Heft 
(1858) 12 12
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Er lächelte höhniſch vor ſich hin, hatte den eleganten Hut, den er ſeit einiger Zeit ſtatt des abgegriffenen trug, ſchief und verwegen über den Kopf geſtützt, fühlte nach der Brief⸗ taſche, in der ſein Paß und andere werthvollere Papiere lagen. Er pfiff in der Abſicht, Blanka im Vorübergehen ſein Daſein be⸗ merklich zu machen.

Aber da war ſie ja ſelbſt. Entflohen aus dem Muſikzimmer, die Treppe empor, und dort hatte ſie die fiebernde Erregung einen Augen⸗ blick zur Ruhe gezwungen. Da war ſie ſtehen geblieben, ſinnend vermuthlich über das Weh ihres jungen Herzens. Und noch einen Augen⸗ blick des Traums, ſo berührte ſie das Leben in ſeiner häßlichſten Geſtalt. Herr Konrad, der ſie im Dunkel erkannte, ſchlang ſeinen Arm um ihren Nacken, ſie fühlte den Weindunſt an ihrem Geſichte, mit einem Rufe des Ekels, des Abſcheus wandte ſie ſich ab, ſtürzte nach der Treppe, ein helles Gelächter folgte ihr.

Aber Blanka vernahm nichts. Sie eilte durch das Muſikzimmer, ergriff dort die Lampe, trat oder ſprang vielmehr in das Parlour, wo Richard zuſammengedrückt, trunken und froſt⸗ ſchauernd ſaß. Bebend ſtellte ſie ſich vor ihren Gatten, auf den der matte Schein des Lichtes fiel. Und trotz des Lichts, trotz ihrer Augen, bemerkte ſie nicht die rothen erhitzten Augen, das ſchlaff herabhängende Haar, die abgeſpann⸗ ten Züge. Der Schmerz, der Schimpf des Au⸗ genblicks ſchien ſie der Sinne beraubt zu haben. Nur die Sprache war ihr geblieben, die heftige, drängende Sprache der Verzweiflung, mit der ſie rief:

Richard, der Elende, dem Du Dein Haus geöffnet, hat mich beſchimpft! Er verläßt morgen dieſe Schwelle! Du weiſeſt ihm die Thür! Und der Schacht, den Du begründet hörſt Du? wird nicht der Marienſchacht heißen! Nicht ſo, um meinetwillen!

Einen langen Angenblick zögerte er mit der Antwort. Er fühlte, daß er nicht klar Alles begriffen habe, was ſeine Frau von ihm wollte, aber es kam ihm vor, als ſolle eine Schwär⸗ merei den guten Gang ſeines Geſchäfts unter⸗ brechen. Mit ſo vielem Trotz, als nur ein Trunkener haben kann, ſchrie er:

Konrad bleibt. Und mein Schacht iſt der Marienſchacht!

Blanka zuckte, ſie griff nach einer Stuhl⸗ lehne. Noch einmal ſtöhnte ſie:

Wird Konrad nicht gehen?

Nein! nein! trotzte Richard, der ſich über ſein Mannesthum freute.

Die Lampe, welche in der Hand der jungen Frau bisher geſchwankt hatte, fiel klirrend zu Boden, Glocke und Cylinder zerſplitterten. Blanka war es, als rinne ſchmutziges Oel über ihre Füße, als ſchnitte ein Glasſplitter in dieſelben, indem ſie floh. Aber das war unge⸗ wiß, Blanka fühlte nichts, wußte von nichts. Sie war in ihrem Zimmer, ſie war in die Knie zuſammengebrochen, ihr Kopf brannte, aber was ſollte das alles gegen die Gewißheit, die

bohrend in Nerven und Fibern drang; die Gewißheit, es ſei aus zwiſchen Richard und ihr.

Spät in der Nacht verriegelte ſie ihr Zim⸗ mer und ſetzte ſich zum Schreiben. Am andern Morgen in aller Frühe verließen Richard und Herr Konrad das Haus, der erſtere mit dem Bedeuten, daß er die nächſte Nacht nicht über den Strom zurückkommen, ſondern beim Gebäude des Schachtes bleiben werde. Er laſſe ſeine Frau erſuchen, ſich am Morgen des fol⸗ genden Tages zur Einweihung mit einzufinden. Es war Richard bei dieſen Aufträgen, als habe er in der Nacht einen wüſten Streit mit ſeinem Weibe gehabt, aber er beſann ſich nicht klar.

Lorenz Konrad ging nach der nächſten Eiſenbahnſtation. Dieß wußte Richard, aber ſchwerlich, wohin Herr Konrad, der auf das Landhaus am Strom und nach den ver⸗ hüllten Fenſtern Blankas eine Art Abſchieds⸗ blick warf ſeinen Fahrſchein löſte.

Im Hauſe des Bergrath Halden, am Dallwitzer See war es den Winter über ſtill geworden. Es war erſt ſeit einigen Tagen be⸗ wohnt; um nicht in der Einſamkeit des Land⸗ lebens aufzugehen, brachten Halden und ſeine Gattin regelmäßig ein paar Wintermonate in der großen Stadt zu. Indeſſen hatten Beide auch dort mit aufrichtiger Bekümmerniß von dem Leben im Steinburgſchen Hauſe von Andern vernommen.

Blanka hatte ſich getreu an das Verbot ihres Mannes das die Bergräthin ahnte gehalten, und nicht einmal über ihre Lage, über alles, was ihr Leben vertrübte, an die Freundin, zu der ſie immer mit dem Vertrauen einer Schülerin aufſah, geſchrieben.

Die Märzſonne überlief die letzten feſten Schollen, die der Eisbruch ans Ufer getrieben hatte, ſo daß tauſend Funken in ihnen blitzten. Der Hintergrund des Bildes, obwohl Weiden und Erlen blattlos in die reine Luft hinein⸗ ragten, war durch die Gruppen des Nadel⸗ holzes, die einen Theil des Bergwaldes bilde⸗ ten, noch immer anmuthig genug. Die Berg⸗ räthin hatte die weibliche Arbeit, mit der ſie beſchäftigt war, in den Schooß ſinken laſſen, und wurde nicht müde, durch das geöffnete Fenſter nach Waſſer und Wald auszuſchauen. Selbſt das Geräuſch eines nahenden Wagens lenkte ſie nicht ab von dem ſtillen Betrachten.

Wohl aber ſchrak ſie empor, als ihre Thür geöffnet wurde, eine Frauengeſtalt in Mantel und Schleier über die Schwelle trat. Es war Blanka, die ihr wortlos, thränenlos, bleich entgegentrat: Die Bergräthin wagte nach ihrem freudigen Gruß keine Frage zu thun, der An⸗ blick der jungen Frau erſchütterte ſie zu ſehr. O, Helene Halden wußte beſſer als tau⸗ ſend Andre, was Sorge und Leiden heißt, wußte, welche Spuren ſie auf dem Menſchengeſicht zu furchen pflegt. Aber ſo hatte ſie ſich nie geſe⸗

hen, ſelbſt wenn ſie nach durchweinten Nächten, nach erlittenen Demüthigungen, nach zrſtörten Hoffnungen vor ihren Spiegel trat. Einige Minuten blieben die beiden Frauen zortlos, nur ihre Augen ſprachen.

Endlich begann Blanka:Es iſin kur⸗ zer Zeit zum äußerſten gekommen, ich reſe eben zu meinen Eltern. Liebe Freundin, Si ſehen mich gefaßt!

Blanka ſprach eine Lüge, die ihre leichen Lippen, und das ſchmerzliche Zucken des Ceſichts widerlegten. Die Bergräthin legte ihr Hand auf die Schulter der zitternden Frau:

Aber das iſt ja entſetzlich! Blank, hal⸗ ten Sie inne, thuen Sie keinen Schritt, ſuchen Sie Rath bei Andern. Es kann das umöglich in wenig Monaten unwiderruflich ſo neit ge⸗ kommen ſein.

Es iſt dennoch ſo! entgegnete Zlanka tonlos. Und nun begann ſie die tribe Ge⸗ ſchichte ihrer letzten Lebensmonate zu erzählen, von jenem friedlichen Abende, der ſo herb ge⸗ ſchloſſen, an. Sie ſprach mit den ſchmendſten Worten über Richard, aber die Begräthin, die das Alles viel leichter, viel weriger tief⸗ eingreifend gedacht hatte und nun erfahren mußte, was Blanka berichtete, errathen mußte, was ſie zartfühlend verſchwieg, begann zu denken, die Entfernung der jungen Frau aus dem Hauſe ihres Gatten ſei keine Ueber⸗ eilung. Doch fragte ſie noch immer, ja noch dringlicher:

Und Sie fühlen ſich nicht fähig zu blei⸗ ben? Nur einige Zeit noch Geduld zu haben?

Blankas Antlitz wurde jetzt mit hellem Roth übergoſſen. Leiſer, aber feſt antwortete ſie:Ich bin nicht Richards Schweſter, ich bin ſein Weib. Helene, Sie ſind eine Frau und älter als ich. Ihnen darf ich das ſagen. Meinen Sie, daß ich morgen erwarten darf, wenn Richard heimkehrt und mich mit den Lippen küßt, die jenem Elenden den Bruderkuß gegeben haben? Soll mich der Arm umſchlin⸗ gen, der mich nicht ſchützt? Und ſoll ich frage Sieſoll ein Kind, das wir in der Zeit heiligen reinen Glückes umſonſt erſehnt, einer Trunkenheit von der Einweihung de Marienſchachtes ſein Leben danken?

Die Bergräthin war beſiegt. Sie konnte, ſie durfte nichts erwiedern. Sie begriff vollſtän⸗ dig das Elend einer Frau, der die Heiligkeit der hingebenden Liebe entweiht iſt. Nie hatte ſie ſo ſehr ihren Franz herbeigeſehnt, als jetzt, wo die ſchluchzende Blanka neben ihr ſaß. Sie bat dieſelbe zu bleiben, mindeſtens bis der Bergrath käme, der verreiſt und vor Abends nicht zu erwarten war. Blankas Entgegnung beſchränkte ſich auf die Worte,ſie wolle keinen Anlaß geben, Richards Erbitterung gegen dieſes Haus zu ſteigern, ihr einziger Platz ſei bei ihren Aeltern.

Nach einer Stunde, in welcher Helene Halden ſchmerzlich die Unmöglichkeit erkannte, hier zu helfen, hier nur aufzuhalten, nahm