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(1858) 12 12
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in Bäumchen im Walde ruft entzückt: O ſeht, wie herrlich bin ich geſchmückt! An meinen Zweigen allüberall änzt Diamant und Bergkryſtall! knarrt die Fichte, vom Froſte ſteif:

Das iſt ja Reif!

Die Fiſclein fagen:Was iſt denn das, Wir haben wohl gar ein Dach von Glas?

Drauf tummelt ſich wie Mit lautem Jubel da Da ſpricht der Hecht, der

Das iſt ja Eis!

Und wenn es recht beginnt zu ſchnein, Verwundern ſich ſehr die Vögelein: Iſt denn der Frühling wieder da? Es regnet ja Blüthen fern und nah! Da krächzt der Rabe:O weh, o weh, Das iſt ja Schnee!

Ber Marienſchacht.

Eie Erzählung. Von Adolf Stern.

(Schluß.)

Lorenz Konrad hatte mit einigem Er⸗ ſtaunen die eilfertige Weiſe bemerkt, mit welcher Herr Richard Steinburg ſich in die An⸗ gelegenheit des Kohlenſchachtes hineintrieb. Der Agent hielt Steinburg im Anfang für einen zu klugen und beſonnenen Mann, um ſich weiter Hoffnungen zu machen, als diejenige, einige Gelder für Beſichtigungen und vorläu⸗ fige Agenturen zu erhalten. Nun die Dinge eine ſo unverhofft günſtige Wendung nahmen, reiften in ſeiner verdorbenen Seele, von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag zwei Pläne, die mit dem Steinburg'ſchen Hauſe in Verbindung ſtanden. Er wollte ſich bereichern, ſoweit er es ohne Gefahr für ſeineStellung in der Welt konnte, und er wünſchte die junge Frau zu demüthigen, die ihn hatte fühlen laſſen, wie hoch ſie ſich über ihn hielte an Bildung, am Herzen, an Herkommen.

Erinnerungen. December 1858.

3 Erinnerungen. ws

Im Winter.

Es ſenket ſich in der heiligen Nacht Ein Stern hernieder in Wunderpracht; Und jede Hütte, Erglänzet von ſeinem Freudenſchein. Die Kinder jubeln:Geboren iſt

ob groß, ob klein,

Der heil'ge Chriſt!

Wind geſchwind

Dem Schneemann draußen dem iſt's nicht recht; Er ſpricht ſo grämlich, wie Rab' und Hecht: Ich hab' von Kohlen ein Augenpaar, Doch nahm ich nie ſolch Wunder wahr. Ein Stern vom Himmel? Das kann allein

'ne Schnuppe ſein.

Laß uns mit Deiner Weisheit Ruh, Du kohlenäugiger Schneeniann Du! Wem nie tiefinnen im Gemüth Ein Strahl von Poeſie erglüht,

Der ſoll im warmen Sonnenſchein

Ein Schneemann ſein!

Ja, wenn er abwog, was ihm eigentlich die wichtigere Angelegenheit war, ſo entſchied er ſich für das letztere. Er war noch immer ſehr romantiſch der praktiſche Mann! Einen Au⸗ genblick, wo ſich keine Ausſicht bot, je mit dem Hauſe, das ihn zurückſtieß, in nähere Bezie⸗ hungen zu treten, hatte er wilde Wünſche gehegt, wüſte Bilder hatten ſich in einer von Lektüre und Leben gleich beſchmutzten Phan⸗ taſie geſtaltet. Bald erkannte er, daß Richard Steinburg nicht der Mann ſei, an deſſen Frau, und wenn er keinen Hauch der Neigung mehr für ſie empfinde, von einem andern, von ihm gedacht werden konnte. Aber zu demüthigen war ſie und demüthigen wollte er ſie. Alle Gefühle, die einen Pöbel, der einen Thron in Stücke ſchlägt, erfüllen, die einen Neider, der guten Ruf vernichtet, entzücken, waren Lorenz Konrad nicht fremd. Er blieb immer ro⸗ mantiſch der praktiſche Mann, und wie viel Mühe er ſich gab, an die Kohlenſchächte zu den⸗ ken, er dachte weit mehr an die ſtolze Blanka, die jetzt Sonntag für Sonntag ſeine Schänken⸗ witze vernehmen mußte.

Herr Konrad täuſchte Steinburg, nicht ſich mit dem Gold, was aus den Stein⸗

W. Ernf.

kohlen erſtehen ſolle. War er ja doch auch als

Agent für Profeſſor Xaver gereiſt und hatte von dem berühmten praktiſchen Gelehrten eine Tantième erhalten, daß er ihm zur theuer ho⸗ norirten Abfaſſung eines wiſſenſchaftlichen Gut⸗

achtens verholfen. Jetzt wo der ſtrengſte Ernſt

mit dem Unternehmen gemacht, eine Maſchine beſtellt, ein Steiger mit einigen Bergleuten gewonnen wurde, jetzt war es ſowohl dem Gelehrten als ihm etwas unbehaglich. Die Ausbeute konnte nur eine geringe ſein, ehe man überhaupt auf Kohlen ſtieß, verſchlang der Schacht Summen über Summen.

Heute war es ein trüber Novembertag. Am Abend vorher hatte ſich Konrad bei der Rückkehr von einer der Geſchäftsreiſen, die er häufig zu machen pflegte, im Landhaus Ri⸗ chards eingefunden. Die Ueberfahrt nach dem andern Ufer war bei dem nebligen und ſtürmi⸗ ſchen Wetter nicht gut zu wagen. Richard Steinburg lud Konrad ein, ſich die Nacht in ſeinem Gaſtzimmer gefallen zu laſſen. Blanka, ſo ſehr ſie Selbſtbeherrſchung in dieſer trüben Zeit gewonnen hatte, erblaßte, als dieß ausgeſprochen war. Sie fühlte, daß eine Entweihung ihrem häuslichen Herd bevorſtehe,

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