schlag hörte. Der vierte Saal war ganz durch Dia⸗ manten erhellt, welche in kleinen Koffern lagen, und mehr Flammen auswarfen, als die Johan⸗ nisfeuer der Küſte entlang am Johannistage. Skoarn war ganz verblüfft, er bleibt einen Augenblick ſtehen, läuft aber, da er den neunten Schlag hört, ſchnell in den letzten Saal. Aber da bleibt er plötzlich vor Verwunderung gebannt ſtehen. Vor dem Haſelnußzweige, den er im Hintergrunde aufgehängt ſah, waren hundert ſchöne junge Mädchen aufgeſtellt. Jedes von ihnen hielt mit einer Hand eine Eichenkrone und mit der andern einen Becher glühenden Weines. Skoarn, welcher dem Silber, Golde, den Per⸗ len und Diamanten widerſtand, konnte dem An⸗ blick dieſer ſchönen Geſtalten nicht widerſtehen. Der zehnte Schlag ertönt, er hört nicht, der eilfte tönt, und er bleibt unbeweglich; endlich klingt kläglich der zwölfte Glockenton wieder, aber ſo traurig, wie der letzte Kanonenſchuß eines in der Brandung berſtenden Schiffes. Skoarn will voll Schreck zurückeilen, aber es iſt zu ſpät, alle Thüren ſind geſchloſſen, die hundert jungen ſchönen Mädchen haben hundert Granitſtatuen Platz gemacht, und Alles um ihn iſt Nacht geworden.
So haben die Väter ihren Söhnen die Ge⸗ ſchichte von Skoarn erzählt.
Aus der guten alten Zeit.
Ein Breslauiſcher Bürger, Namens Johann Rintfleiſch, machte um das Jahr 1478 eine Reiſe nach Polen. In der Stadt Plocz wurde ihm eine beträchtliche Summe Geldes im Wirthshauſe ge⸗ ſtohlen, aber er war ſo glücklich den Dieh aus⸗ findig zu machen, und brachte ihn vor Gericht. Der Rath zu Plocz ſprach hierauf folgendes, bei⸗ nahe unglaubliches Urtheil:
„Es iſt gewiß, daß, wenn Jemand den An⸗ dern eines Diebſtahls oder ſonſt eines Todesver⸗ brechens wegen gerichtlich belangt, und der An⸗ geklagte zum Tode verurtheilt wird, in Erman⸗ gelung eines Henkers der Kläger ſelbſt die Exe⸗ kution vollziehen muß, wenn er nicht Gefahr ſei⸗ nes eigenen Lebens laufen und der Strafe der Wiedervergeltung ſich ausſetzen will.“
Dem zufolge ward dem ehrlichen Johann Rintfleiſch aufgegeben, den Dieb ſelbſt zu hängen, weil kein Scharfrichter am Orte ſei. Umſonſt verſuchte der Arme durch die Zurücknahme des ganzen Prozeſſes, durch den Verluſt der ganzen Summe und durch das Verſprechen, dieſelbe dop⸗ pelt zu entrichten, der gefährlichen Aufgabe zu eutgehen, man bedeutete ihm, daß er ſich entweder von dem Diebe, der ſich ganz bereitwillig dazu fand, hängen laſſen oder ihn ſelbſt hängen müſſe. Es blieb ihm keine Wahl, und er verrichtete die That; aber kaum war er nach Breslau zurückge⸗ kehrt, als ihn der Kummer über eine Handlung, die ihn unſchuldig mit Schimpf und Schande belaſtete und von der Geſellſchaft der Menſchen ausſchloß, tödtete. Damit war nun die Sache aber lange nicht abgemacht.
Einer der Söhne des Unglücklichen, Chriſtian Rintfleiſch, war Beiſitzer des Manngerichtes auf
dem königlichen Hofe zu Breslau. Seine Kollegen dehnten die Schande ſeines Vaters auch auf ihn aus, erklärten ihn für unehrlich und unfähig, ſein Amt länger zu verwalten.
Chriſtian beſchwerte ſich beim König und es kamen mehrere Befehle zu ſeinem Vortheil. Sie halfen alle nichts; und er wirkte ſich endlich 1507 einen königlichen Sentenzbrief aus, wo⸗ rin er für einen ehrlichen Menſchen und rechtli⸗ chen Beiſitzer erklärt, die That ſeines Vaters als ein Werk der Nothwendigkeit gerechtfertigt und den Breslauern aufs ſtrengſte unterſagt war, ihn ferner zu kränken. Allein dieß nützte ſo wenig als ein neuer königlicher Befehl, der die härteſten Strafen, Abſetzung, Verbannung drohte. Das Vorurtheil wirkte ſtärker und ſie wollten den Rintfleiſch nicht dulden. Im Jahre 1507 wurde der Stadt Breslau deßhalb eine Geldſtrafe von hundert Mark Silber aufgelegt, weil ſie ſich ſo ungehorſam bezeigte. Der Herzog von Münſter⸗ berg ſollte ſie eintreiben, und da die Breslauer ſie nicht freiwillig gaben und den Herzog ſo wenig achteten als den König, ſo entſtand zwiſchen ihm und ihnen eine Fehde, wo eine große Menge Dörfer verheeret und unter abwechſelndem Glücke bis 1514 gefochten wurde. 4
Der Hund des Kamtſchadalen.
Das einzige Hausthier des Kamtſchadalen iſt der Hund. Kamtſchatka wäre eine traurige Ein⸗ öde, von den Menſchen geflohen; aber Gott hat ihnen den Hund geſchenkt und mit ihm das ganze Land, das durch ihn bewohnbar wird.
Sehr intereſſant iſt es, zu ſehen, wie es die Menſchen anfangen, um aus den Hunden Zug⸗ pferde zu bilden. Man wirft die jungen Hunde, ſobald ſie ſehen können, ganz unbarmherzig in eine dunkle Erdhöhle, wo ſie ſo lange eingeſperrt bleiben, bis man ſie zu einem Verſuche für tüch⸗ tig genug hält. Man ſpannt ſie alsdann mit an⸗ dern ſchon eingeübten Hunden vor einen Schlit⸗ ten, den ſie aus Leibeskräften vorwärts ziehen, weil ſie von dem ungewohnten Lichte und der Menge unbekannter Gegenſtände, die ſie auf ein⸗ mal erblicken, wie geblendet werden. Nach die⸗ ſem kurzen Verſuche müſſen ſie wieder in ihren dunklen Kerker zurück, und von nun an wird dieſes Verfahren ſo lange wiederholt, bis ſie zum Zuge geſchickt und gelehrig genug ſind, den Zu⸗ ruf ihres Führers zu verſtehen..
Will man ein Geſpann bilden, ſo iſt es vor Allem nöthig, einen guten Leithund auszuwäh⸗ len, wobei vor Allem Gelehrigkeit und Kraft in Anſchlag kommt, Der Führer des Schlittens ſitzt mit ausgeſpreizten Beinen vorn, ſo daß ſeine Füße faſt den Schnee berühren. In der Hand hält er eine lange Peitſche, die man nur nach vieler Uebung führen lernt; da jedoch die Kamtſchadalen von Kindheit an damit umgehen, Und der Gebrauch dieſes Inſtrumentes einen Haupttheil ihrer Er⸗ ziehung ausmacht, ſo wiſſen ſie es ſehr geſchickt zu handhaben. Uebrigens vermeiden ſie den Ge⸗ brauch der Peitſche ſo viel als nur möglich, weil er ſtets verdrießliche Folgen nach ſich zieht, und die Fahrt eher aufhält als beſchleunigt. Der Hund, welcher einen Peitſchenhieb erhalten hat, ſtürzt ſich auf den ihm nächſten und beißt ihn, der Ge⸗ biſſene thut einem Dritten desgleichen, und ſo iſt in einem Augenblicke das ganze Geſpann in Unordnung..
Das mühevolle Leben dieſer Thiere findet nur während des kurzen Sommers einige Er⸗ leichterung. Da ſie in dieſer Jahreszeit keine Dienſte thun, ſo hat Niemand Acht auf ſie, und ſie genießen der vollkommenſten Freiheit, die ſie benutzen, um ihren Huͤnger zu ſtillen. Ihre Nah⸗ rung beſteht einzig und allein aus Fiſchen—


