Heft 
(1858) 12 12
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und daß ſie zu ſchwach ſei, denſelben zu ſchützen. Stumm begab ſie ſich aus dem Zimmer und ertheilte die nöthigen Anordnungen und Be⸗ fehle. So weit war es in wenigen Monaten gekommen, daß ein Menſch, dem Richard ſonſt das Haus verboten haben möchte, in dem⸗ ſelben mit den Rechten eines geachteten Freun⸗ des weilte, ja vielleicht ihrem Gatten unent⸗ behrlicher als ein ſolcher ſei.

Konrad bemerkte das Erblaſſen Blan⸗ kas und legte ihm auch die richtige Deutung unter. Er ſchlief wenig; er dachte an die ſchlafloſe Frau, welche den Morgen des Herbſt⸗ tages herbeiſehnte, der ihre Schwelle von dem ſtörenden Gaſt befreien ſollte. Herr Konrad hatte einigen Grund zu glauben, daſs dies vielleicht minder ſchnell geſchehen würde. Und ſein Behagen war derart, daß er bei Tagesgrauen die Güte hatte, eine Einladung zum Familien⸗ frühſtück abzulehnen, und es vorzog auf ſeinem Zimmer den Kaffee zu trinken. Er ſaß noch ein wenig ungeſchickt in der prächtig gemuſter⸗ ten Ottomane, er ſchien weder elegante Mor⸗ genſchuhe, die er doch neuerdings gekauft, noch Fußteppiche gewöhnt zu ſein. Aber er dachte, das werde ſich finden.

Um die neunte Stunde trat er in Ri⸗ chards Bureau. Der junge Kaufmann empfing ihn mit Haſt, forderte Berichte über vieles. Vom eignen Eifer wie von der Nothwendigkeit gedrängt, Reſultate zu ſehen, hatte Richard an ſeinen Kohlenſchächten trotz des heranna⸗ henden Winters beginnen laſſen. Gerade jetzt war ihm Konrad, der wirklich einige Ge⸗ wandtheit beſaß, höchſt nothwendig. Auch kannte er Geſchäftsgeheimniſſe, Geldangelegen⸗ heiten, die nur ein ſo junger vom Spekulations⸗ geiſt erhitzter Kaufmann einem Andern bekannt werden läßt. Konrad hielt ſich für unentbehr⸗ lich. Nach einigem Herüber⸗ und Hinüberreden erklärte Herr Konrad dem überraſchten Richard:

Leider werde ich noch vor Weinachten meine Stellung als Agent Ihres Geſchäftes verlaſſen müſſen. Es iſt mir eine vorzügliche Stelle als Buchhalter der Verſicherungskom⸗ paguie in M. angetragen worden, die ich kaum zurückweiſen darf!

Der entſchiedene Ton, in welchem Konrad ſprach, ſchlug Richard Steinburgs Zwei⸗ fel nieder. Und warum ſollte es auch nicht möglich ſein, daß das Direktorium einer Kom⸗ pagnie dem zweifelhaft renommirten Manne das Zutrauen ſchenkt, was er ihm ſelbſt ge⸗ währt. Richard fühlte nun, daß ihm Herr Lorenz Konrad jetzt ſehr fehlen werde. So ſagte er:

Lieber wäre es, Sie blieben bei uns. Ich bin ja, wie Sie wiſſen, bereit, Ihnen einen An⸗ theil an dem begonnenen Werke zu ſichern, ich will auch Ihre proviſoriſche Stellung verbeſſern.

Reden wir offen: Mann gegen Mann entgegnete der Agent trauernd. Meine Stellung entbehrt des Vertrauens. Sie geſtehen mir keinen äußeren Beweis desſelben zu, das ver⸗

anlaßt mich weſentlich aus Ihrem Geſchäfte zu ſcheiden.

Was verlangen Sie aber dann 2 ſagte Richard geärgert.

Konrad zögerte doch einen Augenblick mit der Antwort:Sie müſſen mir Procura er⸗ theilen, und den Leuten hier im Thale zeigen, daß ich wirklich Ihr Geſchäftsagent bin. Mei⸗ nen Sie, es fällt unſern Bauern und Berg⸗ leuten nicht auf, daß ich noch immer im Dorf⸗ wirthshauſe wohne, während hier im Hauſe leere Zimmer ſind?

Richard erſchrak vor der zuverſichtlichen Unverſchämtheit des Agenten. Er überſah mit einem klaren Blick die zweideutige Vertraulich⸗ keit, zu der er herabgeſtiegen war. Er dachte auch an Blanka. Aber bereits im nächſten Moment hatte der Dämon, der ihn erfaßt, wieder die Oberhand. Er hatte ſich ſeit Mona⸗ ten gewöhnt, alle feineren Gefühle, alle auf⸗ wallenden Regungen als unpraktiſch, als ſchädlich anzuſehen. So ſcheuchte er ein warnendes Ehr⸗ gefühl zurück und entgegnete dem Fordernden:

Daß Sie Procura haben müſſen, ſehe ich ein. Ich werde ein Circulare an meine Ge⸗ ſchäftsfreunde erlaſſen. Alles andere muß i erſt mit meiner Frau beſprechen. Wir reden am Mittag weiter darüber.

Aus dem Tone dieſer Worte klang es deut⸗ lich genug heraus, daß die Unterredung mit Blanka eine befehlende ſein werde. Herr Lo⸗ renz Konrad betrachtete ſich als Inſaſſen des Hauſes, und ging zurück nach dem Gaſt⸗ zimmer, dort den Inhalt ſeines Reiſeſackes ziemlich ſeine Habe, die werthvollſte barg eine alte Brieftaſche zu vertheilen.

Richard begab ſich nach dem Zimmer Blankas. Die Wahrheit zu ſagen, war er etwas beengt und bedrückt, als er die Thür zu dem kleinen Kabinet vor Blankas Schlaf⸗ zimuter öffnete. Die vertraute Einrichtung: der grüne ſchwarzgemuſterte Teppich über dem Boden, der geſtickte am kleinen Sopha, der polirte Schreibtiſch, der Nähtiſch, die beiden Lehnſeſſel, die zahlreichen geſchmackvollen Klei⸗ nigkeiten kamen ihm fremd vor. Und dort grüßte ihn ſein junges ſchönes Weib; die Freude über den unerwarteten Morgenbeſuch glänzte auf dem ſchönen Geſicht. Was wollte er thun? Wie ſie in ihrem Häubchen, im Morgenanzug vor ihm ſtand, glänzend weiß und rein, ſchien das nicht, wie eine Aufforderung zu ſchweigen? Er brachte ſtockend hervor:

Liebe Blanka, es wird nothwendig ſein, daß Herr Konrad einige Zeit von unſeren Gaſtzimmern Beſitz nimmt.

Diesmal erröthete Blanka vor Zorn und Scham, doch ſagte ſie:

Was nennſt Du einige Zeit?

Die Geſchäfte machen es für mich noth⸗ wendig, Konrad ſtets um mich zu haben.

Blanka that einige Schritte nach Ri⸗ chard hin. Sie blieb vor ihm ſtehen, ſah ihm entſchloſſen ins Geſicht und ſagte immer noch bittend:

Richard das ſprachſt Du nicht aus Ueberzeugung. Du darſſt ja keine Geſchäfte haben, die Dich zu etwas bringen, was nicch er⸗ niedrigen, was Dir zum Unheil gereichen muß. Richard, ich flehe Dich an, bei aller Deiner Liebe ſtehe ab von dieſem Verlangen!

Klingt die Stimme ſorgender Liebe ſo ſchrill? Der junge Mann glaubte nichts zu vernehmen, als den Ruf des Vorurtheils, des überſpannten Frauenherzens, die ihm ſeine Wege als Mann und Mann des Tages kreuzen wollte. Und raſch verflog ſeine Unentſchloſſen⸗ heit, er wies ſich ſelbſt zurecht, ſcheuchte den Warner in ſich und rief:

Es muß aber ſo ſein. Was ich verſtändig erwogen, ſoll mir die Thorheit nicht zerſtören!

Und nach ſolchen Worten ließ er ſeine Frau allein.

Troſtlos, ſchluchzend, ig haltlos barg Blanka ihr Haupt in demt einſamſten Winkel des Kabinets. Es war ihr, als könne das höh⸗ niſche Lächeln, das ſie bei dem ſchmutzigen iten richtig vorausſetzte, überall hin drin⸗ Mitten in der Oede eines Schmerzes, der im ſo mehr überwältigte, weil ſie noch kla⸗ res Bewußtſein beſaß, ſtöhnte ſie:

Und es iſt doch ſo. In ſeiner Welt, in ſolcher Welt hat die Neigung keine Stätte! Was ſoll ich thun? Selbſt wenn ich das er⸗ tragen will, es wird dabei nicht bleiben!

Es blieb wirklich nicht dabei. Herr Lorenz Konrad nahm ſeine Wohnung in dem elegan⸗ ten Hauſe und war der immerwährende Gaſt beim Mittags⸗ und Abendtiſch. Blanka er⸗ ſchien freilich häufig nicht, ließ ſich mit Un⸗ wohlſein entſchuldigen. Konrad hatte auch dagegen nichts einzuwenden, er fühlte, ſie ſei gedemüthigt durch ſeine bloße Gegenwart in ihrem Hauſe. Lieber war es ihm freilich, wenn er der ſchönen Frau durch Rohheiten oder Zweideutigkeiten das Blut in die Wangen trei⸗ ben konnte.

Auf Richard übte die Anweſenheit Kon⸗ rads den unglücklichſten Einfluß. Er gewöhnte ſich fortgeſetzt nur ſeinen Geſchäften Beachtung zu ſchenken, alles andere als unweſentlich und nebenſächlich anzuſehen. Bald verlor er die Empfindlichkeit, welche er bis vor kurzem der Unbildung und dem geſpreizten Parvenuthum Konrads gegenüber noch gehabt hatte. Das fortwährende Beiſammenſein, der fortwährende geſchäftliche Verkehr erzeugten zuletzt eine Ge⸗ meinſchaft, eine Vertrautheit, die auch in Aeu⸗ ßerlichkeiten bemerkbar wurde.

So verging der Winter, Blanka ver⸗ lebte Weihnachten, die ihre ungetrübte Seele grauſam peinigten, ſie litt, was nur ein junges Weib leiden kann, die in ſolchen Verhältniſſen keinen Schritt vorwärts, keinen Ausweg, keine Ausſicht weiß, die keinen Rath von Andern zu erbitten wagt, in der Furcht, damit den letzten

Halt zu zerſtören.

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