Rſchard wagte kaum mehr Blanka anzuſekn. Mochte er auch in ſich hinein von Kindechorheiten und krankhafter Empfindlich⸗ keit ſprchen, ſo gab es ein Traumbild in ihm, welche für ſeine wahre und innerſte Empfin⸗ dung ſrach. Wenn das große Kohlenwerk im Gang! wenn der erſte beträchtliche Gewinn gemazt ſein würde, dann wollte er ſein Weib und ein Haus von Lorenz Konrad be⸗ freien ſelbſt wenn es Verluſte koſten ſollte.
Aer ſo weit mußte der Schacht, an dem bei dr erſten Ahnung einer Frühlingswitte⸗ rung gearbeitet wurde, fein, ehe Richard überh upt an freies Aufathmen denken konnte. Die anze Unternehmung nahm große Sum⸗ men in Anſpruch. Lorenz Konrad verreiſte einmalum das andere mit wohlgefüllter Geld⸗ taſche, vhrte leer zurück und hatte noch Wechſel ausgeſtelt. Beinahe gingen die Anlagekoſten ſchon übr Steinburgs Vermögen hinaus.
Abef ſelbſt dieß, was er ſo ſorgfältig vor ſeinem Veibe verhehlt hatte, ſollte den Zwie⸗ ſpalt mi ihr erweitern. Blanka beſaß ein kleines Vermögen, das ſie der Verwaltung Ri⸗ chards übergeben hatte. Jett erſchien es ihm wünſchenswerth, dasſelbe im Intereſſe des Un⸗ ternehmens, auf das er mit unbegreiflicher Hartnäckigkeit ſeine Hoffnungen ſetzte, zu ver⸗ wenden. Er hätte dieß ſtillſchweigend thun kön⸗ nen, da das Kapital einmal in ſeinem Geſchäfte ſtand, aber ein gewiſſes feines Gefühl hielt ihn davon zurück. Er unterrichtete alſo Blanka, war aber nicht wenig erſtaunt, als ſie mit eini⸗ ger Feſtigkeit entgegnete:
„Wenn Deine Umſtände es irgend geſtat⸗ ten, lieber Richard, ſo bitte ich Dich, mein Vermögen nicht in dieſer Unternehmung zu ver⸗ wenden. Ich bitte ernſtlich, es graut mir ſelbſt bei dem unglücklichen Unternehmen betheiligt zu ſein, ja es iſt mir oft, als wenn mein kleines Vermögen uns allein aus dieſem unſeligen Schacht wieder emporhelfen könnte!“
Erbittert über dieſe offene Ausſprache ſei⸗ nes Weibes ging Richard davon. Ueberall glaubte er den Bergrath Halden zu verneh⸗ men, deſſen Urtheil galt alſo ſeiner Frau mehr, als das Vertrauen in ſeine Einſicht, ſeine Klugheit. Richard redete ſich immer tiefer in die Gereiztheit gegen ſeine Frau hinein. Er fühlte nur noch ſelten, wie Unrecht er dem lie⸗ benden Herzen thue, es bedurfte nur einer äu⸗ ßerlichen Veranlaſſung, auch das letzte Band, welches die beiden, ſonſt ſo glücklichen Menſchen beiſammenhielt, zu löſen.
Lorenz Konrad war in den letzten Ta⸗ gen wieder ſehr geſchäftig geweſen. Ein milder Vorfrühling zog durchs Land, der Eisgang des großen Stromes war bereits im Anfange des März zu Ende, jetzt um die Mitte dieſes Monats trat das erſte Grün an's Licht. Auf den Kaiſerfeldern hatte ſich die harte Erde zu⸗ ſehends erweicht. Die Arbeiten am Kohlen⸗ ſchachte nahmen ihren ungeſtörten Fortgang.
Uebermorgen ſollte die feierliche Weihe, die Taufe des neuen Werkes vor ſich gehen.
Richard athmete tief auf, wenn er an dieſes Uebermorgen dachte. Er wußte, daß noch immer große Opfer nöthig ſein würden, ſo große Opfer er auch gebracht hatte. Manchmal in den letzten Tagen zuckte es wie ein Verdacht durch ſeine Seele, daß Lorenz Konrad nicht ganz ehrlich am Geſchäfte handle. Es blieben Zahlungen aus, es kamen Irrthümer bei Zahlungen vor, die er ſich nicht recht erklä⸗ ren konnte. Aber die Suada des Agenten, die lockende Hoffnung auf den Sommer beſchwich⸗ tigten gleichmäßig ein Mißvergnügen, das bei ſtrengerer Prüfung vielleicht dem Agenten ge⸗ fährlich werden konnte.
Heute waren Steinburg und ſein Agent in dem nahen Kreisſtädtchen geweſen. Der er⸗ ſtere lud einige Geſchäftsfreunde zu der über⸗ morgen ſtattfindenden Einweihung des neuen Kohlenſchachtes und machte Einkäufe für ein ſolennes Frühſtück, welches er dabei zu geben beabſichtigte. Sein Agent hatte Geſchäfte auf dem Rathhaus, eine Kleinigkeit, wie er Ri⸗ chard ſagte. In der That ließ er ſich allein den Paß nach England ſchreiben und nickte vergnügt, als der Beamte fragte: Nach Nor⸗ thumberland?„In Angelegenheiten unſerer großen Kohlenunternehmungen.— Ich denke, es wird die letzte Reiſe deshalb ſein,“ ſetzte er, ſcheinbar unbefangen hinzu. Der Beamte drückte das Siegel auf den Paß und verwunderte ſich insgeheim, wie leicht es ſei, zum großen und geachteten Geſchäftsmann emporzuſteigen. Er
dachte vermuthlich an die Zeit zurück, wo man auf den untergeordneten Agenten immer ein wenig polizeiliche Acht hatte.
Bei der Rückfahrt machte ſich die Wirkung der genoſſenen ſchweren Weine geltend. Ri⸗ chard hatte nicht überall angenehme Geſchäfte gehabt, Herr Lorenz Konrad bezeugte ſeine alte Neigung für den Keller des„Italieners“ im Städtchen. Port und Tokayer hatten ſich abgelöſt, der Abend war wieder feucht, wie es die Abende im Vorfrühling ſind. Vom Strome, längs welchem das leichte Fuhrwerk Richards hinflog, kam ein kühles Wehen. Das Waſſer begann eben ſich dunkler zu färben, nachdem die wenigen Sonnenſtrahlen verſchwanden. Aber Richard hatte ſchon längſt das Auge für die Schönheit der ihn umgebenden Natur verloren. Es fiel ihm auf, daß er in den Tagen der Lei⸗ denſchaft und der Schwärmerei mehr innere Ruhe gehabt, als gegenwärtig, wo ſeine Seele wie es ſich für den Mann geziemt, nur mit Zahlen und Briefen erfüllt war. Doch war er
auch nicht geneigt, darüber zu grübeln, er wandte ſich vielmehr zu ſeinem Gefährten, dem die Stille aufing peinlich zu werden. Lorenz Konrad erzählte luſtige Streiche, Liebeshän⸗ del und Abentener.
Richard wurde gleichfalls davon ergrif⸗ fen. Er erinnerte ſich einer Jugendverirrung, einer Neigung, die ihn für einige Monate zu den Füßen einer Kokette geführt hatte. Der
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Aufblick zu der jungfräulichen Blanka hatte ihn damals zu ſich ſelbſt gebracht, und bis heute dachte er nicht gern an dieß Erlebniß zurück. Aber jetzt, wo Lorenz Konrad luſtig von Frauen und Mädchen ſchwattte, erſchien das Bild von Frau Marie— ſo hatte ſeine Schöne geheißen— wieder licht vor ihm. Auch er be⸗ gann ſich in Erinnerungen zu vertiefen. Mit wilder Freude, daß der ſtolze gebildete Mann jetzt in nichts von ihm unterſchieden ſei, hörte Konrad zu. Die Herren fuhren am Hauſe vor, als es ſchon völlig dunkel geworden. Sie ſtiegen aus und Richard plauderte noch im⸗ mer; das Thema ſchien unerſchöpflich. Er kam darauf zurück, als ſie in dem reizenden Parlour ſaßen, das der Zeuge erſter Zerwürfniſſe eines glücklichen Paares geweſen. Konrad bereitete noch ein Glas Punſch, Richard hatte das weinſchwere Haupt auf den Tiſch geſenkt, und ein Beobachter mußte bemerken, daß es die Energie eines Trunkenen war, mit der er ſo oft den Namen Marie ausſprach.
Konrad hatte ſofort bemerkt, daß die Thür zum Muſikzimmer nicht feſt verſchloſſen und in demſelben Licht befindlich ſei. Er errieth richtig, daß ſich Blanka daſelbſt befinden müſſe. Und obwohl er nicht mehr ſonderlich an die gede⸗ müthigte Frau gedacht hatte, ſo ſchoß ihm noch ein übermüthiger Gedanke in das wein⸗ erhitzte Gehirn.
Blanka hatte mit Zittern die beiden Männer heimkommen, mit ſchweren Schritten in das Parlour treten hören. Sie war um ſo aufgeregter, je anhaltender ſie ſich dieſen Nach⸗ mittag, zwiſchen vergeblichen Verſuchen zu mu⸗ ſiciren, mit den Erlebniſſen der letzten Monate beſchäftigte; mit der Gewißheit, Glück und Liebe ſei für lange— noch wagte ſie nicht das Wort immer zu denken— zerſtört. Sie drückte das Licht der großen Aſtrallampe, die auf dem Flügel brannte, ſo tief hinein, daß es nur noch einen ſchwachen Schein gab, beinahe erloſch.
Das Geräuſch, welches von den Gläſern, dem unſichern Auftreten veranlaßt wurde, ſchnitt ihr beinahe ebenſo in die Seele, als der Name, den Richard ausſprach. Jetzt aber hörte ſie Konrad ſagen:
„Da Sie einmal ſo glückliche Erinnerungen haben, Steinburg, ſo ſollten Sie dieſelben zu behalten trachten. Sie ſagen ja, daß Ihre kleine Frau nichts von unſerem Kohlenſchachte wiſſen mag, ſeien Sie friſch und taufen ihn Marienſchacht!“
Richard jubelte auf, verſicherte Herrn Lorenz Konrad, er ſei ein köſtlicher unüber⸗ trefflicher Burſche und der Einfall Goldes werth.
Konrad aber horchte aufmerkſam nach dem Muſikzimmer hin, von deſſen Exiſtenz der trunkene Richard keine Ahnung zu haben ſchien. Dann erinnerte er den Letztern, daß mor⸗ gen, als am Tage vor der Einweihung, noch eine kleine Reiſe nöthig ſei, ließ den beharr⸗ lichen Trinker allein, und ſtieg die Treppe zu ſeinem Zimmer hinauf.


